Gustav Schwab - Aus der Heraklessage
admin am Mrz 29th 2008
Seite, und so ging es im Fluge Lerna zu. Endlich wurde die Hyder auf einem Hügel
bei den Quellen der Amymone sichtbar, wo sich ihre Höhle befand. Hier ließ Iolaos
die Pferde halten; Herakles sprang vom Wagen und zwang durch Schüsse mit brennenden
Pfeilen die vielköpfige Schlange, ihren Schlupfwinkel zu verlassen. Die kam
zischend hervor, und ihre neun Hälse schwankten emporgerichtet auf dem Leibe,
wie die Äste eines Baumes im Sturm. Herakles ging unerschrocken ihr entgegen,
packte sie kräftig und hielt sie fest. Sie aber umschlang einen seiner Füße,
ohne sich auf weitere Gegenwehr einzulassen. Nun fing er an, mit seiner Keule
ihr die Köpfe zu zerschmettern. Aber er konnte nicht zum Ziele kommen. War ein
Haupt zerschlagen, so wuchsen deren zwei hervor. Zugleich kam der Hyder ein
Riesenkrebs zu Hilfe, der den Helden empfindlich am Fuße faßte. Den tötete er
jedoch mit seiner Keule und rief dann den Iolaos zu Hilfe. Dieser hatte schon
eine Fackel gerüstet; er zündete damit einen Teil des nahen Waldes an, und mit
den Bränden überfuhr er die neu wachsenden Häupter der Schlange bei ihrem ersten
Emporkeimen und hinderte sie so, hervorzutreiben. Auf diese Weise wurde der
Held der emporwachsenden Köpfe Meister und schlug nun der Hyder auch das unsterbliche
Haupt ab; dieses begrub er am Wege und wälzte einen schweren Stein darüber.
Den Rumpf der Hyder spaltete er in zwei Teile, seine Pfeile aber tauchte er
in ihr Blut, das giftig war. Seitdem schlug des Helden Geschoß unheilbare Wunden.
Der dritte Auftrag des Eurystheus war, die Hirschkuh Kerynitis lebendig zu
fangen; dies war ein herrliches Tier, hatte goldene Geweihe und eherne Füße
und weidete auf einem Hügel Arkadiens. Sie war eine der fünf Hindinnen gewesen,
an welchen die Göttin Artemis ihre erste Jagdprobe abgelegt hatte. Diese allein
von den fünfen hatte sie wieder in die Wälder laufen lassen, weil es vom Schicksal
beschlossen war, daß Herakles sich einmal daran müde jagen sollte. Ein ganzes
Jahr verfolgte er sie, kam auf dieser Jagd zu den Hyperboreern und an die Quellen
des Isterflusses und holte die Hindin endlich am Flusse Ladon, unweit der Stadt
Önoe, am artemisischen Berge, ein. Doch wußte er des Tieres nicht auf andere
Weise Meister zu werden, als daß er es durch einen Pfeilschuß lähmte und dann
auf seinen Schultern durch Arkadien trug. Hier begegnete ihm die Göttin Artemis
(Diana) mit Apoll, schalt ihn, daß er das Tier, das ihr geheiligt war, habe
töten wollen, und machte Miene, ihm die Beute zu entreißen. »Nicht Mutwille
hat mich bewogen, große Göttin«, sprach Herakles zu seiner Rechtfertigung, »die
Notwendigkeit hat mich gezwungen, es zu tun; wie könnte ich sonst vor Eurystheus
bestehen?« So besänftigte er den Zorn der Göttin und brachte das Tier lebendig
nach Mykene.
Die vierte Arbeit des Herakles bis zur sechsten
Sofort ging es an die vierte Unternehmung. Sie bestand darin, den Erymanthischen
Eber, der, gleichfalls der Artemis geheiligt, die Gegend des Berges Erymanthos
verwüstete, lebendig nach Mykene zu liefern. Auf seiner Wanderung nach diesem
Abenteuer kehrte Herakles unterwegs bei Pholos, dem Sohne des Silenos, ein.
Dieser, der wie alle Zentauren halb Mensch, halb Roß war, empfing seinen Gast
sehr freundlich und setzte ihm das Fleisch gebraten vor, während er selbst es
roh verzehrte. Aber Herakles begehrte zu der feinen Mahlzeit auch einen guten
Trunk. »Lieber Gast«, sprach Pholos, »es liegt wohl ein Faß in meinem Keller,
dieses aber gehört allen Zentauren gemeinschaftlich zu, und ich trage Bedenken,
es öffnen zu lassen, weil ich weiß, wie wenig die Zentauren nach Gästen fragen.«
»Öffne es nur guten Muts«, erwiderte Herakles; »ich verspreche dir, dich gegen
alle ihre Anfälle zu verteidigen; mich dürstet!« Es hatte aber dieses Faß Bakchos,
der Gott des Weines, selbst einem Zentauren mit dem Befehle übergeben, dasselbe
nicht eher zu eröffnen, als bis nach vier Menschenaltern Herakles in dieser
Gegend einkehren würde. So ging denn Pholos in den Keller; kaum hatte er das
Faß eröffnet, so rochen die Zentauren den Duft des starken alten Weines und
umringten, haufenweise herbeiströmend, mit Felsstücken und Fichtenstämmen bewaffnet,
die Höhle des Pholos. Die ersten, die es wagten, einzudringen, jagte Herakles
mit geschleuderten Feuerbränden zurück; die übrigen verfolgte er mit Pfeilschüssen
bis nach Malea, wo der gute Zentaur Chiron, des Herakles alter Freund, wohnte.
Zu diesem flüchteten seine Stammesbrüder. Aber Herakles hatte, als sie eben
mit ihm zusammentrafen, mit dem Bogen auf sie gezielt und schoß einen Pfeil
ab, der, durch den Arm eines andern Zentauren dringend, unglücklicherweise in
das Knie Chirons fuhr und dort steckenblieb. Jetzt erst erkannte Herakles den
Freund seiner früheren Tage, lief bekümmert hinzu, zog den Pfeil heraus und
legte ein Heilmittel auf, das der arzneikundige Chiron selbst hergegeben hatte.
Aber die Wunde, vom Gifte der Hyder durchdrungen, war unheilbar; der Zentaur
ließ sich in seine Höhle bringen und wünschte, hier in den Armen seines Freundes
zu sterben. Vergeblicher Wunsch! Der Arme hatte nicht daran gedacht, daß er
zu seiner Qual unsterblich sei. Herakles nahm von dem Gequälten unter vielen
Tränen Abschied und versprach ihm, es koste, was es wolle, den Tod, den Erlöser,
zu senden. Wir wissen aus der Sage von Prometheus, daß er Wort gehalten hat.
Als Herakles von der Verfolgung der übrigen Zentauren in seines Freundes Höhle
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