Gustav Schwab - Der Tod des großen Ajax
admin am Mrz 29th 2008
wollte ein Mittel einfallen, wie dem grausamen Kriege ein Ziel gesetzt werden
könnte; der einzige Odysseus kam endlich durch die Verschmitztheit seines Geistes
auf ein solches. »Wisset ihr was, Freunde«, rief er, freudig bewegt durch den
glücklichen Einfall, »laßt uns ein riesengroßes Pferd aus Holz zimmern, in dessen
Versteck sich die edelsten Griechenhelden, so viele unser sind, einschließen
sollen. Die übrigen Scharen mögen sich inzwischen mit den Schiffen nach der
Insel Tenedos zurückziehen, hier im Lager aber alles Zurückgelassene verbrennen,
damit die Trojaner, wenn sie dies von ihren Mauern aus gewahr werden, sich sorglos
wieder über das Feld verbreiten. Von uns Helden aber soll ein mutiger Mann,
der keinem der Troer bekannt ist, außerhalb des Rosses bleiben, sich als Flüchtling
zu ihnen begeben und ihnen das Märchen vortragen, daß er sich der frevelhaften
Gewalt der Achajer entzogen habe, welche ihn um ihrer Rückkehr willen den Göttern
als Opfer schlachten wollten. Er habe sich nämlich unter dem künstlichen Rosse,
welches der Feindin der Trojaner, der Göttin Pallas Athene, geweiht sei, versteckt
und sei jetzt, nach der Abfahrt seiner Feinde, eben erst hervorgekrochen. Dies
muß er den ihn Befragenden so lange zuversichtlich wiederholen, bis sie ihr
Mißtrauen überwunden haben und ihm zu glauben anfangen. Dann werden sie ihn
als einen bemitleidenswerten Fremdling in ihre Stadt führen. Hier soll er darauf
hinarbeiten, daß die Trojaner das hölzerne Pferd in die Mauern hineinziehen.
Überlassen sich dann unsre Feinde sorglos dem Schlummer, so soll er uns ein
zu verabredendes Zeichen geben, auf welches wir unsern Schlupfwinkel verlassen,
den Freunden bei Tenedos mit einem lodernden Fackelbrande ein Signal geben und
die Stadt mit Feuer und Schwert zerstören wollen.«
Als Odysseus ausgeredet, priesen alle seinen erfinderischen Verstand, und zumeist
lobte ihn Kalchas, der Seher, dessen Sinn der schlaue Held vollkommen getroffen
hatte. Er machte auf günstige Vogelzeichen und zustimmende Donnerschläge des
Zeus, die sich vom Himmel herab hören ließen, aufmerksam und drängte die Griechen,
sogleich zum Werke zu schreiten. Aber da erhub sich der Sohn des Achill unwillig
in der Versammlung: »Kalchas«, sprach er, »tapfre Männer pflegen ihre Feinde
in offener Feldschlacht zu bekämpfen; mögen die Trojaner, das Treffen vermeidend,
von ihren Türmen herab als Feige streiten, uns aber lasset nicht auf eine List
sinnen oder auf irgendein andres Mittel außer offenem Kampfe! In diesem müssen
wir beweisen, daß wir die besseren Männer sind.«
So rief er, und Odysseus selbst mußte den hochsinnigen Jüngling bewundern;
doch erwiderte er ihm: »O du edles Kind eines ebenso furchtlosen Vaters, du
hast dich ausgesprochen wie ein Held und wackrer Mann. Aber doch konnte dein
Vater selbst, der Halbgott an Mut und Stärke, diese herrliche Feste nicht zerstören.
Du siehst also wohl, daß Tapferkeit in der Welt nicht alles ausrichtet. Deswegen
beschwöre ich euch, ihr Helden, daß ihr den Rat des Kalchas befolget und meinen
Vorschlag ohne Säumen ins Werk setzet!«
Alle andern Helden gaben dem Sohne des Laërtes Beifall; nur Philoktet stellte
sich auf die Seite des Neoptolemos, denn er lechzte noch immer nach Kampf und
Schlachtgetümmel, und sein Heldenherz war noch nicht gesättigt. Am Ende hatten
die beiden auch den Rat der Danaer zu sich herübergezogen. Aber Zeus bewegte
den ganzen Luftkreis, schleuderte Blitz auf Blitz unter krachendem Donner zu
den Füßen der widerstrebenden Helden herab und gab so hinlänglich zu verstehen,
daß sein Wille sich mit den Vorschlägen des Sehers und des Laërtiaden vereinige.
So verloren die beiden Helden den Mut, sich länger zu widersetzen, und gehorchten,
obgleich mit innerlichem Widerwillen.
Nun kehrten alle miteinander zu den Schiffen zurück, und ehe ans Werk gegangen
wurde, überließen sich die Helden dem wohltätigen Schlafe. Da stellte sich um
Mitternacht im Traume Athene an das Haupt des griechischen Helden Epeios und
trug ihm als einem kunstreichen Manne auf, das mächtige Roß aus Balken zu zimmern,
indem sie selbst ihm ihren Beistand zur schnelleren Vollendung des Werkes versprach.
Der Held hatte die Göttin erkannt und sprang freudig vom Schlafe auf: alle Gedanken
wichen in seinem Geiste dem einen Auftrag, und der Geist seiner Kunst bewegte
ihm die Seele. Mit Tagesanbruch erzählte er die Göttererscheinung in der Mitte
alles Volkes, und nun schickten die Atriden in aller Eile in die waldreichen
Täler des Idagebirges und ließen daselbst die hochstämmigsten Tannen fällen.
Diese wurden eilig zum Hellespont hinabgetragen, und viele Jünglinge gingen
ans Werk und halfen dem Epeios: die einen zersägten die Balken, die andern hieben
die Äste von den noch unzersägten Stämmen, wieder andere taten anderes. Epeios
aber zimmerte zuerst die Füße des Pferdes, dann den Bauch; über diesen fügte
er den gewölbten Rücken, hinten die Weichen, vorn den Hals; über ihn formte
er zierlich die Mähne, die sich flatternd zu bewegen schien; Kopf und Schweif
wurden reichlich mit Haaren versehen, aufgerichtete Ohren an den Pferdekopf
gesetzt und gläserne leuchtende Augen unter der Stirne angebracht; kurz, es
fehlte nichts, was an einem lebendigen Pferde sich regt und bewegt. So vollendete
er mit Athenes Hilfe das Werk in dreien Tagen, und das ganze Heer bewunderte
die Schöpfung des Künstlers, so ausdrucksvoll hatte er Leben und Bewegung nachzubilden
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