Gustav Schwab - Der Tod des großen Ajax
admin am Mrz 29th 2008
du ein Recht hättest, deine treulose Gattin mit dem Tode zu bestrafen! Aber
bedenke, edler Gemahl, daß ich deinen Palast zu Sparta nicht freiwillig verlassen
habe; gewaltsam entführte mich der trügerische Paris, als du eben abwesend vom
Hause warest und mir deinen männlichen Schutz nicht angedeihen lassen konntest.
Und als ich selbst Hand an mich zu legen gedachte und den Strick um meinen Hals
zu winden oder mir das Schwert in den Busen zu stoßen, da hielten mich die Dienerinnen
des Hauses zurück und beschworen mich, deiner selbst und unseres blühenden kleinen
Töchterleins eingedenk zu sein! Tue nun nach deinem Willen mit mir; ich liege
als Reumütige und Schutzflehende zugleich zu deinen Füßen!«
Menelaos hob sie liebreich vom Boden auf und antwortete mit verständiger Mäßigung:
»Denke nicht länger an das Vergangene, Helena, und ängstige dich nicht mit überflüssiger
Furcht: was geschehen ist, sei in die Nacht der Vergangenheit versenkt und keines
früheren Fehlers hinfort von mir gedacht.« Damit schloß er sie in seine Arme
und drückte ihren Lippen den Kuß der Versöhnung auf. Aus beider Wimpern rollte
die Träne süßer und wehmütiger Rührung.
Neoptolemos, der Sohn des Achill, lag um diese Stunde schon in tiefem Schlafe.
Da trat zu ihm im Traume an sein Zeltlager der Geist seines hohen Vaters, ganz
wie er einst im Leben war, der Schrecken der Trojaner und die Freude der Griechen,
küßte dem Sohne Brust, Mund und Augen und sprach: »Gräme dich nicht im Gemüte,
lieber Sohn, daß ich gestorben bin, denn ich lebe jetzt in der Gemeinschaft
mit den seligen Göttern; sondern nimm dir fröhlich deinen Vater zum Beispiel
im Kampfe wie im Rat: im Kampf sei immer der erste; in der Ratsversammlung aber
schäme dich nicht, den weisen Worten älterer Männer dich nachgiebig zu zeigen.
Im übrigen strebe dem Ruhme nach, wie dein Vater getan, freue dich des Glückes
und betrübe dich nicht zu sehr im Unglück; an meinem frühen Fall aber erkenne,
wie nahe die Pforten des Todes dem Sterblichen sind; denn das ganze Menschengeschlecht
gleicht den Frühlingsblumen: die einen wachsen, die andern vergehen. Nun aber
sage dem Völkerfürsten Agamemnon, sie sollen das Beste und Edelste von der ganzen
Beute mir opfern, damit mein Herz sich auch am Untergange Trojas laben könne
und zu meiner Zufriedenheit im Olymp nichts fehle.«
Nachdem er seinem Sohne diesen Befehl erteilt hatte, verschwand der selige
Geist aus dem Traume des Neoptolemos wie ein flüchtiger Hauch des Windes. Dieser
erwachte, und seinem freudig bewegten Gemüte war, als hätte er mit dem lebendigen
Vater fröhlichen Umgang gepflogen. Am andern Morgen sprangen die Danaer ungeduldig
von ihrem Lager auf, denn die Sehnsucht nach der Heimkehr bemächtigte sich ihres
Sinnes, und gerne hätten sie Augenblicks die Schiffe ins Meer gezogen, wenn
der Sohn des Peliden nicht unter das versammelte Volk getreten wäre und ihren
Eifer durch seine Anrede gehemmt hätte.
»Höre, Volk der Danaer«, rief er mit seiner jugendlichen Kraftstimme, »was
in dieser Nacht der Geist meines unsterblichen Vaters, der mich im Traume besucht
hat, mir aufgetragen, euch zu verkündigen: Ihr sollt das Edelste und Beste der
trojanischen Beute ihm opfern, damit sich sein Herz am Untergange der verhaßten
Stadt auch sättigen könne und er des Siegerpreises nicht verlustig gehe. Eher
sollt ihr diesen Strand nicht verlassen, bis ihr die heilige Pflicht gegen den
Toten erfüllt habt, dem ihr doch eigentlich die Eroberung Trojas verdanket.
Denn ohne daß Hektor besiegt worden, wäret ihr nimmermehr so weit gekommen.«
Ehrerbietig beschlossen die Danaer, den Willen ihres verstorbenen Helden zu
befolgen, und Poseidon, aus Liebe zu dem Peliden, regte die Flut zu mächtigem
Sturme auf, so daß das Meer in turmhohen Wellen aufbrauste und die Griechen,
wenn sie auch gewollt hätten, nicht imstande gewesen wären, den Strand zu verlassen.
Als die Völker aber die empörte See erblickten und stürmen hörten, da flüsterten
sie sich gegenseitig zu: »Ja, wahrhaftig stammte Achill vom höchsten Zeus ab:
denn sehet ihr, wie sich die Elemente mit seinen Befehlen verbünden!« Und so
zeigten sie sich nur noch williger, dem Gebote des Hingeschiedenen zu gehorchen,
und strömten zu Haufen dem Grabmale des Helden, das den Meeresstrand hoch überragte,
zu.
Nun entstand aber die Frage: was soll geopfert werden, und was ist das Beste
und Edelste der ganzen Beute Trojas? Jeder Grieche brachte unweigerlich seine
Beute an Schätzen und Gefangenen herbei. Als man aber alles musterte, da erbleichte
Gold, Silber, Edelstein samt allen Schätzen vor der himmlischen Schönheit des
Jungfrau Polyxena, der gefangenen Tochter des Königes Priamos, und nur ein Ruf
ging durch das ganze Heer der Griechen, daß sie das Beste und Edelste von der
ganzen trojanischen Beute sei. Die Jungfrau, als aller Blicke sich auf sie richteten,
erbleichte nicht, obgleich ihr der laute Jammerschrei ihrer Mutter Hekabe, der
sich jetzt aus dem Haufen der Gefangenen erhob, durch das Tochterherz schnitt.
Polyxena hatte den herrlichen Helden Achill manchesmal von den Mauern herab
im Kampfe erblickt, und obgleich er ein Feind ihres Volkes war, so hatte seine
göttliche Gestalt und seine herrliche Heldenkraft ihr doch das Innerste bewegt.
Ja, auch Achill, so ging die Sage, habe, als er einst im Kampfe bis dicht vor
die Tore der belagerten Stadt gedrungen, die holdselige Jungfrau auf den Zinnen
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