Gustav Schwab - Der Tod des großen Ajax
admin am Mrz 29th 2008
vor dem Zorn ihres rechtmäßigen Gatten zitternd, in einem dunkeln Winkel des
Hauses verborgen, und erst spät gelang es ihm, sie zu entdecken. Bei ihrem ersten
Anblicke trieb ihn die Eifersucht, sie zu ermorden: aber Aphrodite hatte sie
mit holdem Liebreiz geschmückt, stieß ihm das Schwert aus der Hand, verscheuchte
den Grimm aus seiner Brust und erweckte in seinem Herzen die alte Liebe. Es
war ihm unmöglich, bei dem Anblicke ihrer überirdischen Schönheit das Schwert
aufs neue zu erheben; die Stärke brach ihm zusammen, und einen Augenblick vergaß
er alles, was sie verschuldet hatte. Da hörte er die den Palast durchtobenden
Argiver hinter sich, und ein Gefühl der Scham ergriff ihn, indem er bedachte,
daß er vor seinem treulosen Weibe nicht wie ein Rächer, sondern wie ein Sklave
dastehe. Wider Willen raffte er das Schwert, das er auf die Erde geworfen, wieder
auf, bezwang seine Neigung und drang von neuem auf die Gattin ein. Doch im Herzen
war es ihm nicht Ernst, und willkommen erschien ihm daher sein Bruder Agamemnon,
der plötzlich hinter ihm stehend die Hand auf seine Schulter legte und ihm zurief.
»Laß ab, lieber Bruder Menelaos! Es ziemt sich nicht, daß du dein ehelich Weib,
um welches wir so viele Leiden erduldet haben, erschlagest! Lastet doch die
Schuld weniger auf Helena, wie mir deucht, als auf Paris, welcher so schnöde
das Gastrecht gebrochen hat. Dieser aber, sein ganzes Geschlecht, sein ganzes
Volk sind ja jetzt bestraft und vernichtet!« So sprach Agamemnon, und Menelaos
gehorchte ihm zögernd, aber mit Freuden.
Während dies auf Erden vorging, beklagten die Unsterblichen, in dunkle Wolken
gehüllt, den Fall Trojas. Nur Hera, die Todfeindin der Trojaner, und Thetis,
die Mutter des frühe dahingesunkenen Achill, jauchzten im Herzen vor Lust auf.
Pallas Athene selbst, der doch durch Trojas Untergang ihr Wille geschehen war,
konnte sich der Tränen nicht enthalten, als sie sah, wie Ajax, der wilde Sohn
des Oïleus, in ihrem Heiligtum es wagte, die fromme Kassandra, ihre Priesterin,
die sich in Athenes Tempel geflüchtet hatte und ihre Bildsäule schutzflehend
umarmt hielt, mit rohen Händen anzutasten und sie an den Haaren zerrend herauszuschleppen.
Zwar durfte die Göttin die Tochter ihrer Feinde nicht unterstützen; aber die
Wangen glühten ihr vor Scham und vor Zorn; ihr Bildnis gab einen Ton, der Boden
ihres Heiligtums dröhnte, und den Blick vom Frevel abgekehrt, schwur sie in
ihrem Herzen, die Missetat zu rächen.
Lange noch dauerte der Brand und das Gemetzel. Die Flammensäule Trojas stieg
hoch in den Äther hinauf und verkündete den Untergang der Stadt den Bewohnern
der Inseln und den Schiffen, die hin und her das Meer besegelten.
Menelaos und Helena. Polyxena
Bis zum Morgen waren sämtliche Bewohner der Stadt niedergemacht oder gefangen.
Die Danaer fanden nirgends mehr Widerstand, konnten sich der unermeßlichen Schätze
der Stadt nach Behagen bemächtigen und brachten ihre Beute, aus Gold, Silber,
Edelsteinen, mannigfaltigem Hausrat, gefangenen Weibern, Mädchen und Kindern
bestehend, an den Strand zu den Schiffen. Mitten unter dieser Schar führte Menelaos
seine Gemahlin Helena, nicht ohne Scham, und doch im Herzen zufrieden über ihren
wiedererlangten Besitz, aus dem brennenden Troja hinweg. Ihm zur Seite ging
Agamemnon, sein Bruder, mit der hohen Kassandra, die er den wilden Armen des
Ajax entrissen hatte; Hektors Gattin, Andromache, wurde vom Sohne des Achill,
Neoptolemos, fortgeführt; Hekabe, die Königin, die mühsam wandelte und unter
lautem Jammer ihr graues, mit Asche bestreutes Haar ausraufte, schleppte Odysseus
in die Gefangenschaft. Unzählige Frauen der Trojaner folgten, junge und alte,
hinter ihnen Mädchen und Kinder, und vermischt gingen die Mägde mit den Fürstentöchtern:
den ganzen Weg entlang hallte Jammer und Schluchzen. Nur Helena stimmte nicht
mit ein in die Klage, denn tiefes Schamgefühl hielt sie ab; sie heftete die
dunkeln Augen auf den Boden, und ihre Wangen färbte ein fliegendes Rot. Im Innersten
ihres Busens aber bebte ihr das Herz, und eine entsetzliche Furcht ergriff sie,
wenn sie an das Schicksal dachte, das ihrer bei den Schiffen wartete; Todesblässe
überzog ihre eben noch purpurroten Wangen, schnell zog sie den dichten Schleier
über das Haupt und wandelte zitternd an der Hand des Gatten.
Aber als sie bei den Schiffen angelangt waren, staunten alle Danaer über die
liebliche Schönheit der untadelhaften Gestalt und sagten bei sich selbst, daß
es wohl der Mühe wert gewesen sei, dem Völkerhirten Menelaos um eines solchen
Kampfpreises willen vor Troja zu folgen und dort zehnjährige Mühseligkeiten
und Gefahren auszuhalten. Und keinem kam in den Sinn, Hand an das schöne Weib
zu legen: sie ließen ihrem Führer den friedlichen Besitz der Gattin, und das
Herz des Fürsten Menelaos selbst hatte Aphrodite längst zur Verzeihung gestimmt.
Bei den Schiffen herrschte jauchzende Lust: alle Helden lagerten beim fröhlichen
Mahle umher, in der Mitte saß ein des Zitherspiels kundiger Sänger und rief
dem Heere die Taten seines größten Helden, des Achill, in das Gedächtnis zurück.
So dauerte die Fröhlichkeit bis in die Nacht; dann brachen sie auf, ein jeglicher
in sein Zelt.
Als nun Helena mit ihrem Gemahl Menelaos allein in seinem Feldherrnzelte war,
warf sie sich ihm zu Füßen, umfaßte seine Knie und sprach: »Ich weiß wohl, daß
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