Gustav Schwab - Der Tod des großen Ajax

admin am Mrz 29th 2008

Hauses, ungetrübt. Nie sprach sie ein Wort aus, das nicht erfüllt worden wäre.
Aber sie hatte das Unglück, niemals Glauben zu finden. So hatte sie auch jetzt
unheilvolle Zeichen am Himmel und in der Natur beobachtet und stürzte mit flatternden
Haaren, vom Geiste der Weissagung getrieben, aus dem Königspalaste hervor: ihre
Augen starrten in fieberischer Glut, ihr Nacken wiegte sich hin und her wie
ein Zweig im Windhauche, sie holte einen tiefen Seufzer aus der Brust herauf
und rief durch die Gassen der Stadt: »Ihr Elenden, sehet ihr nicht, daß wir
die Straße zum Hades hinunterwandeln? daß wir am Rande des Verderbens stehen?
Ich schaue die Stadt mit Feuer und Blut erfüllt, ich sehe es aus dem Bauche
des Rosses hervorwallen, das ihr mit Jauchzen auf unsere Burg hinaufgeführt
habt. Doch ihr glaubet mir nicht, und wenn ich unzählige Worte spräche. Ihr
seid den Erinnyen geweiht, die Rache an euch nehmen wegen Helenas frevelhafter
Ehe.«

Wirklich wurde die weissagende Jungfrau nur verlacht oder geschmäht, und hier
und da sprach einer der Begegnenden zu ihr: »Hat dich denn die jungfräuliche
Scham ganz verlassen, Kassandra, bist du ganz irre geworden in deinem Geiste,
daß du dich öffentlich auf den Straßen herumtreiben magst und nicht siehest,
wie die Menschen dich verachten, törichte Schwätzerin? Kehre zurück in dein
Haus, daß dich nicht Schlimmes treffe!«
Die Zerstörung Trojas

Die Trojaner überließen sich die halbe Nacht hindurch der Freude bei Schmaus
und Gelage; Syringen und Flöten ertönten, Tanz und Gesang lärmten ringsumher
und dazwischen die bunt durcheinander schallenden Stimmen der Schmausenden.
Die Becher wurden einmal über das andere bis zum Rande mit Wein gefüllt, mit
beiden Händen erfaßt und leergetrunken, bis die Trinkenden zu stammeln anfingen
und ihr Geist in dumpfe Betäubung versank. Endlich lagen sie alle in tiefem
Schlafe begraben, und die Mitternacht war herangekommen. Jetzt erhub sich Sinon,
der mit andern Trojanern im Freien geschmaust und sich zuletzt schlafend gestellt
hatte, von seinem Polster, schlich hinaus zu den Toren, zündete eine Fackel
an und ließ, dem Strande und der Insel Tenedos zugekehrt, den Schiffen der Griechen
zum verabredeten Zeichen ihren lodernden Brand in die Lüfte wehen. Dann löschte
er sie wieder, schlich sich zu dem Pferde hin und pochte leise an den hohlen
Bauch, wie ihn Odysseus geheißen hatte. Die Helden vernahmen den Laut; alle
aber kehrten ihre Häupter lauschend dem Odysseus zu: dieser ermahnte sie, leise
und mit aller möglichen Vorsicht auszusteigen; er hielt die Ungeduldigsten zurück,
öffnete ganz still, nach dem Rate des Epeios, dein Riegel der Türe, streckte
den Kopf ein wenig hinaus und sandte seine spähenden Blicke allenthalben umher,
ob nicht einer der Trojaner erwacht sei. Dann, wie ein heißhungriger Wolf sachte
zwischen Hirten und Hunden hindurch in den Pferch schleicht, stieg er die Sprossen
der Leiter herab, die Epeios zugleich mit dem Pferde verfertigt und jetzt heruntergelassen
hatte, und ein Held um den andern folgte ihm mit klopfendem Herzen. Als die
Höhlung des Rosses sich ganz entleert hatte, schüttelten sie ihre Lanzen, zogen
ihre Schwerter und verbreiteten sich durch die Straßen und in die Häuser der
Stadt. Ein gräßliches Gemetzel entstand unter den schlaftrunkenen und berauschten
Trojanern; Feuerbrände wurde in ihre Wohnungen geschleudert, und bald loderten
die Dächer über ihren Häuptern. Zu gleicher Zeit trieb ein günstiger Fahrwind
die Flotte der Griechen, die auf Sinons Fackelzeichen von Tenedos aufgebrochen
war, in den Hafen des Hellesponts, und bald stürzte sich das ganze Heer der
Danaer durch die breite Mauerlücke, durch welche tags zuvor das Roß hineingezogen
worden war, in die Stadt, von Kampfbegierde schnaubend. Jetzt erst erfüllte
sich die eroberte Stadt recht mit Trümmern und Leichnamen, Halbtote und Verstümmelte
krochen zwischen den Leichen umher, nur hier und dort ward noch einem aufrecht
Fliehenden die Lanze in den Rücken gestoßen. Das winselnde Heulen geängsteter
Hunde scholl in den Straßen und mischte sich ins Stöhnen der Verwundeten und
in die Wehklage der jammernden Frauen und unmündigen Kinder.

Doch war der Kampf für die Griechen selbst auch nicht unblutig; denn obgleich
die meisten Feinde waffenlos waren, so wehrten sie sich doch, so gut sie konnten.
Die einen schleuderten Becher, die andern Tische, noch andere frisch von dem
Herde genommene Feuerbrände auf die eingedrungenen Danaer; andere waffneten
sich mit Bratspießen, Beilen und Streitäxten, was ihnen gerade unter die Hände
kam; und so stießen die Griechen selbst, während sie mit Feuer und Schwert in
der Stadt wüteten, auf genug Tote und Sterbende der Ihrigen. Manche zerschmetterte
auch ein Steinwurf von den Dächern; andere wurden von den Flammen der brennenden
Häuser ergriffen oder von zusammenstürzenden zermalmt. Und als sie endlich die
Burg des Priamos selbst stürmten, in welche sich viele Trojaner geflüchtet und
wo sich diese mit Rüstungen, Lanzen und Schwertern versehen hatten, kamen ihrer
viele im ordentlichen Kampfe durch die Hand der Feinde, die sich verzweifelt
verteidigten, ums Leben.

Während des Kampfes wurde es in der Stadt mitten in der Nacht immer heller,
denn der wachsende Brand der Häuser und Paläste und die vielen Fackeln, die

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