Gustav Schwab - Bellerophontes
admin am Mrz 29th 2008
ihrem Übermut aus dem Heiligtum und brachten sie zuerst nach Tegea in Arkadien.
Hier warfen sie das Los über dieselbe, und einer versprach dem andern brüderlich,
ihm, wenn das Los ihn verfehle, zum Raub einer andern Schönheit behilflich zu
sein. Das Los teilte die Beute dem Theseus zu, und nun brachte dieser die Jungfrau
nach Aphidnai im attischen Gebiete, übergab sie dort seiner Mutter Aithra und
stellte sie unter den Schutz seines Freundes. Darauf zog Theseus weiter mit
seinem Waffenbruder und beide sannen auf eine herkulische Tat. Peirithoos entschloß
sich nämlich, die Gemahlin Plutos, Persephone, der Unterwelt zu entführen und
sich durch ihren Besitz für den Verlust Helenas zu entschädigen. Daß ihnen dieser
Versuch mißglückte und sie von Pluto zu ewigem Sitzen in der Unterwelt verdammt
wurden, daß Herakles, der beide befreien wollte, nur den Theseus aus dem Hades
erretten konnte, ist schon erzählt worden. Während nun Theseus auf diesem unglücklichen
Zuge abwesend war und in der Unterwelt gefangen saß, machten sich die Brüder
Helenas, Kastor und Pollux, auf und rückten in Attika ein, um ihre Schwester
Helena zu befreien. Indessen verübten sie anfangs keine Feindseligkeiten im
Lande, sondern kamen friedlich nach Athen und forderten hier die Zurückgabe
Helenas. Als aber die Leute in der Stadt antworteten, daß sie weder die junge
Fürstin bei sich hätten noch wüßten, wo Theseus sie zurückgelassen, wurden sie
zornig und schickten sich, mit den sie begleitenden Scharen, zum wirklichen
Kriege an. Jetzt erschraken die Athener, und einer aus ihrer Mitte, mit Namen
Akademos, der das Geheimnis des Theseus auf irgendeine Art erfahren hatte, entdeckte
den Brüdern, daß der Ort, wo sie verborgen gehalten werde, Aphidnai sei. Vor
diese Stadt rückten nun Kastor und Pollux, siegten in einer Schlacht und eroberten
den Platz mit Sturm.
Zu Athen hatte sich inzwischen auch anderes begeben, was für Theseus ungünstig
war. Menestheus, der Sohn des Peteos, ein Urenkel des Erechtheus, hatte sich
als Volksführer und Schmeichler der Menge um den leerstehenden Thron beworben
und auch die Vornehmen aufgewiegelt, indem er ihnen vorstellte, wie der König
sie dadurch, daß er sie von ihren Landsitzen in die Stadt hereingezogen, zu
Untertanen und Sklaven gemacht habe. Dem Volk aber hielt er vor, wie es, dem
Traume der Freiheit zulieb, seine ländlichen Heiligtümer und Götter habe verlassen
müssen und, statt von vielen guten einheimischen Herren abhängig zu sein, einem
Fremdling und Despoten diene. Wie nun die Nachricht, Aphidnai sei von den Tyndariden
genommen, Athen mit Schrecken erfüllte, da benützte Menestheus auch diese Stimmung
des Volkes. Er bewog die Bürger, den Söhnen des Tyndareos, welche die Jungfrau
Helena, ihren Wächtern entrissen, mit sich führten, die Stadt zu öffnen und
sie freundlich zu empfangen, da dieselben nur gegen Theseus, als den Räuber
des Mädchens, Krieg führten. Und tatsächlich zeigte sich, daß Menestheus wahr
gesprochen hatte: denn obgleich sie durch offene Tore in Athen einzogen und
alles dort in ihrer Gewalt war, so taten sie doch niemand etwas zuleide, verlangten
vielmehr nur, wie andere vornehme Athener und Verwandte des Herakles, in den
Geheimdienst der eleusinischen Mysterien aufgenommen zu werden, und zogen dann
mit ihrer geretteten Helena, von den Bürgern, die sie liebten und ehrten, zur
Stadt hinausgeleitet, wieder in ihre Heimat.
Theseus’ Ende
Inzwischen war Theseus, von Herakles befreit, aus dem Hades zurückgekehrt.
Ruhe war ihm auch jetzt nicht auf dem Thron beschieden; denn als er das Ruder
das Staates wieder ergriff, brachen Empörungen gegen ihn aus, an deren Spitze
immer Menestheus stand, welcher hinter sich die Partei der Edeln hatte, die
immer noch von Pallas, seinem Oheime, und dessen besiegten und erschlagenen
Söhnen sich die Pallantiden nannten. Diejenigen, welche ihn vorher gehaßt hatten,
verlernten allmählich auch die Furcht vor ihm, und das gemeine Volk hatte Menestheus
so verwöhnt, daß es, anstatt zu gehorchen, immer nur geschmeichelt werden wollte.
Anfänglich versuchte nun Theseus gewaltsame Mittel; als aber aufwieglerische
Umtriebe und offene Widersetzlichkeit alle seine Bemühungen vereitelten, da
beschloß der unglückliche König, seine unbotmäßige Stadt freiwillig zu verlassen,
nachdem er schon vorher seine Söhne Akamas und Demophoon heimlich nach Euböa
zu dem Fürsten Elephenor geflüchtet hatte. In einem Flecken von Attika, Gargettos
genannt, sprach er feierliche Verwünschungen gegen die Athener aus, da, wo man
noch lange nachher das Verwünschungsfeld zeigte; dann schüttelte er den Staub
von seinen Füßen und schiffte sich nach Skyros ein. Die Einwohner dieser Insel
hielt er für seine besonderen Freunde, denn der König besaß darauf ansehnliche
Güter, die er von seinem Vater geerbt hatte.
Damals war Lykomedes Beherrscher von Skyros. Zu diesem ging Theseus und bat
sich von ihm seine Güter aus, um auf denselben seinen Sitz zu nehmen. Aber das
Geschick hatte ihn einen schlimmen Weg geführt. Lykomedes, sei es, daß er den
großen Ruf des Mannes fürchtete, sei’s, daß er mit Menestheus in geheimem Einverständnisse
war, dachte darauf, wie er den in seine Hände gegebenen Gast, ohne Aufsehen
zu erregen, aus dem Wege räumen könnte. Er führte ihn deswegen auf den höchsten
Felsengipfel der Insel, der schroff in das Land hinaussprang. Er wollte ihn,
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