Gustav Schwab - Der Tod des großen Ajax
admin am Mrz 29th 2008
»Lieber Freund! Es ist in der Betörung unseres Geistes, aber auch nach göttlicher
Fügung geschehen; hege nicht länger Groll darüber im Herzen, die Götter haben
uns genug dafür gestraft und diese Versuchung über uns verhängt, um uns ihren
Zorn fühlen zu lassen. Für jetzt nimm die Geschenke freundlich auf, die wir
dir bereitet haben: sieben trojanische Jungfrauen, zwanzig Rosse und zwölf Dreifüße.
Daran labe dein Herz und nimm in meinem eigenen Zelte Platz. Beim Mahl und allenthalben
soll dir königliche Ehre erwiesen werden.«
»Lieben Freunde«, erwiderte Philoktet gütig, »ich zürne nicht mehr, weder dir,
Agamemnon, noch irgendeinem andern Danaer, sollte sich auch einer an mir vergangen
haben. Weiß ich doch, daß der Sinn edler Männer beugsam ist und sich bald streng,
bald nachgiebig zeigen muß. Doch jetzt laßt uns schlafen gehen, denn wer sich
nach dem Kampfe sehnt, tut wohler daran, sich des Schlummers zu freuen als des
Schmauses!« So sprach er und eilte ins Gezelte seiner Freunde, wo er bis an
den Morgen behaglich der Ruhe pflegte.
Am andern Tage waren die Trojaner außerhalb der Mauer mit der Beerdigung ihrer
Toten beschäftigt, als sie die Griechen schon wieder zum Streite heranrücken
sahen. Polydamas, der weise Freund des gefallenen Hektor, riet ihnen, im Gefühl
ihrer Schwäche sich hinter die Mauern zurückzuziehen und sich dort getrost zu
verteidigen. »Troja«, sprach er, »ist das Werk der Götter, und ihre Werke sind
nicht leicht zu zerstören; auch fehlt es uns weder an Speise noch an Getränk,
und in den Hallen unseres reichen Königes Priamos liegen noch Vorräte genug,
um dreimal soviel Volk zu sättigen, als wir sind.« Aber die Trojaner gehorchten
seinem Rate nicht und jauchzten vielmehr dem Äneas Beifall, der sie zu rühmlichem
Sieg oder Tod auf dem Schlachtfelde aufforderte. Bald stürmte der Kampf wieder
in beider Heere Reihen. Neoptolemos erschlug zwölf Trojaner hintereinander mit
dem Speere seines Vaters, aber auch Eurymenes, der Gefährte des kühnen Äneas,
und Äneas selbst rissen blutige Lücken ins griechische Heer, und Paris tötete
den Begleiter des Menelaos, den Demoleon aus Sparta. Dagegen rasete Philoktet
unter den Trojanern wie der unbezwingliche Ares selber oder wie ein tosender
Strom, der breite Fluren überschwemmt. Wenn ein Feind ihn nur von ferne erblickte,
so war er verloren; schon des Herakles herrliche Rüstung, die er trug, schien
die Troer zu verderben, als stünde das Medusenhaupt auf seinem Panzer. Zuletzt
aber wagte es doch Paris und drang auf ihn ein, Bogen und Pfeile mutig in der
Luft schwenkend. Auch schnellte er bald einen Pfeil ab; doch der schwirrte an
Philoktet vorüber und verwundete seinen Nebenmann Kleodoros in die Schulter.
Dieser wich, mit der Lanze fortkämpfend, zurück; aber ein zweiter Pfeil des
Paris traf ihn zum Tode. Jetzt griff Philoktet zu seinem Bogen, und mit donnernder
Stimme rief er: »Du trojanischer Dieb, Urheber alles unsres Unheils, du sollst
es büßen, daß dich gelüstet hat, in der Nähe dich mit mir zu messen. Wenn du
einmal tot bist, so wird deinem Haus und deiner Stadt das Verderben mit schnellen
Schritten heraneilen!« So sprach er und zog die gedrehte Sehne des Bogens bis
nahe an die Brust, so daß das Horn sich bog, und legte den Pfeil so auf, daß
er nur ein weniges über den Bogen hervorragte. Mit einem Schwirren der Sehne
flog das zischende Geschoß dahin und verfehlte aus der Hand des göttlichen Helden
sein Ziel nicht, doch ritzte er dem Paris nur die schöne Haut, und auch dieser
spannte seinen Bogen wieder; da traf ihn ein zweiter Pfeil des Philoktet in
die Weiche, daß er nicht länger im Kampf auszuharren vermochte, sondern entfloh
wie ein Hund vor dem Löwen, am ganzen Leibe zitternd.
Der blutige Kampf dauerte noch eine Weile fort, während die Ärzte sich um die
schmerzliche Wunde des Paris bemühten. Aber das Dunkel der Nacht war eingebrochen,
und die Trojaner kehrten in ihre Mauern, die Danaer zu ihren Schiffen zurück.
Paris durchstöhnte die Nacht ohne Schlaf auf seinem Schmerzenslager. Der Pfeil
war bis ins Mark des Gebeines eingedrungen und die Wunde durch die Wirkung des
scheußlichen Giftes, in das die Pfeile des Herakles getaucht waren, ganz schwarz
vor Fäulnis. Kein Arzt vermochte zu helfen, ob sie gleich Mittel aller Art anwandten.
Da erinnerte sich der Verwundete eines Orakelspruches, daß ihm einst in der
größten Not nur seine verstoßene Gattin Önone helfen könne, mit welcher er,
als er noch Hirte auf dem Ida war, glückliche Tage verlebt hatte. Aus dem eigenen
Munde der Gattin hatte er damals, als er nach Griechenland zog, diese Wahrsagung
vernommen. So ließ er sich denn jetzt ungerne, aber von der harten Qual gezwungen,
dem Berge Ida, wo seine erste Gemahlin noch immer wohnte, zutragen. Von dem
Gipfel des Berges herab krächzten Unglücksvögel, als die Diener mit ihm hinanstiegen.
Ihre Stimme erfüllte ihn bald mit Entsetzen, bald trieb ihn wieder die Lebenshoffnung,
sie zu verachten. So kam er in der Wohnung seiner Gattin an. Die Dienerinnen
und Önone selbst erfüllte der unerwartete Anblick mit Staunen; er aber stürzte
sich zu den Füßen seines verschmähten Weibes und rief. »Ehrwürdige Frau, o hasse
mich jetzt nicht in meiner Bedrängnis, weil ich dich einst unfreiwillig als
Witwe zurückließ. Denn sieh, es waren die unerbittlichen Parzen, die mich Helena
entgegengeführt. O wäre ich doch gestorben, ehe ich sie in den Palast meines
Vaters gebracht! Doch jetzt beschwöre ich dich bei den Göttern und unserer früheren
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