Gustav Schwab - Aus der Heraklessage
admin am Mrz 29th 2008
mit der Hälfte des Hebrosquelles ab, und auf dieser Leiter von Gebirgen zum
Göttersitz emporgeklommen, fingen sie an, mit Feuerbränden von Eichen und ungeheuren
Felsenstücken den Olymp zu stürmen.
Nun war den Göttern ein Orakelspruch erteilt worden, daß von den Himmlischen
keiner der Giganten vernichtet werden könnte und diese nur dann sterben würden,
wenn ein Sterblicher mitkämpfte. Gaia hatte dies in Erfahrung gebracht und suchte
deswegen nach einem Arzneimittel, das ihre Söhne auch Sterblichen gegenüber
unverletzlich mache. Und es war wirklich ein solches Kraut gewachsen; aber Zeus
kam ihr zuvor; er verbot der Morgenröte, dem Mond und der Sonne zu scheinen,
und während Gaia in der Finsternis herumsuchte, schnitt er die Arzneikräuter
eilig selbst ab und ließ seinen Sohn Herakles durch Athene zur Teilnahme am
Kampfe auffordere.
Auf dem Olymp war inzwischen der Streit schon entbrannt. Ares hatte seinen
Kriegswagen mit den wiehernden Rossen mitten in die dichteste Schar der heranstürzenden
Feinde gelenkt. Sein goldner Schild brannte heller als Feuer, schimmernd flatterte
die Mähne seines Helmes. Im Kampfgetümmel durchbohrte er den Giganten Peloros,
dessen Füße zwei lebendige Schlangen waren. Dann fuhr er über die sich krümmenden
Glieder des Gefallenen zermalmend mit seinem Wagen hin; aber erst bei des sterblichen
Herakles Anblick, der eben die letzte Stufe des Olymps erstiegen hatte, hauchte
das Ungeheuer seine drei Seelen aus. Herakles sah sich auf dem Schlachtfelde
um und erkor sich ein Ziel seines Bogens; sein Pfeilschuß streckte den Alkyoneus
nieder, der alsbald in die Tiefe stürzte, aber sobald er seinen Heimatboden
berührt hatte, mit erneuter Lebenskraft sich wieder erhob. Auf den Rat der Athene
stieg auch Herakles hinab und schleppte ihn über die Grenze seines Geburtslandes
hinaus; und sowie der Riese auf fremder Erde angekommen war, entfuhr ihm der
Atem.
Jetzt ging der Gigant Porphyrion in drohender Stellung auf Herakles und Hera
zugleich los, um einzeln mit ihnen zu kämpfen. Aber Zeus flößte ihm schnell
ein Verlangen ein, das himmlische Antlitz der Göttin zu schauen, und während
er an Heras umhüllendem Schleier zerrte, traf ihn Zeus mit dem Donner, und Herakles
tötete ihn vollends mit einem Pfeile. Bald rannte aus der Schlachtreihe der
Giganten Ephialtes mit funkelnden Riesenaugen hervor. »Das sind helle Zielscheiben
für unsere Pfeile!« sprach lachend Herakles zu dem neben ihm kämpfenden Phöbos
Apollo, und nun schoß ihm der Gott das linke und der Halbgott das rechte Auge
aus dem Kopf. Den Eurytos schlug Dionysos (Bakchos) mit seinem Thyrsosstabe
nieder; ein Hagel glühender Eisenschlacken aus des Hephaistos Hand warf den
Klytios zu Boden; auf den fliehenden Enkelados schleuderte Pallas Athene die
Insel Sizilien; der Riese Polybotes, von Poseidon über das Meer verfolgt, flüchtete
sich nach Kos, aber der Meergott riß ein Stück dieser Insel ab und bedeckte
ihn damit. Hermes, den Helm des Pluton auf dem Kopfe, erschlug den Hippolytos,
zwei andere trafen der Parzen eherne Keulen. Die übrigen schmetterte Zeus mit
seinem Donner nieder, und Herakles erschoß sie mit seinen Pfeilen.
Für diese Tat wurde dem Halbgott hohe Gunst von den Himmlischen zuteil. Zeus
nannte diejenigen unter den Göttern, welche den Kampf mit ausfechten geholfen,
Olympier, um durch diesen Ehrennamen die Tapferen von den Feigen zu unterscheiden.
Dieser Benennung würdigte er nun auch zwei Söhne sterblicher Weiber, den Dionysos
und den Herakles.
Herakles und Eurystheus
Vor des Herakles Geburt hatte Zeus im Rate der Götter erklärt, der erste Perseusenkel,
welcher geboren werden würde, sollte der Beherrscher aller übrigen Nachkommen
des Perseus werden. Diese Ehre war seinem und Alkmenens Sohne zugedacht. Aber
Heras Hinterlist, welche dieses Glück dem Sohne der Nebenbuhlerin nicht gönnte,
kam ihm zuvor und ließ den Eurystheus, der auch ein Enkel des Perseus war, obwohl
er später als Herakles zur Welt kommen sollte, früher geboren werden. Dadurch
war Eurystheus König zu Mykene im Argiverlande und der später geborene Herakles
ihm unterworfen. Jener sah mit Besorgnis den steigenden Ruhm seines jungen Verwandten
und berief ihn, als seinen Untertan, zu sich, um ihm verschiedene Arbeiten aufzutragen.
Da Herakles nicht gehorchte, so ließ Zeus selbst, der seinem Ratschlusse nicht
zuwiderhandeln wollte, seinem Sohne befehlen, dem Argiverkönige seine Dienste
zu widmen. Aber der Halbgott entschloß sich ungerne, der Diener eines Sterblichen
zu sein; er ging nach Delphi und befragte das Orakel darüber. Dieses gab ihm
zur Antwort: die von Eurystheus erschlichene Oberherrschaft sei von den Göttern
dahin gemildert, daß Herakles zehn Arbeiten, welche jener ihm auflegen würde,
zu vollbringen habe. Wenn solches geschehen sei, sollte er der Unsterblichkeit
teilhaftig werden.
Herakles fiel hierüber in tiefe Schwermut; einem Geringeren zu dienen widerstrebte
seinem Selbstgefühl und deuchte ihm unter seiner Würde; aber Zeus, dem Vater,
nicht zu gehorchen, erschien ihm unheilbringend und unmöglich zugleich. Diesen
Augenblick ersah sich Hera, aus deren Seele die Verdienste des Herakles um die
Götter den Haß nicht zu tilgen vermocht hatten, und verwandelte seinen düstern
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