Gustav Schwab - Aus der Heraklessage

admin am Mrz 29th 2008

zurückkehrte, fand er Pholos, seinen liebreichen Wirt, auch tot. Dieser hatte
aus einem Zentaurenleichnam den Todespfeil gezogen; während er sich nun wunderte,
wie ein so kleines Ding so große Geschöpfe hatte niederwerfen können, entglitt
das vergiftete Geschoß seiner Hand, fuhr ihm in den Fuß und tötete ihn auf der
Stelle. Herakles war sehr betrübt, er bestattete ihn ehrenvoll, indem er ihn
unter den Berg legte, der seitdem Pholoë genannt ward. Dann ging er weiter,
den Eber zu jagen; er trieb denselben mit Geschrei aus dem Dickicht des Waldes
heraus, verfolgte ihn ins tiefe Schneefeld, fing hier das erschöpfte Tier mit
einem Stricke und brachte es, wie ihm befohlen war, lebendig nach Mykene.

Darauf schickte ihn der König Eurystheus zur fünften Arbeit fort, die eines
Helden wenig würdig war. Er sollte den Viehhof des Augias in einem einzigen
Tage ausmisten. Augias war König in Elis und hatte eine Menge Viehherden. Sein
Vieh stand nach Art der Alten in einer großen Verzäunung vor dem Palaste. Dreitausend
Rinder hatten da geraume Zeit gestanden, und so hatte sich seit vielen Jahren
eine unendliche Menge Mist angehäuft, den nun Herakles zur Schmach und, was
unmöglich schien, in einem einzigen Tage hinausschaffen sollte.

Als der Held vor den König Augias trat und, ohne etwas von dem Auftrage des
Eurystheus zu erwähnen, sich zu dem genannten Dienste erbot, maß dieser die
herrliche Gestalt in der Löwenhaut und konnte kaum das Lachen unterdrücken,
wenn er dachte, daß einen so edlen Krieger nach so gemeinem Knechtsdienste gelüsten
könne. Indessen dachte er bei sich: ›Der Eigennutz hat schon manchen wackern
Mann verführt; es mag sein, daß er sich an mir bereichern will. Das wird ihm
wenig helfen. Ich darf ihm immerhin einen großen Lohn versprechen, wenn er mir
den ganzen Stall ausmistet, denn er wird in dem einen Tage wenig genug hinaustragen.‹
Darum sprach er getrost: »Höre, Fremdling, wenn du das kannst und mir an einem
Tage all den Mist herausschaffest, so will ich dir den zehnten Teil meines ganzen
Viehbestandes zur Belohnung überlassen.« Herakles ging die Bedingung ein, und
der König dachte nun nicht anders, als daß er zu schaufeln anfangen würde. Herakles
aber, nachdem er zuvor den Sohn des Augias, Phyleus, zum Zeugen jenes Vertrages
genommen hatte, riß den Grund des Viehhofs auf der einen Seite auf, leitete
die nicht weit davon fließenden Ströme Alpheios und Peneios durch einen Kanal
herzu und ließ sie den Mist wegspülen und durch eine andere Öffnung wieder ausströmen.
So vollzog er einen schmachvollen Auftrag, ohne zu einer Handlung sich zu erniedrigen,
die eines Unsterblichen unwürdig gewesen wäre. Als aber Augias erfuhr, daß dies
von Herakles als Auftrag des Eurystheus geschehen sei, verweigerte er den Lohn
und leugnete geradezu, ihn versprochen zu haben; doch erklärte er sich bereit,
die Streitsache einem richterlichen Spruche anheimzustellen. Als die Richter
beisammensaßen, das Urteil zu fällen, trat Phyleus, von Herakles aufgefordert,
auf, zeugte gegen seinen eigenen Vater und erklärte, daß dieser allerdings über
einen Lohn mit Herakles übereingekommen sei. Augias wartete den Spruch nicht
ab, er ergrimmete und befahl dem Sohne wie dem Fremdling, sein Reich auf der
Stelle zu verlassen.

Herakles kehrte nun unter neuen Abenteuern zu Eurystheus zurück. Dieser aber
wollte die eben vollbrachte Arbeit nicht gültig sein lassen, weil Herakles Lohn
dafür gefordert habe. Dennoch schickte er ihn sogleich wieder auf ein sechstes
Abenteuer aus und gab ihm auf, die Stymphaliden zu verjagen. Dies waren ungeheure
Raubvögel, so groß wie Kraniche, mit eisernen Flügeln, Schnäbeln und Klauen
versehen. Sie hausten um den See Stymphalos in Arkadien und besaßen die Macht,
ihre Federn wie Pfeile abzudrücken und mit ihren Schnäbeln selbst eherne Panzer
zu durchbrechen; dadurch richteten sie in der Umgebung unter Menschen und Vieh
große Verwüstungen an, und wir kennen sie schon vom Argonautenzuge her. Herakles,
des Wanderns gewohnt, langte nach kurzer Reise bei dem See an, der von einem
großen Gehölze dicht umschattet ruhte. In diesen Wald hatte sich eben eine unermeßliche
Schar jener Vögel geflüchtet, aus Furcht, von den Wölfen geraubt zu werden.
Herakles stand ratlos da, als er die ungeheure Menge erblickte, und wußte nicht,
wie er über so viele Feinde Meister werden sollte. Auf einmal fühlte er einen
leichten Schlag auf der Schulter; hinter sich blickend, ward er Athenes Riesenerscheinung
gewahr, die ihm zwei mächtige eherne Klappern in die Hände gab, welche Hephaistos
ihr verfertigt hatte; sie bedeutete ihm, diese gegen die Stymphaliden anzuwenden,
und verschwand wieder. Herakles bestieg nun eine Anhöhe in der Nähe des Sees
und schreckte die Vögel, indem er die Klappern zusammenschlug. Diese hielten
das gellende Getöse nicht aus, sondern flogen furchtsam aus dem Walde hervor.
Darauf griff Herakles zum Bogen, legte Pfeil um Pfeil an und schoß ihrer viele
im Fluge weg. Die andern verließen die Gegend und kamen nicht wieder.
Die siebente, achte und neunte Arbeit des Herakles

Der König Minos in Kreta hatte dem Gotte Poseidon (Neptun) versprochen, ihm
zu opfern, was zuerst aus dem Meere auftauchen würde; denn Minos hatte behauptet,
daß er kein Tier besitze, das würdig sei, zu einem so hohen Opfer zu dienen.
Darum ließ der Gott einen ausnehmend schönen Stier aus dem Meere aufsteigen;
den König aber verleitete die herrliche Gestalt des Tieres, das sich seinen

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