Gustav Schwab - Der Tod des großen Ajax
admin am Mrz 29th 2008
Freund seines Großvaters Peleus und der Erzieher seines Vaters Achill, auf den
jungen Helden zu und betrachtete voll Verwunderung die Ähnlichkeit mit dem Peliden.
Schmerz und Freude bestürmten ihn zugleich: jener bei der Erinnerung an den
Tod seines Pflegesohnes, diese, weil er dessen kräftigen Sprößling vor sich
sah. Ein Tränenstrom quoll aus den Augen des Greises, er umarmte den herrlichen
Jüngling, küßte ihm Haupt und Brust und rief: »O Sohn, mir ist, als wandle dein
Vater, um den ich mich täglich abhärme, wieder lebendig unter uns! Doch stille!
es darf der Gram um den Vater dir jetzo den Mut nicht schwächen; vielmehr sollst
du, das Herz voll Zornes, den Griechen zu Hilfe kommen und den grimmigen Sohn
des Telephos töten, der uns soviel Schaden getan. Übertriffst du ihn doch an
Kraft so weit, als dein Vater seinen Vater übertraf!« Bescheiden erwiderte darauf
der Jüngling: »Wer der Tapferste sei, werden erst Feldschlacht und Schicksal
entscheiden, o Greis!« Mit diesen Worten wandte er sich nach den Schiffen und
dem Lager zurück, denn die Nacht war eingebrochen, und die Helden kehrten um
vom Streite nach ihren Zelten.
Bei Tagesanbruch begann der Kampf aufs neue. Lanze mit Lanze, Schwert mit Schwert
kreuzte sich, und ein Mann drang auf den andern ein. Lange war das Gefecht unentschieden,
und auf beiden Seiten mordeten und fielen die Helden. Dem Eurypylos ward ein
Freund erschlagen; darüber verdoppelte sich seine Wut, und er warf die Achajer
nieder, wie man Bäume in dichten Waldungen zu Haufen fällt, so daß die Stämme
zerrissene Schluchten anfüllen. Endlich aber trat ihm Neoptolemos entgegen,
und beide schüttelten ihre mächtigen Lanzen in der Rechten. »Wer bist du, Jüngling,
woher bist du gekommen, mich zu bekämpfen?« rief zuerst Eurypylos seinem Gegner
zu, »fürwahr, dich reißt dein Geschick zur Unterwelt hinab!« Neoptolemos erwiderte:
»Warum willst du meine Abstammung wissen wie ein Freund, da du doch ein Feind
bist? So wisse denn, ich bin der Sohn des Achill, der einst deinen Vater verwundete;
die Rosse meines Wagens sind die windschnellen Kinder der Harpyien und des Zephyros,
die selbst über das Meer dahinrennen; die Lanze, vom Scheitel des hohen Berges
Pelion stammend, ist die Lanze meines Vaters; die sollst du jetzt erproben!«
So sprach der Held, sprang vom Wagen und schüttelte den Speer. Von der andern
Seite hob Eurypylos einen gewaltigen Stein vom Boden auf und warf ihn nach dem
goldenen Schilde seines Feindes; doch der Schild erzitterte nicht einmal. Wie
zwei Raubtiere drangen beide jetzt aufeinander ein, und rechts und links von
ihnen wogte die Feldschlacht in langen Reihen. Jene aber zerstießen einander
die Schilde und trafen bald die Schienen, bald die Helme; ihre Kraft wuchs mit
dem Kampfe, denn beide stammten von Unsterblichen ab. Endlich gelang es der
Lanze des Neoptolemos, den Weg in die Kehle des Gegners zu finden: ein purpurner
Blutstrom drang aus der Wunde, und einem entwurzelten Baume gleich stürzte Eurypylos
entseelt zu Boden.
Nach seinem Falle hätten sich die Trojaner vor Neoptolemos wie Kälber vor dem
Löwen hinter ihre Mauer geflüchtet, wenn nicht Ares, der schreckliche Kriegsgott
selber, der den Trojanern Beistand verleihen wollte, unbemerkt von den andern
Göttern, den Olymp verlassen und mit seinen feuerschnaubenden Rossen den Kriegswagen
mitten ins Schlachtgetümmel hineingetrieben hätte. Hier schwang er seinen mächtigen
Speer und ermahnte die Troer mit lautem Zurufe, den Feind zu bestehen. Diese
staunten, als sie die göttliche Stimme hörten; denn den Gott selbst, den ein
Nebel unsichtbar machte, sahen sie nicht. Der Sohn des Priamos, der gepriesene
Seher Helenos, war der erste, dessen Scharfsinn den Gott erkannte und der seinen
Leuten zurief. »Bebet nicht! Euer Freund, der mächtige Kriegsgott, ist selbst
mitten unter euch: habt ihr den Ruf des Ares nicht vernommen?« Jetzt hielten
die Trojaner wieder stand, und das Gemetzel begann auf beiden Seiten von neuem.
Ares hauchte den Trojanern gewaltigen Mut ein, und zuletzt wankten die Reihen
der Griechen. Nur den Neoptolemos vermochte er nicht zu schrecken; dieser kämpfte
mutig fort und erschlug jetzt diesen, jetzt jenen im Streite. Der Gott zürnte
über seine Kühnheit, und schon war er im Begriffe, die Wolke, die ihn umgab,
zerreißend, dem jungen Helden sichtbar im Kampfe entgegenzutreten, als Athene,
die Freundin der Griechen, vom Olymp herunter auf das Schlachtfeld eilte. Die
Erde und die Wellen des Xanthos erbebten vor ihrer Ankunft, leuchtende Blitze
flogen um ihre Waffen, die Schlangen auf ihrem Gorgonenschilde hauchten Feuer.
Und während die Sohlen der Göttin auf dem Boden standen, berührte ihr Helm die
Wolken; sterblichen Blicken jedoch blieb sie verborgen. Und jetzt hätte sich
ein Zweikampf zwischen den Göttern erhoben, wenn nicht Zeus mit einem warnenden
Donnerschlage sie geschreckt hätte. Beide erkannten den Willen des Vaters; Ares
zog sich nach Thrakien zurück, Athene wandte sich nach Athen; das Schlachtfeld
war den Sterblichen wieder überlassen, und jetzt wich die Stärke von den Trojanern:
sie flohen in ihre Stadt zurück, und die Griechen drängten ihnen nach. Von den
Mauern herab verteidigten jene tapfer ihre Stadt; dennoch hätten die Danaer
die Tore erbrochen, wenn nicht Zeus, der den Willen des Schicksals kannte, die
Stadt in Gewölk eingehüllt hätte. Da riet der weise Nestor den Griechen, sich
zurückzuziehen, um ihre Toten zu bestatten und vom Kampf auszuruhen.
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