Gustav Schwab - Der Tod des großen Ajax
admin am Mrz 29th 2008
wenn die Nacht nicht dazwischengekommen wäre. So aber zog sich der siegreiche
Mysier mit den Seinigen vor dem einbrechenden Dunkel zurück zu den Mündungen
des Simois, wo er freudig sein Nachtlager aufschlug. Die Danaer dagegen, auf
dem sandigen Ufer bei ihren Schiffen gelagert, seufzten die ganze Nacht durch
vor Schmerz und beklagten das Los der unzähligen Brüder, die sie im Kampfe verloren
hatten.
Aber kaum glühte die Morgenröte am Himmel, als auch die Griechen schon wieder
aufbrachen, voll Begierde, sich an Eurypylos zu rächen. Andre von ihnen legten
bei den Schiffen den schönen Nireus und den hochbegabten Arzt und mächtigen
Kämpfer Machaon ins Grab. Während nun in der Ferne die Schlacht wieder tobte,
lag Podaleirios, der Bruder Machaons und wie dieser berühmt als der trefflichste
Arzt im Heere, Trank und Speise verschmähend, im Staub, unter lautem Stöhnen.
Er wich nicht vom Grabe seines geliebten Bruders; brütend sann er in seinem
Geiste auf Selbstmord und legte bald die Hand ans Schwert, bald suchte er ein
schnell wirkendes Gift, das er selbst gebraut hatte und immer bei sich trug,
zu verschlingen. Seine Freunde aber wehrten ihm und sprachen ihm Trost ein;
doch hätte er sich endlich am frischen Grabhügel seines Bruders getötet, wenn
nicht der greise Nestor dem Verzweifelnden genaht wäre. Dieser traf ihn, wie
er sich bald jammernd auf das Grab warf, bald wieder Staub auf sein Haupt streute,
sich die Brust mit den nervigen Händen zerschlug und zugleich den Namen des
getöteten Bruders ausrief. Schwer lag sein Kummer auf allen Dienern und Gefährten,
die ihn umgaben. Da fing Nestor an, mit schmeichelnden Worten den Betrübten
zu trösten: »Liebes Kind, mach doch deinem bittern Kummer ein Ende! Es ziemt
einem verständigen Manne nicht, wie ein Weib an dem Grabe eines Toten zu jammern.
Deine Klage ruft ihn doch nicht mehr ans Licht; das Feuer hat seinen Leib verzehrt,
und seine Gebeine ruhen in der Erde. Er schwand, wie er gekommen ist. Du aber
trage deinen großen Schmerz, wie ich den meinigen getragen habe, als der Sohn
der Eos mir den Knaben erschlug, der mein liebster war und seinen Vater liebte
wie keiner meiner Söhne. Als er für mich gestorben war, nahm ich doch Nahrung
zu mir, wie vorher; ich ertrug es, das verhaßte Tageslicht auch ferner noch
zu schauen; denn ich dachte daran, daß wir ja alle denselben Weg zum Hades wandeln
müssen.«
Podaleirios hörte den Greis an, während ihm die Tränen über die Wangen liefen,
und sprach: »Vater, wie sollte der Gram um den erschlagenen Bruder mein Herz
nicht beugen, der mich, den Älteren, als unser Vater Äskulap zum Olymp entrückt
wurde, wie das eigene Kind auf den Armen trug, mit mir an demselben Tische aß,
sein Lager, seine Habe mit mir teilte, in seiner herrlichen Kunst mich unterrichtete?
Nachdem er mir gestorben, mag ich das liebliche Tageslicht nicht mehr schauen!«
Doch der Greis ließ nicht ab mit seinem Troste. »Bedenke«, sprach er zu dem
Bekümmerten, »daß die Götter es sind, welche uns die Geschicke senden, gute
wie schlimme, und daß über allen die dunkle Parze waltet, welche dieselben blind
auf die Erde hinabwirft: darum stürzt oft großes Unheil auf redliche Männer,
und keiner gehet ganz sicher einher. Das Leben gestaltet sich stets wechselnd;
bald fährt es zu großem Jammer, bald wieder zu Besserem. Dazu gehet ja auch
die Sage unter den Menschen, daß der Gute zum seligen Himmel emporsteige und
der Frevler in die Schrecken des Dunkels hinab. Dein Bruder aber war ein menschenfreundlicher
Mann, dazu ein Göttersohn; darum hoffe, daß er zum Geschlechte der Götter emporgestiegen
ist.« Mit solchen Trostworten hub Nestor den lange Widerstrebenden vom Boden
auf und führte ihn von dem traurigen Orte hinweg; dieser aber sah sich noch
oft nach dem Grabhügel um.
Unterdessen nahte Eurypylos, der Mysier, auf dem Schlachtfelde, und die Danaer
flohen aufs neue zu den Schiffen und fochten hier bald vor diesen, bald vor
der weithin reichenden Mauer.
Neoptolemos
Während dies vor Troja geschah, kamen die Gesandten der Griechen, Diomedes
und Odysseus, glücklich auf der Insel Skyros an. Hier trafen sie den jungen
Sohn des Achill, Pyrrhos, der später von den Griechen Neoptolemos, das heißt
Jungkrieger, genannt wurde, vor dem Hause des Großvaters, wie er sich abwechselnd
im Pfeilschießen und Speerschleudern übte, dann auch wieder zu Wagen schnelle
Rosse tummelte. Sie sahen ihm eine Weile mit Wohlgefallen zu und lasen mit inniger
Teilnahme auf seinem Antlitz zugleich die Spuren der Trauer: denn der Tod des
Vaters war dem Jüngling schon bekannt. Als sie näher traten, mußten sie staunen,
denn der Jüngling war an schöner und hoher Gestalt ganz und gar seinem Vater
ähnlich. Pyrrhos kam ihnen mit seinem Gruße zuvor: »Seid mir von Herzen willkommen,
Fremdlinge«, sprach er. »Wer seid ihr und woher kommt ihr? Was wollt ihr von
mir?« Darauf erwiderte ihm Odysseus: »Wir sind Freunde deines Vaters Achill
und zweifeln nicht, daß wir zu seinem Sohne sprechen; so ganz ähnlich bist du
ihm von Gestalt und Antlitz. Ich selbst bin Odysseus aus Ithaka, der Sohn des
Laërtes, mein Genosse aber ist Diomedes, der Sohn des unsterblichen Tydeus.
Wir kommen, der Weissagung unsers Sehers Kalchas gehorsam, dich auf den Kampfplatz
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