Gustav Schwab - Der Tod des großen Ajax

admin am Mrz 29th 2008

dem Ziele, das uns angewiesen ist!« Philoktet sprang auf, so schnell, als das
Übel seines Fußes es ihm zuließ, und ergriff mit einem Freudenrufe den Jüngling
bei der Hand. In diesem Augenblick erschien der Späher der Helden, als ein griechischer
Schiffsherr verkleidet, mit einem andern Schiffer von ihrem Gefolge. Er erzählte,
an Neoptolemos gewendet, die erheuchelte Kunde, daß Diomedes und Odysseus auf
der Fahrt nach einem gewissen Philoktet begriffen seien, den sie, einer Weissagung
des Sehers Kalchas zufolge, fangen und vor Troja bringen müßten, wenn die Stadt
erobert werden sollte. Diese Schreckensnachricht warf den Sohn des Pöas ganz
dem Neoptolemos in die Arme. Er raffte die heiligen Geschosse des Herakles zusammen,
übergab sie dem jungen Helden, der sich zum Träger erbot, und schritt mit ihm
unter das Tor der Höhle. Da vermochte sich Neoptolemos nicht länger zu halten,
die Wahrheit siegte in dem reinen Herzen des jungen Helden über die Lüge, und
ehe sie am Ufer angekommen waren, sprach er: »Philoktet, ich kann es dir nicht
länger verbergen: du mußt mit mir nach Troja zu den Atriden und Griechen schiffen!«
Philoktet bebte zurück, flehte, fluchte. Ehe aber das Mitleid ganz die Oberhand
über die Seele des Jünglings gewann, sprang Odysseus aus dem Gebüsche, das ihn
verborgen hielt, hervor und befahl den Dienern, den unglücklichen alten Helden,
der doch schon ihr Gefangener sei, zu fesseln. Philoktet hatte ihn auf den ersten
Laut erkannt. »O wehe mir«, rief er, »ich bin verkauft, ermordet! Dieser ist’s,
der mich ausgesetzt hat, der mich jetzt dahinschleppt, durch dessen Trug mir
meine Pfeile gestohlen sind! - Gutes Kind« sprach er dann schmeichelnd zu Neoptolemos,
»gib du mir Bogen und Pfeile wieder!« Aber Odysseus fiel ihm in die Rede: »Nie
geschieht solches«, rief er, »und wollte es der Jüngling auch; sondern du mußt
mit uns gehen, du mußt; es gilt der Griechen Heil und Trojas Untergang!« Damit
überließ ihn Odysseus den ihn fesselnden Dienern und zog den verstummten Neoptolemos
mit sich fort. Philoktet blieb mit den Dienern im Eingang der Höhle stehen,
klagte über den schamlosen Betrug und schien umsonst die Rache der Götter anzurufen,
als er plötzlich die beiden Helden im Wortwechsel miteinander zurückkehren sah
und aus der Ferne hörbar die Worte des jüngeren vernahm, welcher zürnend ausrief.
»Nein, ich habe gefehlt; ich habe durch schnöde List einen edlen Mann verstrickt!
Ich will sie ungeschehen machen, die schändliche Tat, und eh du mich getötet
hast, führest du diesen Mann nicht gen Troja!« Beide zogen die Schwerter, Philoktet
aber warf sich dem Sohne Achills zu Füßen: »Versprich mir, mich zu retten, wie
du willst: so sollen die Pfeile meines Freundes Herakles jeden Einfall von deinem
Lande abwehren!« »Folge mir«, sprach Neoptolemos und hub den alten Helden vom
Boden auf, »wir schiffen noch heute nach Phthia, in mein Heimatland.«

Da verfinsterte sich die blaue Luft über den Häuptern der rechtenden Helden;
ihre Blicke kehrten sich nach oben, und Philoktet war der erste, der seinen
Freund, den vergötterten Herakles, in einer dunklen Wolke schwebend, erblickte.

»Nicht weiter!« rief dieser mit einer hallenden Götterstimme vom Himmel herab.
»Höre, Freund Philoktet, aus meinem Munde den Ratschluß des Zeus und gehorche!
Du weißt, durch welche Mühsal ich Unsterblichkeit gewann; auch dir ist vom Geschicke
bestimmt, aus deinem Jammer verherrlicht hervorzugehen. Mit diesem Jünglinge
vor Troja erscheinend, wirst du vor allen Dingen von der Krankheit erlöst; dann
haben dich die Götter erwählt, den Paris, den Urheber alles Leids, zu vertilgen;
dann stürzest du Troja; das Herrlichste der ganzen Beute wird dein Anteil; beladen
mit Schätzen fährst du zurück zu deinem Vater Pöas, der noch lebt. Hast du etwas
übrig von der Beute, so opfere es auf dem Scheiterhaufen bei meinem Denkmale.
Leb wohl!« Philoktet streckte dem verschwindenden Freunde die Arme nach zum
Himmel. »Wohlan«, rief er, »zu Schiff, ihr Helden! Gib mir die Hand, edler Sohn
des Achill; und du, Odysseus, schreit immerhin an meiner Seite: du hast gewollt,
was die Götter wollen!«
Der Tod des Paris

Als die Griechen das ersehnte Schiff, das den Philoktet mit den beiden Helden
am Borde hatte, in den Hafen des Hellesponts einlaufen sahen, eilten sie scharenweise
unter lautem Jubel an den Strand. Philoktet streckte die schwächlichen Hände
hinaus und wurde von seinen beiden Begleitern ans Ufer gehoben, welche mühselig
den Hinkenden in die Arme der harrenden Danaer führten. Diese jammerte seines
Anblickes. Da sprang einer der Helden aus dem Haufen heraus, heftete einen forschenden
Blick auf die Wunde, rief mit lauter Rührung seinen Vater Pöas bei Namen und
versprach, ihn mit der Götter Hilfe schnell zu heilen. Laut jauchzten die Griechen
auf, als sie seine Verheißung hörten. Es war Podaleirios der Arzt, ein alter
Freund des Pöas. Schnell schaffte dieser die nötigen Heilmittel herbei; die
Argiver aber wuschen und salbten den Körper des alten Helden. Die Unsterblichen
gaben ihren Segen: das verzehrende Übel schwand ihm aus den Gliedern und aller
Jammer aus der Seele. Der sieche Leib des Helden Philoktet blühte auf wie ein
Ährenfeld, das, am Regen dahinwelkend, von sommerlichen Winden erquickt wird.
Die Atriden selbst, die Häupter des Volkes staunten, als sie ihn so gleichsam
vom Tode auferstehen sahen, und nachdem er sich an Trank und Speise gelabt,
trat Agamemnon zu ihm, ergriff ihn bei der Hand und sprach mit sichtbarer Beschämung:

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