Gustav Schwab - Bellerophontes
admin am Mrz 29th 2008
gegen den König ausstreckte: »Entsetzlich ist das Wissen, das dem Wissenden
nur Unheil bringt! Laß mich heimkehren, König; trag du das Deine und laß mich
das Meine tragen!« Ödipus drang jetzt um so mehr in den Seher; und das Volk,
das ihn umringte, warf sich flehend vor ihm auf die Knie. Als er aber auch so
keine weitern Aufschlüsse geben zu wollen bereit war, da entbrannte der Jähzorn
des Königs Ödipus, und er schalt den Tiresias als Mitwisser oder gar Fausthelfer
bei der Ermordung des Laïos. Ja, nur des Sehers Blindheit halte ihn ab, diesem
allein die Untat zuzutrauen. Diese Beschuldigung löste dem blinden Propheten
die Zunge. »Ödipus«, sprach er, »gehorche deiner eigenen Verkündigung. Rede
mich nicht, rede keinen aus dem Volke fürder an. Denn du selbst bist der Greuel,
der diese Stadt besudelt! Ja, du bist der Königsmörder, du bist derjenige, der
mit dem Teuersten in fluchwürdigem Verhältnisse lebt.«
Ödipus war nun einmal verblendet: er schalt den Seher einen Zauberer, einen
ränkevollen Gaukler; er warf Verdacht auch auf seinen Schwager Kreon und beschuldigte
beide der Verschwörung gegen den Thron, von welchem sie durch ihre Lügengespinste
ihn, den Erretter der Stadt, stürzen wollten. Aber nur noch näher bezeichnete
ihn jetzt Tiresias als Vatermörder und Gatten der Mutter, weissagte ihm sein
nahe bevorstehendes Elend und entfernte sich zürnend an der Hand seines kleinen
Führers. Auf die Beschuldigung des Königes war indessen auch der Fürst Kreon
herbeigeeilt, und es hatte sich ein heftiger Wortwechsel zwischen beiden entsponnen,
den Iokaste, die sich zwischen die Streitenden warf, vergeblich zu beschwichtigen
suchte. Kreon schied unversöhnt und im Zorn von seinem Schwager.
Noch blinder als der König selbst war seine Gemahlin Iokaste. Sie hatte kaum
aus dem Munde des Gatten erfahren, daß Tiresias ihn den Mörder des Laïos genannt,
als sie in laute Verwünschungen gegen Seher und Seherweisheit ausbrach.«Sieh
nur, Gemahl«, rief sie, »wie wenig die Seher wissen; sieh es an einem Beispiel!
Mein erster Gatte Laïos hatte auch einst ein Orakel erhalten, daß er durch Sohneshand
sterben werde. Nun erschlug aber jenen eine Räuberschar am Kreuzweg, und unser
einziger Sohn wurde, an den Füßen gebunden, ins öde Gebirge geworfen und nicht
über drei Tage alt. So erfüllen sich die Sprüche der Seher!« Diese Worte, die
die Königin mit Hohnlachen sprach, machten auf Ödipus einen ganz andern Eindruck,
als sie erwartet hatte. »Am Kreuzweg«, fragte er in höchster Gemütsangst, »ist
Laïos gefallen? O sprich, wie war seine Gestalt, sein Alter?« »Er war groß«,
antwortete Iokaste, ohne die Aufregung ihres Gatten zu begreifen, »die ersten
Greisenlocken schmückten sein Haupt; er war dir selbst, mein Gemahl, von Gestalt
und Ansehen gar nicht unähnlich.« »Tiresias ist nicht blind, Tiresias ist sehend!«
rief jetzt entsetzenvoll Ödipus, dem die Nacht seines Geistes auf einmal, wie
durch einen Blitzstrahl, erleuchtet ward. Doch trieb ihn das Gräßliche selber,
weiter danach zu forschen, als müßten auf seine Fragen Antworten kommen, welche
die schreckliche Entdeckung auf einmal als Irrtum darstellten. Aber alle Umstände
trafen zusammen, und zuletzt erfuhr er, daß ein entronnener Diener den ganzen
Mord gemeldet habe. Dieser Knecht aber habe, sowie er den Ödipus auf dem Throne
sah, flehentlich gebeten, ihn so weit als möglich von der Stadt weg auf die
Weiden des Königes zu schicken. Ödipus begehrte ihn zu sehen, und der Sklave
wurde vom Lande hereinbeschieden. Ehe er jedoch noch ankam, erschien ein Bote
aus Korinth, meldete dem Ödipus den Tod seines Vaters Polybos und rief ihn auf
den erledigten Thron des Landes.
Bei dieser Botschaft sprach die Königin abermals triumphierend: »Hohe Göttersprüche,
wo seid ihr? Der Vater, den Ödipus umbringen sollte, ist sanft an Altersschwäche
verschieden!« Anders wirkte die Nachricht auf den frömmeren König Ödipus, der,
obgleich er noch immer gerne geneigt war, den Polybos für seinen Vater zu halten,
es doch nicht begreifen konnte, wie ein Orakel unerfüllt bleiben sollte. Auch
wollte er nicht nach Korinth gehen, weil seine Mutter Merope dort noch lebte
und der andere Teil des Orakels, seine Heirat mit der Mutter, immer noch erfüllt
werden konnte. Diesen Zweifel benahm ihm freilich der Bote bald. Er war derselbe
Mann, der vor vielen Jahren das neugeborne Kind von einem Diener des Laïos auf
dem Berge Kithairon empfangen und ihm die durchbohrten und gebundenen Fersen
gelöst hatte. Er bewies dem Könige leicht, daß er nur ein Pflegesohn, wiewohl
Erbe des Königes Polybos von Korinth sei. Ein dunkler Trieb nach Wahrheit ließ
den Ödipus nach jenem Diener des Laïos verlangen, der ihn als Kind dem Korinther
übergeben hatte. Von seinem Gesinde erfuhr er, daß dies derselbe Hirte sei,
der, von dem Morde des Laïos entronnen, jetzt an der Grenze das Vieh des Königes
weide.
Als Iokaste solches hörte, verließ sie ihren Gemahl und das versammelte Volk
mit einem lauten Wehruf. Ödipus, der sein Auge absichtlich mit Nacht zu bedecken
suchte, mißdeutete ihre Entfernung. »Gewiß befürchtet sie«, sprach er zu dem
Volke, »als ein Weib voll Hochmut, die Entdeckung, daß ich unedlen Stammes sei.
Ich aber halte mich für einen Sohn des Glückes und schäme mich dieser Abkunft
nicht!« Jetzt erschien der greise Hirte, der aus der Ferne herbeigeholt worden
war und von dem Korinther sogleich als derjenige erkannt wurde, der ihm einst
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