Gustav Schwab - Bellerophontes
admin am Mrz 29th 2008
Regenguß hielt die zarte Jungfrau mit dem Vater aus, und während sie zu Hause
bei den Brüdern die beste Pflege genießen konnte, war sie im Elende zufrieden,
wenn nur der Vater satt wurde. Sein Wille war anfangs gewesen, in einer Wüstenei
des Berges Kithairon das elende Leben zu fristen oder zu endigen. Doch weil
er ein frommer Mann war, wollte er auch diesen Schritt nicht ohne den Willen
der Götter tun, und so pilgerte er vorher zum Orakel des pythischen Apollo.
Hier ward ihm ein tröstlicher Spruch zuteil. Die Götter erkannten, daß Ödipus
wider seinen Willen sich gegen die Natur und die heiligsten Gesetze der Menschengesellschaft
versündigt hatte. Gebüßt mußte ein so schweres Vergehen freilich werden, wenn
es auch unfreiwillig war; aber ewig sollte die Strafe nicht währen. Darum eröffnete
ihm der Gott: »Nach langer Frist zwar, aber endlich doch harre seiner die Erlösung,
wenn er zu dem ihm vom Schicksale bestimmten Lande gelangt wäre, wo die ehrwürdigen
Göttinnen, die strengen Eumeniden, ihm eine Zufluchtsstätte gönnten.« Nun war
aber der Name Eumeniden, die Wohlwollenden, ein Beiname der Erinnyen oder Furien,
der Göttinnen der Rache, welche die Sterblichen mit einem so begütigenden Namen
ehren und besänftigen wollten. Der Orakelspruch lautete rätselhaft und schauerlich.
Bei den Furien sollte Ödipus für seine Sünden gegen die Natur Ruhe und Erlösung
von seiner Strafe finden! Dennoch vertraute er auf die Verheißung des Gottes
und zog, dem Schicksal überlassend, wann die Erfüllung eintreten sollte, in
Griechenland herum, von seiner frommen Tochter geleitet und gepflegt und vom
Almosen mitleidiger Menschen erhalten. Immer bat er nur um weniges und erhielt
auch nur weniges. Aber er begnügte sich damit jedesmal; denn die lange Dauer
seiner Verbannung, die Not und seine eigene edle Sinnesart lehrten ihn Genügsamkeit.
Ödipus auf Kolonos
Nach langer Wanderung, bald durch bewohntes, bald durch wüstes Land, waren
die beiden eines Abends in einer sehr milden Gegend bei einem anmutigen Dorfe
mitten im lieblichsten Haine angekommen. Nachtigallen flatterten durch das Gebüsch
und sangen mit süßem Schall; Rebenblüte duftete; mit Oliven- und Lorbeerbäumen
waren die rauhen Felsstücke, welche die Gegend viel mehr schmückten als entstellten,
überkleidet. Der blinde Ödipus selbst hatte durch seine übrigen Sinne eine Empfindung
von der Anmut des Ortes und schloß aus der Schilderung seiner Tochter, daß derselbe
ein geheiligter sein müsse. Aus der Ferne stiegen die Türme einer Stadt auf,
und ihre Erkundigungen hatten Antigone belehrt, daß sie sich in der Nähe von
Athen befänden. Ödipus hatte sich, von dem Wege des Tages müde, auf ein Felsstück
gesetzt. Ein Bewohner des Dorfes, der vorüberging, hieß ihn jedoch bald diesen
Sitz verlassen, weil der Boden geheiligt sei und keinen Fußtritt dulde. Da erfuhren
denn die Wanderer bald, daß sie sich im Flecken Kolonos und auf dem Gebiet und
in dem Haine der alleserspähenden Eumeniden niedergelassen, unter welchem Namen
die Athener hier die Erinnyen verehrten.
Nun erkannte Ödipus, daß er am Ziele seiner Wanderung angekommen und der friedlichen
Lösung seines feindseligen Geschickes nahe sei. Seine Worte machten den Koloneer
nachdenklich, und er wagte es jetzt schon nicht mehr, den Fremdling von seinem
Sitz zu vertreiben, ehe er den König von dem Vorfall unterrichtet hätte. »Wer
gebietet denn in eurem Lande?« fragte Ödipus, dem in seinem langen Elende die
Geschichten und Verhältnisse der Welt fremd geworden waren. »Kennst du den gewaltigen
und edlen Helden Theseus nicht?« fragte der Dorfbewohner, »ist doch die ganze
Welt voll von seinem Ruhme!« »Nun, ist euer Herrscher so hochgesinnt«, erwiderte
Ödipus, »so werde du mein Bote zu ihm und bitte ihn, nach dieser Stelle zu kommen;
für so kleine Gunst verspreche ich ihm großen Lohn.« »Welche Wohltat könnte
unsrem König ein blinder Mann reichen?« sagte der Bauer und warf einen lächelnden,
mitleidigen Blick auf den Fremdling. »Doch«, setzte er hinzu, »wäre nicht deine
Blindheit, Mann, du hättest ein edles, hohes Aussehen, das mich zwingt, dich
zu ehren. Darum will ich dein Verlangen erfüllen und meinen Mitbürgern und dem
Könige deine Bitte melden. Bleibe so lange hier sitzen, bis ich deinen Auftrag
ausgerichtet habe. Jene mögen dann entscheiden, ob du hier verweilen kannst
oder gleich wieder weiterwandern sollst.«
Als sich Ödipus mit seiner Tochter wieder allein sah, erhub er sich von seinem
Sitze, warf sich zu Boden und ergoß sein Herz in einem brünstigen Gebete zu
den Eumeniden, den furchtbaren Töchtern des Dunkels, und der Mutter Erde, die
eine so liebliche Wohnung in diesem Haine aufgeschlagen. »Ihr Grauenvollen und
doch Gnädigen«, sprach er, »zeiget mir jetzt nach dem Ausspruche Apollos die
Entwicklung meines Lebens, wenn anders ich in meinem mühseligen Dasein nicht
immer noch zuwenig erduldet habe! Erbarmet euch, ihr Kinder der Nacht; erbarme
dich, ehrenwerte Stadt Athenes, über das Schattenbild des Königs Ödipus, der
vor euch steht, denn er selbst ist es nicht mehr!« Sie blieben nicht lange allein.
Die Kunde, daß ein blinder Mann von Ehrfurcht gebietendem Aussehen sich in dem
Furienhaine gelagert, den zu betreten Sterblichen sonst nicht vergönnt ist,
hatte bald die Ältesten des Dorfes, welche die Entweihung zu hindern gekommen
waren, um ihn versammelt. Noch größerer Schrecken ergriff sie, als der Blinde
sich ihnen als einen vom Schicksale verfolgten Mann zu erkennen gab. Sie fürchteten,
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