Gustav Schwab - Der Tod des großen Ajax
admin am Mrz 29th 2008
Liebe, habe Mitleid mit mir und befreie mich von dem quälenden Schmerz, indem
du auf meine Wunde die Heilmittel auflegst, die nach deiner eigenen Weissagung
mich allein zu retten vermögen!«
Aber seine Worte erweichten den harten Sinn der Verstoßenen nicht. »Was kommst
du zu der«, sprach sie scheltend, »die du verlassen und dem bitteren Jammer
preisgegeben hast, weil du an Helenas ewiger Jugend dich zu erfreuen hofftest?
So geh nun und wirf dich ihr zu Füßen, ob sie dir helfen möge; meine Seele aber
hoffe nicht mit deinen Tränen und Klagen zum Mitleid zu stimmen!« So schickte
sie ihn wieder aus ihrer Behausung fort, ohne zu ahnen, daß ihr eigenes Schicksal
an das ihres Gatten gebunden sei. Paris schleppte sich, von den Dienern gestützt
und getragen, kummervoll über die Höhen des waldigen Ida hin, und Hera vom Olymp
herab labte sich an dem Anblicke. Noch war er nicht an den Abhang des Berges
gelangt, als er der giftigen Wunde erlag und seinen Geist noch auf den Gipfeln
des Ida selbst aushauchte, so daß seine Buhlin Helena ihn nicht wieder erblickte.
Ein Hirte brachte seiner Mutter Hekabe die erste Kunde von seinem traurigen
Tode. Ihr wankten die Knie bei der Nachricht, und sie sank bewußtlos nieder.
Priamos aber wußte noch nichts davon, er saß klagend am Grabe seines Sohnes
Hektor und erfuhr nicht, was draußen vorging. Helena dagegen ließ ihren strömenden
Klagen bei der Botschaft ihren Lauf, wiewohl ihr Gemüt wenig davon empfand;
denn sie war nicht sowohl über den Tod des Mannes betrübt als über ihre eigene
Schuld, an welche sie sich jetzt mit Zagen erinnerte.
Unerwartete Reue bemächtigte sich der Seele Önones, die ferne von allen trojanischen
Frauen auf der Höhe des Ida im einsamen Hause lag und der jetzt erst die Erinnerung
an ihre mit Paris in Liebe verlebte Jugend zurückkehrte. Wie das Eis, das auf
dem hohen Gebirge sich in den Wäldern angesetzt und die Klüfte umher deckt,
unter dem lauen Hauche des Westwinds wieder schmilzt und in strömende Quellen
zerfließt, so schmolz die Härtigkeit ihres Herzens dahin vor dem Kummer; das
Herz ging ihr auf, und Ströme von Tränen quollen aus ihren lang vertrockneten
Augen. Endlich raffte sie sich auf, öffnete mit Heftigkeit die Pforte ihres
Hauses und stürzte wie ein Sturmwind hinaus. Von Fels zu Fels, über Schluchten
und Bergströme trugen sie die flüchtigen Füße durch die Nacht hin. Mitleidsvoll
blickte Selene vom blauen Nachthimmel auf sie herunter. Endlich gelangte sie
an die Stelle des Gebirges, wo der Leichnam ihres Gatten auf dem Holzstoß flammte
und von den Schafhirten des Berges umringt war, die dem Freund und dem Königssohn
die letzte Ehre erwiesen. Als ihn Önone erblickte, machte sie der heftige Schmerz
ganz sprachlos; sie verhüllte ihr schönes Antlitz in die Gewänder, sprang rasch
auf den Scheiterhaufen, und ehe die Umstehenden sie retten, ja nur beklagen
konnten, war sie mit der Leiche des Gatten ein Opfer der Flammen.
Sturm auf Troja
Während sich dieses auf dem Berg Ida ereignete, wurde der Kampf von seiten
beider Heere mit Erbitterung und wechselndem Erfolg fortgesetzt. Apollo hauchte
dem Äneas, dem Sohne des Anchises, und dem Eurymachos, dem Sohne Antenors, Mut
und Stärke ein, daß sie die Achajer mit großem Verluste zurückdrängten und Neoptolemos
nur mit Mühe das Treffen wiederherstellen konnte. Doch wichen die Trojaner nicht
eher, bis Pallas Athene selbst den Griechen zu Hilfe eilte. Nun mischte sich
auch die Göttin Aphrodite in den Kampf, und um das Leben ihres Sohnes Äneas
besorgt, hüllte sie diesen in eine Wolke und entrückte ihn aus der Schlacht.
Aus diesem unbarmherzigen Kampfe entrannen nur wenige Trojaner, müde und verwundet,
in die Stadt. Weiber und Kinder lösten ihnen wehklagend die blutigen Waffen
vom Leibe, und die Ärzte hatten vollauf zu tun. Auch die Danaer waren vom Kampfe
geschwächt und ermüdet, denn erst nach langem Zweifel hatte sich der Sieg ihnen
zugewendet. Doch waren sie am andern Morgen wieder munter, und nachdem sie eine
gehörige Wache bei den Verwundeten zurückgelassen, zogen sie lustig und kriegerisch
von den Schiffen den Mauern Trojas wieder zu; und diesmal ging es zum Sturme.
Die Griechen hatten ihre Scharen verteilt, und eine jede hatte den Angriff auf
eines der Tore übernommen. Die Trojaner aber kämpften auf allen Seiten von Mauern
und Türmen herab, und überall erhob sich ein gewaltiges Getümmel. An das Skäische
Tor wagte sich zuerst Sthenelos, der Sohn des Kapaneus, mit dem göttergleichen
Helden Diomedes. Über dem Tore aber wehrten der ausdauernde Deïphobos und der
starke Polites samt vielen Genossen die Stürmenden mit Pfeilen und Steinen ab,
daß Helme und Schilde von dem Wurfe klangen. Am Idäischen Tore focht Neoptolemos
mit allen seinen Myrmidonen, die in den Künsten der Bestürmung wohlerfahren
waren. In der Stadt munterten hier die Trojaner Helenos und Agenor auf und kämpften
unermüdlich für die teure Heimat. An denjenigen Pforten, die zu der Ebene und
zu dem Schiffslager der Griechen führten, waren Eurypylos und Odysseus in unaufhörlichem
Kampfe; von der hoch emporragenden Mauer aber hielt sie durch Steinwürfe der
tapfere Äneas entfernt. An dem Gewässer des Simois kämpfte unter mannigfaltigen
Drangsalen Teucer, und so andere anderswo. Endlich kam Odysseus auf seinem Posten
auf den glücklichen Gedanken, seine Streiter die Schilde über ihre Häupter gedrängt
aneinander emporheben zu lassen, so daß das Ganze wie das wohlgewölbte Dach
Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24
Gerne gelesen werden auch:
Geschrieben in Erzählungen, Sagen | Kein Kommentar bis jetzt