Gustav Schwab - Der Tod des großen Ajax

admin am Mrz 29th 2008

Fünftes Buch

Der Tod des großen Ajax

So endigten die Leichenspiele zu Ehren des göttlichen Achill. Von allen Fürsten
des griechischen Heeres hatte nur Odysseus daran keinen Anteil nehmen können,
denn im Kampfe um den Leichnam des Peliden hatte er von dem Trojaner Alkon eine
schmerzliche Wunde erhalten, an der er, obgleich wieder unter die Helden gemischt,
doch noch immer krankte.

Zuletzt stellte nun Thetis die unsterblichen Waffen ihres hochherzigen Sohnes
vor den Griechen als Kampfpreis aus. Weithin schimmerte der Schild des Helden,
auf welchem von Hephaistos’ eigener Hand die kunstvollsten Gebilde in getriebener
Arbeit glänzten. Neben ihm lag auf dem Boden der gewichtige Helm, dessen Wölbung
das Bild des Zeus trug, wie er voll Zorns auf dem Himmelsgewölbe stand und mit
den Titanen kämpfte. Weiter lag auf der Erde der schöne gewölbte Harnisch, der
schwarz und undurchdringlich die Brust des Peliden umschloß, dann die schweren
und doch so bequemen Beinschienen, die er trug, als wären sie federleicht; nahe
dabei glänzte sein unbezwingliches Schwert in silberner Scheide, mit goldner
Kuppel und elfenbeinernem Griffe; ihm zur Seite lag der gewichtvolle Speer am
Boden, einer gefällten Tanne ähnlich und noch rot von Hektors Blut.

Hinter den Waffen stand Thetis, ihr Haupt mit einem dunkeln Trauerschleier
bedeckt, und sprach tief betrübt zu den Danaern: »Die Siegespreise zur Leichenfeier
meines Sohnes sind nun alle gewonnen. Jetzt aber trete der Beste der Griechen
auf, der den Leichnam rettete, daß ich ihm die herrlichen Waffen meines Sohnes
verleihe, lauter Göttergeschenke, an denen die Unsterblichen selbst ihre Freude
hatten.«

Da sprangen in plötzlichem Wortwechsel zwei Helden zugleich auf, Odysseus,
der große Sohn des Laërtes, und der riesige Ajax, Telamons Sohn. Strahlend wie
der Abendstern, schwang sich der letztere die Waffen an die Seite und rief Idomeneus,
Nestor und Agamemnon zu Zeugen seiner Taten auf. Aber an dieselben Helden wandte
sich auch Odysseus; denn es waren die Verständigsten und Untadeligsten des ganzen
Heeres. Nestor nahm die beiden andern Helden beiseite und sprach mit bekümmerter
Miene: »Eine großes Unglück steht uns allen bevor, dadurch, daß die beiden besten
Helden des Heeres um unsers Erschlagenen Waffenschmuck buhlen! Welcher auch
von beiden zurückgesetzt werden mag, der wird beleidigt und grimmig sich vom
Kampfe zurückziehen, und wir alle werden seine Untätigkeit schmerzlich zu empfinden
haben. Deswegen folget mir, dem erfahrenen Greise. Wir haben ja hier im Lager
viele erst vor kurzem gefangene Trojaner; lassen wir diese den Streit zwischen
Ajax und Odysseus entscheiden; sie sind unparteiisch und werden von beiden Helden
keinen begünstigen!« Einträchtigen Sinnes mit Nestor begaben sich nun auch die
beiden andern Schiedsrichter ihres Amtes und setzten sich die Edelsten der Trojaner,
obwohl sie nur Kriegsgefangene waren, zu Gerichte, und zuerst trat Ajax vor
ihnen auf. »Welcher Dämon blendete dich, Odysseus«, rief er voll Unmuts, »daß
du dich mit mir messen willst? Du stehst mir wahrhaftig nach, wie ein Hund dem
Löwen; oder hast du schon vergessen, wie gerne du dich dem Zuge der Griechen
gegen Troja entzogen hättest? O wärest du doch zurückgeblieben! Bist doch du
es gewesen, der uns beredet hat, den ruhmvollen Sohn des Pöas, den Philoktet,
in seinem schrecklichen Jammer auf Lemnos zurückzulassen; hast doch du den Tod
des Palamedes verschuldet, obgleich er dich an Stärke sowohl als an Klugheit
übertraf! Und jetzt vergissest du auch alle die Dienste, die ich den Griechen
geleistet, vergissest, daß ich dir selbst das Leben gerettet, als du, von allen
andern verlassen, dich allein im Schlachtgetümmel fandest und vergebens dich
nach der Flucht umsahest. Damals, als um Achills Leiche sich der Kampf erhob,
bin nicht ich es gewesen, der den Leib samt den Waffen hinwegtrug? Du selbst
aber hättest nicht einmal die Kraft gehabt, die Waffen des Helden davonzutragen,
geschweige denn ihn selber! Darum weiche mir, der ich überdies nicht bloß stärker
als du bin, sondern auch edlern Stammes und mit dem Helden selbst verwandt,
um dessen Waffen wir hier streiten!«

So ereiferte sich Ajax. Odysseus aber erwiderte mit einem Lächeln des Spottes:
»Wozu verlierst du soviel unnütze Worte, Ajax? Du schiltst mich feige und kraftlos
und bedenkst nicht, daß nur die Klugheit es ist, die wahre Stärke verleiht.
Diese ist es, welche den Schiffer die Fahrt durch das empörte Meer lehrt, welche
wilde Tiere, Panther und Löwen zähmt, welche die Stiere in des Menschen Dienst
zwingt. Und deswegen ist in der Not wie im Rate ein Mann mit Verstand mehr wert
als der Törichte, der nur Körperstärke besitzt. Dies war auch der Grund, warum
Diomedes mich als den Listigsten zum Gefährten auslas, um in das Lager des Rhesos
zu gehen; ja meiner Klugheit hatten es die Griechen zu verdanken, daß der Sohn
des Peleus, um dessen Waffen wir hier streiten, für den Feldzug gegen Troja
gewonnen wurde. Und wenn je den Danaern irgendein neuer Held vonnöten wäre,
glaube mir’s Ajax, nicht dein plumper Arm, auch nicht der Witz eines andern
im Heere wird denselben ihnen verschaffen, sondern ich allein werde es sein,
dessen Schmeichelworten er folgt. Zudem haben mir die Götter nicht nur Klugheit,
sondern auch die nötige Körperstärke verliehen, und es ist nicht wahr, daß du
mich als Flüchtigen aus der Hand der Feinde errettet hast, vielmehr stellte
ich mich dem Drange der Feinde entgegen und tötete, die mich angriffen: du aber
standest dort aufgepflanzt zu deiner eigenen Sicherheit!«

So stritten sie noch lange miteinander: zuletzt überwogen bei den Trojanern,
die zu Kampfrichtern gesetzt waren, die Gründe des Odysseus, und sie erkannten
ihm einstimmig die herrliche Rüstung des Peliden zu.

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