Gustav Schwab - Der Tod des großen Ajax
admin am Mrz 29th 2008
gewußt; man meinte jeden Augenblick, jetzt werde das Riesenpferd zu wiehern
anfangen. Epeios aber hob die Hände gen Himmel und betete vor allem Heere: »Mächtige
Pallas, erhöre mich, rette dein Pferd und mich selbst, hohe Göttin!« Und alle
Griechen stimmten in dieses Gebet ein.
Die Trojaner waren in der Zwischenzeit vom letzten Kampfe an scheu hinter ihren
Mauern geblieben. Um so lauter tobte der Zwiespalt unter den Göttern selbst
jetzt, wo Trojas Verhängnis erfüllt werden sollte. Sie fuhren in zwei getrennten
Haufen, der eine den Griechen günstig, der andere ihnen abhold, auf die Erde
herunter und stellten sich am Flusse Xanthos, den Sterblichen unsichtbar, in
zwei Schlachtordnungen gegeneinander auf. Auch die Meergottheiten schlossen
sich der einen oder andern Seite an. Die Nereiden hielten es, als Verwandte
des Achill, mit den Griechen; andere Meergötter waren auf der Seite Trojas,
und diese empörten die Flut gegen die Schiffe und trieben sie an Land gegen
das tückische Roß. Sie hätten beide zerstört, wenn das Schicksal es gestattet
hätte. Unter den obern Göttern begann indessen der Streit, und Ares stürzte
der Athene zum Kampf entgegen. Damit war das Zeichen der allgemeinen Schlacht
gegeben, und die Götter warfen sich gegenseitig aufeinander: bei jeder Bewegung
klirrten die goldenen Rüstungen, und das Meer rauschte mit seinen Wogen darein;
unter den Füßen der Unsterblichen bebte die Erde, und alle schrien laut zusammen,
so daß der Schlachtruf der Götter bis zur Unterwelt hinabdrang und die Titanen
im Tartaros davor erbebten. Es hatten aber die Himmlischen sich zum Kampf eine
Zeit ersehen, wo Zeus, der Vater der Götter und Menschen, fern auf einer Reise
an den Ozean begriffen war, wohin die Regierung der Erde ihn gerufen. Doch seinem
scharfsichtigen Geiste entging auch aus der Ferne nichts von dem, was auf der
Oberfläche des Erdbodens sich ereignete. Und so wurde er kaum den Götterkampf
inne, als er schnell von der Flut des Ozeans mit seinen geflügelten Windrossen
auf dem Donnerwagen, den Iris leitete, in den Olymp zurückkehrte und von dort
aus seine Blitze unter die kämpfenden Götter warf. Da erbebten die Unsterblichen
und hielten inne mit Kämpfen. Themis, die Göttin des Rechts, die allein dem
Streite ferngeblieben war, trat ein unter die Götter und schied sie voneinander,
indem sie ihnen verkündigte, daß Zeus die gänzliche Vernichtung der Himmlischen
beschlossen hätte, wofern sie nicht gehorchten. Jetzt ward den Göttern bange
für ihre Unsterblichkeit, sie unterdrückten die Erbitterung ihrer Herzen und
kehrten zurück aus dem Kampfe, die einen zum Olymp die andern in die Tiefe des
Meeres.
Das Pferd im griechischen Lager war indessen in vollkommene Bereitschaft gesetzt,
und Odysseus erhub sich in der Versammlung der Helden. »Jetzt gilt es«, sprach
er, »ihr Führer des Danaervolks! Jetzt beweise es, wer wirklich durch Kraft
und Mut hervorragt. Denn jetzt ist’s Zeit, in dem Bauche des Rosses, der uns
beherbergen wird, der dunkeln Zukunft entgegenzugehen! Glaubet mir, es gehört
mehr Mut dazu, in diesen Schlupfwinkel zu kriechen, als dem Tode in offener
Feldschlacht zu trotzen! Darum, wer sich am tapfersten fühlt, der entschließe
sich zu diesem Wagestück. Die andern mögen vorerst nach Tenedos schiffen! Ein
wackerer Jüngling aber bleibe in der Nähe des Pferdes und tue, wie ich geraten
habe. Wer will sich diesem Auftrag unterziehen?«
Die Helden zögerten. Da trat ein tapferer Grieche, namens Sinon, auf und sprach:
»Sehet mich bereit, das verlangte Werk zu tun! Mögen mich die Trojaner mißhandeln,
mögen sie mich lebendig ins Feuer werfen: mein Entschluß steht fest!« Die Völker
jubelten ihm Beifall zu, und mancher alte Held sprach bei sich im Herzen: ›Wer
ist doch dieser junge Mensch? Wir haben seinen Namen nie gehört; noch keine
tapfere Tat hat ihn ausgezeichnet. Ihn treibt gewiß ein Dämon, entweder den
Trojanern oder uns selbst Verderben zu bringen!‹ Nestor aber erhub sich und
sprach ermunternd zu den Danaern: »Jetzt, liebe Kinder, bedarf es wackern Mutes,
denn jetzt legen die Götter das Ziel zehnjähriger Mühseligkeiten in unsre Hände:
darum rasch hinein in den Bauch des Pferdes! Ich selbst fühle noch die jugendliche
Kraft in meinen Greisengliedern, von der ich beseelt war, als ich mit Iason
das Argonautenschiff besteigen wollte und es auch bestiegen hätte, wenn ich
nicht von dem Könige Pelias abgehalten worden wäre!«
So rief der Greis und wollte sich vor allen andern durch die geöffnete Seitentüre
in den Bauch des hölzernen Rosses schwingen; aber Neoptolemos, der Sohn des
Achill, beschwor ihn, diese Ehre ihm, dem Jüngling, abzutreten und, seines Greisenalters
eingedenk, die Führung der übrigen Griechen nach der Insel Tenedos zu übernehmen.
Mit Mühe ließ sich Nestor überreden, und nun stieg der Jüngling in voller Rüstung
zuerst in die geräumige Höhle. An ihn schlossen sich Menelaos, Diomedes, Sthenelos
und Odysseus, dann Philoktet, Ajax, Idomeneus, Meriones, Podaleirios, Eurymachos,
Antimachos, Agapenor und so viele sonst noch der Bauch des Rosses fassen mochte.
Zuletzt stieg der Verfertiger des Rosses, Epeios, selbst hinein. Dann zog er
die Leitern zu sich in die Höhlung, verschloß dieselbe von innen fest und setzte
sich vor den Riegel; die übrigen harrten im Bauche des Rosses in tiefem Schweigen
und saßen in dunkler Nacht zwischen Tod und Sieg. Die andern Griechen aber,
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