Gustav Schwab - Der Tod des großen Ajax
admin am Mrz 29th 2008
wenigen bauten an einem unermeßlichen Holzstoße, und als er fertig war, legten
sie alle Leichen der Ihrigen miteinander darauf und zündeten den Scheiterhaufen
unter Tränen und Wehklagen an. Die Danaer hatten indessen bald das Grabmahl
des Achill und die trojanische Küste im Rücken. Obwohl sie aber immer fröhlicheren
Mutes wurden, mischte sich doch auch die Wehmut in ihre Freude, wenn sie an
die vielen gefallenen Freunde dachten. Eine Küste und eine Insel um die andere
flog an ihrem Blicke vorüber: Tenedos, Chrysa, das Orakel des Phöbos, die heilige
Killa, Lesbos, das Eiland, das Vorgebirge Lekton, endlich der äußerste Vorsprung
des Gebirges. Die Winde sausten in die Segel, die Flut rauschte, schwarz rollten
die Wellen daher, und weiß dehnte sich über das Meer hin ihr schäumender Pfad,
wenn sie an den Schiffen sich gebrochen hatten.
Die Sieger hätten auch wirklich die Küste Griechenlands glücklich erreicht,
wenn nicht Pallas Athene über der Untat des Lokrers Ajax ihnen gegrollt hätte.
Als sie nun an die stürmische Küste von Euböa gelangt waren, sann die Göttin
darauf, dem Sohne des Oïleus ein trauriges, unbarmherziges Los zu bereiten.
Sie hatte dem Göttervater im Olymp den Frevel geklagt, den er in ihrem eigenen
Tempel an ihrer Priesterin Kassandra begangen hatte, und begehrte Rache an dem
Verbrecher zu nehmen. Und Zeus, der Verwalter der Gerechtigkeit auf Erden, setzte
sich ihren Wünschen nicht entgegen; er legte vielmehr neben die Jungfrau die
frischesten Donnerkeile der Zyklopen, die eben aus der Esse gekommen waren,
und erlaubte seiner Tochter, den Griechen einen verderblichen Sturm zu erregen.
Alsbald waffnete sich Athene, legte den schimmernden Ägispanzer an, in dessen
Mitte das Gorgonenhaupt mit den feurigen Schlangenhaaren starrte, und faßte
eines der Geschosse des Vaters, die zu ihren Füßen lagen, wie es außer dem großen
Zeus sonst kein Gott aufzuheben vermochte. Dann ließ sie den Olymp von Donnerschlägen
erbeben, goß Wolken rings um die Berge und hüllte Meer und Land in Finsternis.
Hierauf schickte sie ihre Botin Iris zu Äolos, dem Gott der Winde, hinab, deren
Höhle sich neben der Wohnung des Gottes in den Abgründen der Erde befindet.
Die Botschafterin Athenes traf den Fürsten der Stürme bei seiner Gemahlin und
seinen zwölf Kindern daheim; er vernahm den Befehl und gehorchte auf der Stelle.
Mit rüstigen Händen stieß er den großen Dreizack in den Berg ein, wo die Behausung
der tosenden Winde ist, und riß den Hügel mit Gewalt auf. Die Stürme stürzten
wie Jagdhunde sogleich aus der Öffnung hervor; er aber befahl ihnen, sich sofort
zu einem einzigen finstern Orkane zu vereinen und nach der Brandung der Kapharischen
Felsen zu fliegen, welche die Küste von Euböa umlagern. Noch ehe sie vollständig
das Wort ihres Königes vernommen, machten sich die Winde auf den Weg; die Meerflut
stöhnte unter ihnen; wie Berge wälzten sich die Wogen einher, und den Argivern
brach der Mut im Herzen zusammen, als sie den Meerschwall turmhoch gegen sich
anrücken sahen. Bald war nicht mehr an das Rudern zu denken; die Segel hatte
der Sturm zerrissen, daß Fetzen herunterhingen; zuletzt erlahmte auch die Kraft
der Steuermänner; die finsterste Nacht brach ein, und mit ihr verschwand jede
Hoffnung auf Rettung. Auch Poseidon half seiner Bruderstochter Pallas, und diese
raste ohne Erbarmen vom Olymp mit Blitzen daher, die vom krachendsten Donner
begleitet waren. Wehklagen und Stöhnen scholl von den Schiffen; hier und dort
barst das Gebälk eines Fahrzeuges, wenn es vom Sturme gewaltsam an ein stärkeres
geschleudert worden war, und diejenigen, die dem Stoße herstürzender Schiffe
durch Rudern zu entgehen versuchten, wurden vom Wind in die Tiefe gerissen.
Endlich schleuderte Athene den schärfsten Donnerkeil, den sie zu diesem Gebrauche
besonders aufgespart hatte, in das Schiff des Ajax, daß es auf der Stelle hierhin
und dorthin in Splitter sprang; Erde und Luft hallten von dem Knall, und die
Wogen umkreisten das berstende Schiff. Scharenweise stürzten aus diesem die
Menschen in die Flut und wurden von den Wellen verschluckt. Ajax selbst jedoch
schwamm bald auf einem der Balken des Schiffes, die auf den Wellen hier und
dort zerstreut daherfuhren: bald zerteilte sein nerviger Arm die Woge, die sich
vor dem kräftigen Schwimmer spaltete; jetzt trug ihn eine mächtige Welle wie
zum Gipfel eines himmelhochragenden Berges, jetzt schleuderte sie ihn wieder
hinab in den tiefsten Abgrund. Von allen Seiten fuhr der Blitz neben ihm einschlagend
und zischend in die Fluten, aber noch war es Athenes Wille nicht, daß der Tod
sich über ihn erbarme. Auch war sein Mut noch nicht erschöpft; er ergriff ein
aus den Wellen hervorragendes Felsstück und vermaß sich, wenn auch alle olympischen
Götter herangezogen kämen und die Fluten gegen ihn aufreizten, so sollte ihm
doch die Rettung nicht mißlingen.
Diese Prahlerei hörte der Erderschütterer Poseidon, dessen Gottheit dem Ringenden
am nächsten war, mit Unwillen. Im heftigsten Zorn erschütterte er Meer und Erde
zugleich; die Felsabhänge des Vorgebirges Kaphareus erbebten, und die Gestade
donnerten ringsumher unter der Peitsche des Herrschers. Da wurde zuletzt der
mächtige Felsblock, an welchen sich Ajax mit den Händen angeklammert hielt,
vom Grunde losgerüttelt und mit ihm der Lokrer wieder ins Meer hinausgestoßen,
daß der anspülende Schaum ihm Haupt- und Barthaar weiß färbte. Auf den Versinkenden
stürzte Poseidon noch einen losgerissenen Erdhügel des Vorgebirges, daß der
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