Gustav Schwab - Der Tod des großen Ajax
admin am Mrz 29th 2008
eines Hauses erschien. Unter diesem Schilddache zogen die Scharen der Danaer,
eng geschlossen und wie zu einem einzigen Körper vereinigt, daher, und furchtlos
hörten sie das Getöse der zahllosen Steine, Pfeile und Lanzen, die von der Mauer
herab aus den Händen der Trojaner auf die Schilde herabprasselten, ohne einen
einzigen Mann zu verwunden. So nahten sie sich, keiner von dem anderen getrennt,
wie ein dunkles Wintersturmgewölk den Mauern; der Grund dröhnte unter ihren
Tritten, der Staub wallte über ihren Häuptern, und unter dem Schilddache tönte
vermischtes Gespräch durcheinander, wie Bienengesumse in den Körben. Freude
erfüllte das Herz der Atriden, als sie das unerschütterliche Bollwerk einherziehen
sahen: sie drängten ihre Krieger alle den Toren der Feste entgegen zum Sturmangriff
und rüsteten sich, die Türen aus den Angeln zu heben, die Torflügel mit zweischneidigen
Beilen zu durchbrechen und niederzuwerfen, und bei der neuen Erfindung des Odysseus
schien der Sieg unzweifelhaft zu sein.
Da stärkten die Götter, die auf seiten der Trojaner waren, die Arme des Helden
Äneas, daß er einen ungeheuren Stein mit beiden Händen herbeibrachte und voll
Wut auf das Schilderdach hinunterschleuderte. Dieser Wurf richtete eine klägliche
Niederlage unter den Stürmenden an, und sie sanken wie Ziegen des Berges, auf
die ein losgerissener Fels herabrollt, zerschmettert unter ihren Schilden zu
Boden. Äneas aber stand auf der Mauer mit strotzenden Gliedern, und seine Rüstung
funkelte wie der Blitz; neben ihm stand unsichtbar in einer dunkeln Wolke der
gewaltige Ares, der den Geschossen, die der Held dem Steine nachsendete, die
rechte Richtung gab, daß Tod und Entsetzen unter die Reihen der Griechen fuhr.
Laut ertönte von den Mauern herab der Ruf des Äneas, der die Seinigen anfeuerte,
laut von unten herauf der Ruf des Neoptolemos, der die Myrmidonen ermahnte,
standzuhalten, und so dauerte hier der Kampf den ganzen Tag fort ohne Erholung
und Rast.
An einer entfernteren Seite der Mauer waren die Griechen glücklicher. Dort
säuberte der kühne Lokrer Ajax die Zinnen allmählich von Verteidigern, indem
er bald mit dem Pfeil einen wegschoß, bald mit dem Speer einen niederstieß.
Und jetzt ersah sich sein tapferer Waffengefährte und Landsmann Alkimedon eine
ganz leer gewordene Stelle der Mauer, legte eine Sturmleiter an und stieg, auf
sein mutiges Herz und seine Jugend vertrauend, voll Kriegslust mit behendem
Fuße die Stufen empor, den Schild über dem Haupte haltend. So gedachte er den
Seinigen den Weg in die Stadt zu bahnen. Aber Äneas hatte aus der Ferne sein
Beginnen beobachtet, und als jener nun eben über die Mauer hinwegsah und zum
ersten und letzten Mal einen Blick in das Innere der Stadt warf, traf ihn ein
Stein, aus der gewaltigen Hand des trojanischen Helden geschleudert, ans Haupt;
die Leiter ward zertrümmert unter der Wucht des Stürzenden: wie ein Pfeil, von
der Sehne geschnellt, wirbelte er durch die Luft und hauchte die Seele aus,
noch ehe er unten am Boden ankam. Die Lokrer seufzten laut auf, als sie den
Zermalmten auf der Erde liegen sahen. Jetzt faßte Philoktet den Sohn des Anchises,
der wie ein reißendes Tier die Mauern entlang tobte, sich ins Auge und richtete
sein gepriesenes Geschoß auf ihn. Auch verfehlte er sein Ziel nicht, ritzte
jedoch nur ein wenig das Leder des Schildes und traf dann den Trojaner Menon,
der von der Mauer herabfiel wie ein Wild, das des Jägers Pfeil erreicht hat.
Äneas zertrümmerte dafür dem Toxaichmes, einem wackern Gefährten des Philoktet,
Haupt und Knochen mit einem Steinwurfe. Grimmig blickte Philoktet zu dem feindlichen
Helden empor und rief. Ȁneas! du glaubst der Tapferste zu sein, wenn du, wie
schwache Weiber, von der Mauer herab deine Feinde mit Steinen bekämpfst. Wohlan,
wenn du ein Mann bist, so komm in der Rüstung vor die Tore heraus und erprobe
deinen Bogen und deine Lanze im Kampfe mit dem mutigen Sohne des Pöas!« Der
Trojaner hatte nicht Zeit, ihm zu antworten, denn die Verteidigung der Stadt
rief ihn nach einer andern Stelle der Mauer, und auch Philoktet wurde zu neuem
rastlosem Kampf hinweggerissen.
Das hölzerne Pferd
Nachdem nun die Griechen lange erfolglos um Tore und Mauern von Troja gekämpft
und der versuchte Sturm auf allen Seiten abgeschlagen worden war, rief der Seher
Kalchas eine Versammlung der vornehmsten Helden zusammen und redete so vor ihnen:
»Unterziehet euch nicht ferner den Mühseligkeiten eines gewaltsamen Kampfes,
denn auf diesem Wege kommt ihr nicht zum Ziele: besinnet euch vielmehr auf irgendeinen
Anschlag, der euren Schiffen und euch selber zum Heile gereichen mag. Denn vernehmet,
was für ein Zeichen ich gestern geschaut habe: Ein Habicht jagte einem Täubchen
nach; dieses aber schlüpfte in die Spalten eines Felsens hinein, um seinem Verfolger
zu entgehen. Lange verweilte dieser grimmig vor dem Felsenspalt, aber das Tierchen
ging nicht heraus; da verbarg sich der Raubvogel mit unterdrücktem Unmut ins
nahe Gebüsch: und siehe da, jetzt schlüpfte das Täublein in seiner Torheit wieder
heraus, der Habicht aber schießt auf das arme Tier nieder und erwürgt es ohne
Erbarmen. Laßt uns diesen Vogel zum Muster nehmen und Troja nicht fürder mit
Gewalt zu erobern bestrebt sein, sondern es einmal mit der List versuchen.«
So sprach der Seher, aber keinem der Helden, obgleich sie hin und her sannen,
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