Gustav Schwab - Der Tod des großen Ajax
admin am Mrz 29th 2008
Ich bin in eurer Hand, und von euch hängt es ab, ob ihr mir großmütig das Leben
schenken oder mir den Tod geben wollt, der mich von der Hand meiner eigenen
Volksgenossen bedroht hat.«
Die Trojaner waren gerührt; Priamos sprach gütige Worte zu dem Heuchler, hieß
ihn die argen Griechen vergessen und versprach ihm eine Zufluchtsstätte in seiner
Stadt, wenn er ihnen nur offenbaren wolle, was für eine Beschaffenheit es mit
dem hölzernen Rosse habe, dem er soeben den Beinamen eines heiligen gegeben.
Sinon hob seine der Fesseln entledigten Hände gen Himmel und betete mit trügerischer
Andacht: »Ihr Götter, denen ich schon geweiht war, du Altar und du verfluchtes
Schwert, das mich bedrohte, ihr seid mir Zeugen, daß die Bande, die mich an
mein Volk bisher knüpften, zerrissen sind und daß ich nicht frevle, wenn ich
ihre Geheimnisse aufdecke! Von jeher war alle Hoffnung der Danaer in diesem
Kriege auf die Hilfe der Göttin Pallas Athene gebaut. Seitdem aber aus dem Tempel,
den sie bei euch zu Troja hat, ihr Bild, das Palladion, entwendet worden - und
zwar, was ihr Trojaner wohl zum erstenmal erfahret, durch die Hände schlauer
Griechen -, ging alles rückwärts; die Göttin war erzürnt, und das Glück hatte
die Waffen der Danaer verlasen. Da erklärte Kalchas, der Seher, auf der Stelle
müßte man mit den Schiffen umkehren, um im Vaterlande selbst neue Befehle der
Götter einzuholen. Ehe das Palladion an seine Stelle zurückgebracht sei, dürften
sie auf keinen glücklichen Ausgang des Feldzuges hoffen. Dies bewog die Danaer,
die Flucht zu beschließen, welche sie nun auch wirklich ausgeführt haben. Zuvor
aber erbauten sie noch, auf den Rat ihres Propheten, dieses hölzerne Riesenpferd,
das sie als Weihgeschenk für die beleidigte Göttin zurückließen, um ihren Zorn
zu versöhnen. Diese Maschine ließ Kalchas so unermeßlich in die Höhe bauen,
wie ihr sehet, damit ihr Trojaner sie nicht durch eure Tore führen und in eure
Stadt bringen könntet, weil auf diese Weise der Schutz der Athene euch zuteil
werden würde. Wenn hingegen eure Hand sich an dem geheiligten Pferde, als einem
Überbleibsel eurer Feinde vergriffe - dies war es, was sie zu hoffen wagten
-, dann wäre euer und eurer Stadt Verderben gewiß. Und in dieser Zuversicht
gedenken sie in kurzer Frist, sobald sie zu Argos die Götterbefehle vernommen,
zurückzukehren und hoffen, das Palladion der Göttin eurer eroberten Stadt zurückgeben
zu können.«
Das Lügengewebe war so wahrscheinlich ersonnen, daß Priamos und alle Trojaner
dem Betrüger Glauben schenkten; Athene aber wachte über das Geschick ihrer Freunde,
die in dem Rosse noch immer in banger Erwartung eingeschlossen saßen und seit
der Warnung des Laokoon in beständiger Todesangst schwebten. Die Helden wurden
aus dieser Gefahr durch ein entsetzliches Wunder befreit. Eben jener Laokoon,
der Priester des Apollo, hatte nach dem Tode des Poseidonpriesters auch diese
Würde durchs Los erhalten und opferte jetzt gerade am Meeresgestade dem Gott
einen stattlichen Stier am Altare. Siehe, da kamen von der Insel Tenedos aus
durch die spiegelglatte Meerflut zwei ungeheure Schlangen gerudert und nahmen
ihren Weg nach dem Ufer: ihre Brust und die blutrote Mähne ragten aus dem Wasser
hervor, der übrige Teil ihrer Leiber ringelte sich unter den Fluten fort. Die
See plätscherte unter ihrer Spur, und jetzt waren sie am Lande, züngelten und
zischten und sahen sich mit feurigen Augen um. Die Trojaner, die noch immer
in Menge um das Roß herumstanden, wurden totenblaß und ergriffen die Flucht,
die Tiere aber nahmen ihre Richtung nach dem Uferaltare des Meergotts, wo Laokoon
mit seinen zwei jungen Söhnen beim Opfer beschäftigt war. Zuerst wandten sie
sich um die Leiber der beiden Knaben und bohrten ihren giftigen Zahn in ihr
zartes Fleisch. Als die Verwundeten laut aufschrien und der Vater selbst ihnen
mit gezogenem Schwerte zu Hilfe kommen wollte, schlangen sie sich mit mächtigen
Windungen auch diesem zwiefach um den Leib und überragten ihn bald mit ihren
aufgerichteten Hälsen und zischenden Häuptern. Seine Priesterbinde troff von
Eiter und Gift. Vergebens bestrebte er sich, die Schlingen mit seinen Händen
loszumachen; und inzwischen entfloh der schon getroffene Stier blutig und brüllend
vom Altar und schüttelte das Beil aus dem Nacken. Laokoon erlag mit seinen beiden
Kindern den Schlangenbissen, und nun schlüpften die Tiere in langen Krümmungen
dem hochragenden Tempel der Athene zu und bargen sich dort unter den Füßen und
dem Schilde der Göttin.
Das Trojanervolk sah in diesem gräßlichen Ereignis eine Bestrafung der frevelhaften
Zweifel seines Priesters. Ein Teil eilte der Stadt zu und riß die Mauern nieder,
um dem unheilvollen Gaste den Weg zu bahnen, ein anderer fügte Räder an die
Füße des Rosses, wieder andere drehten gewaltige Seile aus Werg und warfen sie
dem hölzernen Riesentier um den Hals. Dann zogen sie es im Triumphe nach der
Stadt; Knaben und Mädchen, die Hand an die Seile gelegt, sangen in Chören feierliche
Hymnen dazu. Als die Maschine über die erhöhten Torschwellen rollte, stockte
viermal ihr Lauf und viermal dröhnte ihr Bauch wie von Erze. Aber die Trojaner
waren mit Blindheit geschlagen und führten das Ungeheuer jubelnd auf ihre heilige
Burg. Mitten unter der Raserei der öffentlichen Freude blieb nur das Gemüt und
der Geistesblick der Seherin Kassandra, der gottbegabten Königstochter des trojanischen
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