Gustav Schwab - Bellerophontes
admin am Mrz 29th 2008
Zeit aus Neid abhold war, rief an einem Festmahle, von Wein überfüllt, dem ihm
gegenübergelagerten Ödipus zu, er sei seines Vaters echter Sohn nicht. Von diesem
Vorwurfe schwer getroffen, konnte der Jüngling das Ende des Mahles kaum erwarten;
doch verschloß er seinen Zweifel selbigen Tag noch kämpfend in der Brust. Am
andern Morgen aber trat er vor seine beiden Eltern, die freilich nur seine Pflegeeltern
waren, und verlangte von ihnen Auskunft. Polybos und seine Gattin waren über
den Schmäher, dem diese Rede entfallen war, sehr aufgebracht und suchten ihrem
Sohn seine Zweifel auszureden, ohne ihm jedoch dieselben durch eine runde Antwort
zu heben. Die Liebe, die er in ihrer Äußerung erkannte, war ihm zwar sehr erquicklich,
aber jenes Mißtrauen nagte doch seitdem an seinem Herzen, denn die Worte seines
Feindes waren zu tief eingedrungen. Endlich griff er heimlich zum Wanderstabe,
und ohne seinen Eltern eine Wort zu sagen, suchte er das Orakel zu Delphi auf
und hoffte, von ihm eine Widerlegung der ehrenrührigen Beschuldigung zu vernehmen.
Aber Phöbos Apollo würdigte ihn dort keiner Antwort auf seine Frage, sondern
deckte ihm nur ein neues, weit grauenvolleres Unglück, das ihm drohte, auf.
»Du wirst«, sprach das Orakel, »deines eigenen Vaters Leib ermorden, deine Mutter
heiraten und den Menschen eine Nachkommenschaft von verabscheuungswürdiger Art
zeigen.« Als Ödipus dieses vernommen hatte, ergriff ihn unaussprechliche Angst,
und da ihm sein Herz doch immer noch sagte, daß so liebevolle Eltern wie Polybos
und Merope seine rechten Eltern sein müßten, so wagte er es nicht, in seine
Heimat zurückzukehren, aus Furcht, er möchte, vom Verhängnisse getrieben, Hand
an seinen geliebten Vater Polybos legen und, von den Göttern mit unwiderstehlichem
Wahnsinne geschlagen, ein verruchtes Ehebündnis mit seiner Mutter Merope eingehen.
Von Delphi aufbrechend, schlug er den Weg nach Böotien ein. Er befand sich noch
auf der Straße zwischen Delphi und der Stadt Daulia, als er, an einen Kreuzweg
gelangt, einen Wagen sich entgegenkommen sah, auf dem ein ihm unbekannter alter
Mann mit einem Herolde, einem Wagenlenker und zwei Dienern saß. Der Rosselenker,
zusamt dem Alten, trieb den Fußgänger, der ihnen in den schmalen Pfad gekommen
war, ungestüm aus dem Wege; Ödipus, von Natur jähzornig, versetzte dem trotzigen
Wagenführer einen Schlag. Der Greis aber, wie er den Jüngling so keck auf den
Wagen anschreiten sah, zielte scharf mit seinem doppelten Stachelstabe, den
er zur Hand hatte, und versetzte ihm einen schweren Streich auf den Scheitel.
Jetzt war Ödipus außer sich gebracht: zum erstenmal bediente er sich der Heldenstärke,
die ihm die Götter verliehen hatten, erhub seinen Reisestock und stieß den Alten,
daß er sich schnell rücklings vom Wagensitze herabwälzte. Ein Handgemenge entstand;
Ödipus mußte sich gegen ihrer drei seines Lebens erwehren; aber seine Jugendstärke
siegte, er erschlug sie alle, bis auf einen, der entrann, und zog davon.
Ihm kam keine Ahnung in seine Seele, daß er etwas anderes getan als aus Notwehr
sich an einem gemeinen Phokier oder Böotier mit seinen Knechten, die ihm samt
demselben ans Leben wollten, gerächt habe. Denn der Greis, der ihm begegnet,
trug kein Zeichen höherer Würde an sich. Aber der Gemordete war Laïos, König
von Theben, der Vater des Mörders, gewesen, der auf einer Reise nach dem pythischen
Orakel dieses Weges zog; und also war die gedoppelte Weissagung, die Vater und
Sohn erhalten und der sie beide entgehen wollten, an beiden vom Geschick erfüllt
worden. Ein Mann aus Platäa, mit Namen Damasistratos, fand die Leichen der Erschlagenen
am Kreuzwege liegen, erbarmte sich ihrer und begrub sie. Ihr Denkmal aus angehäuften
Steinen mitten im Kreuzwege sah nach vielen hundert Jahren noch der Wanderer.
Ödipus in Theben, heiratet seine Mutter
Nicht lange Zeit, nachdem dieses geschehen, war vor den Toren der Stadt Theben
in Böotien die Sphinx erschienen, ein geflügeltes Ungeheuer, vorn wie eine Jungfrau,
hinten wie ein Löwe gestaltet. Sie war eine Tochter des Typhon und der Echidna,
der schlangengestalteten Nymphe, der fruchtbaren Mutter vieler Ungeheuer, und
eine Schwester des Höllenhundes Kerberos, der Hyder von Lerna und der feuerspeienden
Chimära. Dieses Ungeheuer hatte sich auf einen Felsen gelagert und legte dort
den Bewohnern von Theben allerlei Rätsel vor, die sie von den Musen erlernt
hatte. Erfolgte die Auflösung nicht, so ergriff sie denjenigen, der es übernommen
hatte, das Rätsel zu lösen, zerriß ihn und fraß ihn auf. Dieser Jammer kam über
die Stadt, als sie eben um ihren König trauerte, der - niemand wußte, von wem
- auf einer Reise erschlagen worden war und an dessen Stelle Kreon, Bruder der
Königin Iokaste, die Zügel der Herrschaft ergriffen hatte. Zuletzt kam es, daß
dieses Kreon eigener Sohn, dem die Sphinx auch ein Rätsel aufgegeben und der
es nicht gelöst hatte, ergriffen und verschlungen worden war. Diese Not bewog
den Fürsten Kreon, öffentlich bekanntzumachen, daß demjenigen, der die Stadt
von der Würgerin befreien würde, das Reich und seine Schwester Iokaste als Gemahlin
zuteil werden sollte. Eben als jene Bekanntmachung öffentlich verkündigt wurde,
betrat Ödipus an seinem Wanderstabe die Stadt Theben. Die Gefahr wie ihr Preis
reizten ihn, zumal da er das Leben wegen der drohenden Weissagung, die über
ihm schwebte, nicht hoch anschlug. Er begab sich daher nach dem Felsen, auf
dem die Sphinx ihren Sitz genommen hatte, und ließ sich von ihr ein Rätsel vorlegen.
Das Ungeheuer gedachte dem kühnen Fremdling ein recht unauflösliches aufzugeben,
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