Gustav Schwab - Der Tod des großen Ajax
admin am Mrz 29th 2008
rufe ich an: wie ihr mich hier als Selbstmörder enden sehet, so lasset jene
meuchelmörderisch, durch ihr eigenes, liebstes Blut dahingewürgt, fallen: kommet,
schonet nichts, sättiget euch in der Runde am ganzen Heer! Du aber, o Sonnengott,
der du leuchtend am hohen Himmel dahinfährst, wenn du mit deinem Wagen über
meinem Vaterland Salamis kreisest, so hemme die Zügel und verkünde meinem greisen
Vater und meiner armen Mutter mein herbes Schicksal. Leb wohl, du heiliger Strahl,
leb wohl, Salamis, Heimatgefild; leb wohl, mein Stammsitz Athen mit deinen Flüssen
und Quellen; lebt auch ihr wohl, ihr trojanischen Gefilde, die ihr mich so lange
gepflegt habt! Erscheine du jetzt, o Tod, und wirf einen Blick des Mitleids
auf mich!« Mit solchen Worten stürzte er sich in das Schwert und lag im Staube
da, als hätte ihn der Blitz zerschmettert.
Auf die Nachricht von seinem Tode eilten die Danaer in Scharen herbei, warfen
sich zu Boden und streuten jammernd Staub auf ihre Häupter. Teucer, sein Halbbruder,
dem der Vater Telamon befohlen hatte, nicht ohne den Bruder von Troja heimzukehren,
wollte sich an seiner Seite auch den Tod geben und hätte es getan, wenn die
Griechen ihm das Schwert nicht genommen hätten. Da warf er sich auf die Leiche
und weinte heftiger, als ein vaterloses Kind an dem Tage weint, der ihm seine
Mutter geraubt hat. Doch faßte sich seine Heldenseele, daß er sich von dem Leichnam
emporraffte und sich an Tekmessa wandte, die in starrer Verzweiflung bei dem
Toten saß, den Sohn, den ihr die Diener zurückgegeben hatten, auf den Armen.
Er versprach der Gefangenen seinen Schutz und dem Knaben, als zweiter Vater
für ihn zu sorgen, wenngleich er selbst, den Zorn seines Vaters Telamon fürchtend,
sie beide nicht nach Salamis begleiten könne.
Darauf schickte er sich an, den Leichnam seines geliebten Halbbruders zu bestatten.
Aber hier trat ihm der Atride Menelaos wehrend in den Weg: »Untersteh dich nicht,
diesen Mann zu bestatten«, sprach er, »den wir schlimmer befunden haben als
unsere Feinde, die Trojaner. Um seines bösen Mordanschlags willen verdient er
kein ehrliches Grab.« Während Menelaos so mit Teucer um den Leichnam des Ajax
haderte, kam auch Agamemnon herbei, trat auf die Seite seines Bruders und schalt
in der Hitze des Streites den Teucer einen Sklavensohn. Umsonst erinnerte sie
dieser an alle Wohltaten, welche die Griechen dem gefallenen Helden zu danken
hätten, an seine Rettung des Heeres, als die Flamme der Trojaner schon um die
Schiffe der Danaer emporschlug und Hektor über den Graben in die Schiffsverdecke
herniedersprang. »Und was scheltet ihr mich einen Sklaven?« rief er, »ist doch
mein Vater Telamon der herrliche Griechenheld, meine Mutter Laomedons königliche
Tochter! Soll ich, edel von den Edelsten abstammend, mich meiner Blutgenossenschaft
schämen? Wisset, daß ihr mit dem gefallenen Helden auch sein geliebtes Weib
hier und seinen Sohn und mich, seinen Bruder, aus dem Lager hinauswerfet. Bedenkt
ihr auch, welchen Ruhm bei den Menschen und welchen Segen von den Göttern euch
dieses bringen wird?«
So haderten sie, als Odysseus, der kluge Held, mitten unter sie eintrat und,
gegen Agamemnon gewendet, hastig fragte: »Darf euch ein treuer Freund die Wahrheit
sagen, ohne übel darum angesehen zu werden?« »So rede doch«, erwiderte Agamemnon,
indem er ihn mit Verwunderung anblickte; »wohl halte ich dich für meinen besten
Freund im ganzen Argiverheere!« »Nun, so höre mich auch«, sprach Odysseus. »Wirf
bei den Göttern diesen Mann nicht ohne Erbarmen und ohne Bestattung hinaus!
Laß dich durch deine Macht nicht zum ungerechten Hasse verleiten! Bedenke, wenn
du einen solchen Helden schändetest, so würde nicht er dadurch herabgewürdiget,
sondern das Recht und der Wille der Götter würden verachtet.« Als die Atriden
solches hörten, blieben sie lange vor Staunen sprachlos. Endlich rief Agamemnon:
»Und du, Odysseus, vermagst es über dich, zugunsten dieses Mannes mich zu bekriegen?
Bedenkst du denn gar nicht, daß es dein Todfeind ist, dem du eine so hohe Gunst
verschaffen willst?« »Wohl war er mein Feind«, antwortete Odysseus, »und ich
haßte ihn, solange der Haß noch ziemlich war. Jetzt, da er gefallen ist und
wir über den Verlust eines so edlen Helden trauern müssen, kann und darf ich
ihn nicht mehr anfeinden. Ich selbst bin bereit, ihn zu bestatten und seinem
Bruder bei dieser heiligen Pflicht an die Hand zu gehen.«
Als Teucer, der bei Odysseus’ Ankunft mit Abscheu auf die Seite getreten war,
solches hörte, trat er auf den Helden zu, seinen Arm zum Handschlag ausgestreckt:
»Edler Mann«, rief er, »du, sein größter Feind, bist die einzige Stütze des
Toten! Dennoch wag ich es nicht, dich zur Berührung dieses Leichnams zuzulassen,
dessen unversöhnt dahingeschiedenem Geiste solches unwillkommen sein dürfte.
In allem andern sei mein Helfer; gibt es doch für deinen Edelmut noch genug
zu tun!« Mit diesen Worten deutete Teucer auf Tekmessa, die noch immer sprachlos
dasaß. Odysseus kehrte sich ihr wohlwollenden Sinnes zu: »Niemals, o Weib«,
sprach er zu ihr, »soll ein anderer dich als Sklavin schauen. Solange Teucer
und ich leben, sollst du mit deinem Kinde gepflegt und geborgen sein, als stände
euch Ajax selbst noch zur Seite, er, die Schutzwehr der Achajer.«
Die Atriden schämten sich, gegen die edlen Vorstellungen des Odysseus Einwendungen
zu machen. Der riesige Leib wurde mit vereinter Heldenkraft vom Boden gehoben
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