Gustav Schwab - Der Tod des großen Ajax
admin am Mrz 29th 2008
Im Innersten erbebte Ajax, als er diesen Spruch vernahm, das Blut in seinen
Adern kochte vor Wut, und Galle vermischte sich damit: ein stechender Schmerz
durchzückte sein Gehirn, und jede Faser an ihm zitterte. Lange stand er wie
eine Bildsäule da, mit zu Boden gehefteten Blicken. Endlich führten ihn seine
traurigen Freunde begütigend und nur zögernden Schrittes zu den Schiffen.
Inzwischen stieg die dunkle Nacht aus dem Meere. Ajax aber saß in seinem Zelte,
rührte kein Mahl an und dachte nicht an den Schlummer, vielmehr warf er sich
in seine volle Rüstung, faßte sein schneidendes Schwert und besann sich, ob
er den Odysseus in Stücke zerhauen oder lieber die Schiffe verbrennen oder mit
der Schärfe des Schwertes unter alle Griechen fahren solle.
Und gewiß hätte er eins von den dreien ausgeführt, wenn nicht Athene, die Göttin,
um ihren Freund Odysseus besorgt und dem Trotze des Ajax und dem Übermaße seines
Leibes abhold, den Schlimmes brütenden Helden mit Wahnsinn geschlagen hätte.
Den Stachel der Qual im Herzen, stürmte er aus seinem Zelte hervor und unter
die Schafherden der Danaer, die er, von der Göttin geblendet, für die Heerscharen
der Griechen hielt. Die Schafhirten, die den Rasenden kommen sahen, versteckten
sich, dem Tode zu entrinnen, in das Ufergebüsch des Xanthos. Er aber fuhr unter
die Schafe und richtete rechts und links unter ihnen ein Gemetzel an. Zwei großen
Widdern, auf die er stieß, rannte er nacheinander den Speer durch den Leib und
rief dazu mit bitterem Hohnlachen: »Lieget ihr im Staub, dein Raubvögeln zur
Beute, ihr Hunde; ihr werdet keine ungerechten Schiedsrichterspruch mehr bestätigen,
schändliche Atriden! Und du«, fuhr er fort, »der du dich dort in der Ecke verbirgst
und aus bösem Gewissen deinen Kopf ins Gesträuche steckst, jetzt sollen dir
die Waffen des Achill, die du mir gestohlen und in denen du prangest, nichts
helfen, denn was nützt die Rüstung eines Helden, wenn ein feiger Mann sie trägt?«
Mit diesen Worten ergriff er einen andern großen Hammel, schleppte ihn mit sich
fort in sein Zelt, band ihn hier an den Türpfosten, zog eine Geißel aus dem
Busen und fing an, mit allen seinen Kräften auf das Tier loszuschlagen. In diesem
Augenblicke trat Athene von hinten zu ihm, berührte sein Haupt und befahl dem
Wahnsinne, von ihm zu weichen. So fand sich der unglückliche Held wieder, die
Geißel in der Hand, vor sich den angebundenen Widder mit zerfleischtem Rücken;
dieser Anblick sagte ihm genug. Das schmähliche Werkzeug entfiel seiner Hand,
die Heldenkraft entschwand ihm, er sank zu Boden, von der Ahnung getroffen,
daß der Zorn der Götter ihn heimgesucht habe. Unaussprechliche Schmerzen bestürmten
sein Herz. Als er sich wieder vom Staube erhoben, vermochte er vor Unmut den
Fuß weder vorwärts noch rückwärts zu setzen, sondern stand lange unbeweglich
da, wie ein Wartturm, der in Felsen wurzelt; endlich holte er einen tiefen Seufzer
und sprach: »Wehe mir, warum hassen mich die Unsterblichen, warum haben sie
mich in so tiefe Schmach gestürzt, dem arglistigen Odysseus zuliebe? Hier steh
ich, der Mann, dem kein Männertreffen je Unehre gebracht hat, die Hände mit
unschuldigem Lämmerblute besudelt, ein Gelächter dem ganzen Heere, ein Spott
meiner Feinde!«
Während er so jammerte, suchte ihn im ganzen Lager und bei den Schiffen, seinen
kleinen Sohn Eurysakes auf dem Arme, die phrygische Königstochter Tekmessa,
die Ajax, da er ihr Vaterland überfallen, als Beute fortgeführt hatte, die er
einer Gattin gleich hielt und die ihn zärtlich liebte. Sie hatte seinen finstern
Unmut im Zelte beobachtet, ohne dessen Grund erforschen zu können, da Ajax ihr
auf keine Frage Antwort gegeben hatte. Bald nachdem er das Zelt verlassen hatte,
stieg ihr eine finstere Ahnung im Herzen auf, und sie fand endlich bei den Schafhürden
das traurige Schlachtfeld, das Ajax sich dort geschaffen. In Verzweiflung eilte
sie zu dem Zelte zurück und fand ihn hier beschämt und verzweifelnd, bald nach
seinem Bruder Teucer und nach seinem Kinde Eurysakes rufend, bald nach einem
edeln Untergange begehrend. Tekmessa nahte sich ihm unter Tränen, umfaßte seine
Knie und flehte ihn an, sie, seine Lebensgenossin, nicht allein zu lassen, als
eine Gefangene unter Feinden; sie hieß ihn auch des greisen Vaters und der Mutter
in Salamis gedenken, streckte ihm seinen Knaben entgegen und erinnerte ihn daran,
welches Los das Kind treffen würde, wenn es, von harter Vormundschaft gedrückt,
der Jugendaufsicht beraubt, ohne Vater heranwachsen müßte. Der Held griff mit
einer heftigen Bewegung nach seinem Sohne, herzte ihn und sprach: »O Kind, übertriff
an Glück deinen Vater, in allem andern gleiche ihm, so wirst du wahrlich kein
schlechter Mann. An meinem Halbbruder Teucer hast du gewiß einen guten Pfleger,
jetzt aber sollen dich meine Schildträger zu meinen Eltern Telamon und Eriböa
nach Salamis bringen, wo du die Lust ihres Alters sein magst, bis auch sie zur
Unterwelt hinabgehen.« Damit reicht er das Kind den Dienern, empfahl durch sie
auch seine geliebte Tekmessa dem Halbbruder, riß sich aus ihren Umarmungen los,
zog das Schwert, das ihm einst sein Feind Hektor geschenkt hatte, und pflanzte
es in den Boden seines Zeltes. Dann hob er die Hände gen Himmel und betete:
»Um eine bescheidene Wohltat flehe ich zu dir, Vater Zeus: Sende mir meinen
Bruder Teucer her, sobald ich gefallen bin, daß nicht mein Feind mich zuvor
aufspüre und mich den Hunden und Vögeln zum Fraße vorwerfe. Euch aber, Erinnyen,
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