Gustav Schwab - Die Argonautensage

admin am Mrz 29th 2008

warten; ich gehorche der Notwendigkeit, die mich hierher gesendet hat.« »Gut«,
sprach der König, »geh jetzt zu deiner Schar, aber besinne dich; gedenkst du
nicht alles auszuführen, so überlaß es mir und meide mein Land.«
Der Rat des Argos

Iason und seine zwei Helden erhoben sich von ihren Sitzen. Von den Söhnen des
Phrixos folgte ihnen allein Argos; denn er hatte den Brüdern gewinkt, drinnen
zu bleiben. Jene aber verließen den Palast. Aisons Sohn leuchtete von Schönheit
und Anmut. Die Jungfrau Medea ließ ihre Augen durch den Schleier nach ihm schweifen,
und ihr Sinn folgte seinen Fußstapfen wie ein Traum. Als sie wieder allein in
ihrem Frauengemach war, fing sie an zu weinen; dann sprach sie zu sich selbst:
›Was verzehre ich mich im Schmerz? Was geht mich jener Held an? Mag er der herrlichste
von allen Halbgöttern sein oder der schlechteste, wenn er zugrunde gehen soll,
so mag er’s! Und doch - o möchte er dem Verderben entrinnen! Laß ihn, ehrwürdige
Göttin Hekate, nach Hause zurückkehren! Soll er aber von den Stieren überwältigt
werden, so wisse er vorher, daß ich wenigstens über sein trauriges Los mich
nicht freue!‹

Während Medea sich so härmte, waren die Helden unterwegs nach dem Schiffe,
und Argos sagte zu Iason: »Du wirst meinen Rat vielleicht schelten; dennoch
will ich ihn dir mitteilen. Ich kenne eine Jungfrau, die mit Zaubertränken umzugehen
versteht, welche Hekate, die Göttin der Unterwelt, sie brauen lehrt. Können
wir diese auf unsere Seite bringen, so bezweifle ich nicht, daß du siegreich
aus dem Kampfe hervorgehen wirst. Willst du es, so gehe ich hin, sie für uns
zu gewinnen.« »Wenn es dir so gefällt, mein Lieber«, erwiderte Iason, »so widerstrebe
ich nicht. Doch steht es schlecht um uns, wenn unsere Heimfahrt von den Weibern
abhängt!« Unter solchen Reden langten sie beim Schiffe und den Genossen an.
Iason berichtete, was von ihm begehrt worden sei und was er dem Könige versprochen
habe. Eine Zeitlang saßen die Genossen stumm einander anblickend, endlich erhob
sich Peleus und sprach: »Held Iason, wenn du dein Versprechen erfüllen zu können
glaubst, so rüste dich. Hast du aber nicht volle Zuversicht, so bleibe fern
und sieh dich auch nach keinem von diesen Männern hier um; denn was hätten sie
anders zu erwarten als den Tod?«

Bei diesem Worte sprang Telamon auf und vier andere Helden, alle voll kampflustigen
Mutes. Aber Argos beruhigte sie und sprach: »Ich kenne eine Jungfrau, die weiß
mit Zaubertränken umzugehen: sie ist eine Schwester unsrer Mutter; nun laßt
mich zu meiner Mutter gehen und sie überreden, daß sie die Jungfrau uns geneigt
mache. Alsdann kann erst wieder von jenem Abenteuer, zu welchem sich Iason erboten
hat, die Rede sein.« Kaum hatte er ausgesprochen, so geschah ein Zeichen in
der Luft. Eine Taube, der ein Habicht nachjagte, flüchtete in Iasons Schoß;
der nachstürzende Raubvogel aber fiel auf den Boden des Hinterschiffes nieder.
Jetzt erinnerte sich einer der Helden daran, daß auch der alte Phineus ihnen
geweissagt, Aphrodite, die Göttin, würde ihnen zur Rückkehr verhelfen. Alle
Helden stimmten darum dem Argos bei; nur Idas, der Sohn des Aphareus, erhob
sich unwillig von seinem Sitze und sprach: »Bei den Göttern, sind wir als Weiberknechte
hierhergekommen, und anstatt uns an den Ares zu wenden, rufen wir die Aphrodite
an? Soll der Anblick von Habichten und Tauben uns vom Kampfe abhalten? Wohl,
so vergesset den Krieg und gehet hin, schwache Jungfrauen zu betrügen.« So sprach
er zornig; viele Helden murrten leise. Aber Iason entschied für Argos. Das Schiff
ward am Ufer angebunden, und die Helden harreten der Rückkehr ihres Boten.

Aietes hatte unterdessen außerhalb seines Palastes eine Versammlung der Kolcher
gehalten. Er erzählte ihnen von der Ankunft der Fremdlinge, ihrem Begehren und
dem Untergang, den er ihnen bereitet hätte. Sobald die Stiere den Führer umgebracht
hätten, wollte er einen ganzen Wald ausreißen lassen und das Schiff mitsamt
den Männern verbrennen. Auch seinen Enkeln, die diese Abenteurer herbeigeführt
hätten, dachte er eine schreckliche Strafe zu.

Mittlerweile ging Argos seine Mutter mit bittenden Worten an, daß sie ihre
Schwester Medea zur Beihilfe bereden möchte. Chalkiope selbst hatte Mitleid
mit den Fremdlingen gefühlt, aber nicht gewagt, dem grimmigen Zorn ihres Vaters
entgegenzutreten. So kam ihr die Bitte des Sohns erwünscht, und sie versprach
ihren Beistand.

Medea selbst lag in unruhigem Schlummer auf ihrem Lager und sah einen ängstigenden
Traum. Ihr war, als hätte der Held sich schon zu dem Kampfe mit den Stieren
angeschickt. Er hatte aber diesen Kampf nicht um des Goldenen Vlieses willen
unternommen, sondern um sie als Gattin in die Heimat zu führen. Nun war es ihr
im Traume, als ob sie selbst den Kampf mit den Stieren bestände, die Eltern
aber wollten ihr Versprechen nicht halten und dem Iason den Kampfpreis nicht
geben, weil nicht sie, sondern er geheißen war, die Stiere anzuschirren. Darüber
war ein heftiger Streit zwischen ihrem Vater und den Fremdlingen entbrannt,
und beide Teile machten sie zur Schiedsrichterin. Da wählte sie im Traume den
Fremdling; bitterer Schmerz bemächtigte sich der Eltern, sie schrien laut auf
- und mit diesem Schrei erwachte Medea.

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