Gustav Schwab - Aus der Heraklessage

admin am Mrz 29th 2008

Leib schmückte Reinlichkeit, ihr Blick war bescheiden, ihre Haltung sittsam,
fleckenlos weiß ihr Gewand. Die andere war wohlgenährt und von schwellender
Fülle, das Weiß und Rot ihrer Haut durch Schminke über die natürliche Farbe
gehoben, ihre Haltung so, daß sie aufrechter schien als von Natur, ihr Auge
war weit geöffnet und ihr Anzug so gewählt, daß ihre Reize soviel als möglich
durchschimmerten. Sie warf feurige Blicke auf sich selbst, sah dann wieder um
sich, ob nicht auch andere sie erblickten; und oft schaute sie nach ihrem eigenen
Schatten. Als beide näher kamen, ging die erste ruhig ihren Gang fort, die andere
aber, um ihr zuvorzukommen, lief auf den Jüngling zu und redete ihn an: »Herakles!
ich sehe, daß du unschlüssig bist, welchen Weg durch das Leben du einschlagen
sollst. Willst du nun mich zur Freundin wählen, so werde ich dich die angenehmste
und gemächlichste Straße fuhren; keine Lust sollst du ungekostet lassen, jede
Unannehmlichkeit sollst du vermeiden. Um Kriege und Geschäfte hast du dich nicht
zu bekümmern, darfst nur darauf bedacht sein, mit den köstlichsten Speisen und
Getränken dich zu laben, deine Augen, Ohren und übrigen Sinne durch die angenehmsten
Empfindungen zu ergötzen, auf einem weichen Lager zu schlafen und den Genuß
aller dieser Dinge dir ohne Mühe und Arbeit zu verschaffen. Solltest du jemals
um die Mittel dazu verlegen sein, so fürchte nicht, daß ich dir körperliche
oder geistige Anstrengungen aufbürden werde; im Gegenteil, du wirst nur die
Früchte fremden Fleißes zu genießen und nichts auszuschlagen haben, was dir
Gewinn bringen kann. Denn meinen Freunden gebe ich das Recht, alles zu benützen.«

Als Herakles diese lockenden Anerbietungen hörte, sprach er verwundert: »O
Weib, wie ist denn aber dein Name?« »Meine Freunde«, antwortete sie »nennen
mich die Glückseligkeit; meine Feinde hingegen, die mich herabsetzen wollen,
geben mir den Namen der Liederlichkeit.«

Mittlerweile war auch die andere Frau herzugetreten. »Auch ich«, sagte sie,
»komme zu dir, lieber Herakles, denn ich kenne deine Eltern, deine Anlagen und
deine Erziehung. Dies alles gibt mir die Hoffnung, du würdest, wenn du meine
Bahn einschlagen wolltest, ein Meister in allem Guten und Großen werden. Doch
will ich dir keine Genüsse vorspiegeln, will dir die Sache darstellen, wie die
Götter sie gewollt haben. Wisse also, daß von allem, was gut und wünschenswert
ist, die Götter den Menschen nichts ohne Arbeit und Mühe gewähren. Wünschest
du, daß die Götter dir gnädig seien, so mußt du die Götter verehren; willst
du, daß deine Freunde dich lieben, so mußt du deinen Freunden nützlich werden;
strebst du, von einem Staate geehrt zu werden, so mußt du ihm Dienste leisten;
willst du, daß ganz Griechenland dich um deiner Tugend willen bewundere, so
mußt du Griechenlands Wohltäter werden; willst du ernten, so mußt du säen; willst
du kriegen und siegen, so mußt du die Kriegskunst erlernen; willst du deinen
Körper in der Gewalt haben, so mußt du ihn durch Arbeit und Schweiß abhärten.«
Hier fiel ihr die Liederlichkeit in die Rede. »Siehst du wohl, lieber Herakles«,
sprach sie, »was für einen langen, mühseligen Weg dich dieses Weib zur Zufriedenheit
führt? Ich hingegen werde dich auf dem kürzesten und bequemsten Pfade zur Seligkeit
leiten.« »Elende«, erwiderte die Tugend, »wie kannst du etwas Gutes besitzen?
Oder welches Vergnügen kennst du, die du jeder Lust durch Sättigung zuvorkommst?
Du issest, ehe dich hungert, und trinkest, ehe dich dürstet. Um die Eßlust zu
reizen, suchst du Köche auf; um mit Lust zu trinken, schaffst du dir kostbare
Weine an, und des Sommers gehst du umher und suchest nach Schnee; kein Bett
kann dir weich genug sein, deine Freunde lässest du die Nacht durchprassen und
den besten Teil des Tages verschlafen: darum hüpfen sie auch sorglos und geputzt
durch die Jugend dahin und schleppen sich mühselig und im Schmutze durch das
Alter, beschämt über das, was sie getan, und fast erliegend unter der Last dessen,
was sie tun müssen. Und du selbst, obwohl unsterblich, bist gleichwohl von den
Göttern verstoßen und von guten Menschen verachtet. Was dem Ohre am lieblichsten
klingt, dein eigenes Lob, hast du nie gehört; was das Auge mehr als alles erfreut,
ein eigenes gutes Werk, hast du nie gesehen. - Ich hingegen habe mit den Göttern,
habe mit allen guten Menschen Verkehr. An mir besitzen die Künstler eine willkommene
Gehilfin, an mir die Hausväter eine treue Wächterin, an mir hat das Gesinde
einen liebreichen Beistand. Ich bin eine redliche Teilnehmerin an den Geschäften
des Friedens, eine zuverlässige Mitkämpferin im Kriege, die treueste Genossin
der Freundschaft. Speise, Trank und Schlaf schmeckt meinen Freunden besser als
den Trägen. Die Jüngeren freuen sich des Beifalls der Alten, die Älteren der
Ehre bei den Jungen; mit Vergnügen erinnern sie sich an ihre früheren Handlungen
und fühlen sich bei ihrem jetzigen Tun glücklich, durch mich sind sie geliebt
von den Göttern, geliebt von den Freunden, geachtet vom Vaterland. Und kommt
das Ende, so liegen sie nicht ruhmlos in Vergessenheit begraben, sondern gefeiert
von der Nachwelt, blühen sie fort im Angedenken aller Zeiten. Zu solchem Leben,
Herakles, entschließe dich: vor dir liegt das seligste Los.«
Des Herakles erste Taten

Die Gestalten waren verschwunden und Herakles wieder allein. Er war entschlossen,
den Weg der Tugend zu gehen. Auch fand er bald Gelegenheit, etwas Gutes zu tun.

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