Gustav Schwab - Aus der Heraklessage
admin am Mrz 29th 2008
hörte, gestand er alles. Hierauf entließ ihn Deïanira ohne Vorwurf und befahl
ihm, nur solange zu warten, bis sie für die reiche Schar von Gefangenen, die
der Gemahl ihr zugesendet und zur Verfügung gestellt hatte, diesem eine Gegengabe
gerüstet hätte.
Fern vom Feuer, unberührt vom Strahle des Lichtes hatte Deïanira, der Vorschrift
des tückischen Zentauren gemäß, die Salbe, die sie vom giftigen Blute seiner
Pfeilwunde gesammelt, am verborgenen Orte bewahrt. An dieses Zaubermittel, das
sie, unerfahren in den Ränken, welche Rache spinnt, für ganz unschädlich hielt
und das ihr nur das Herz und die Treue des Gatten wiedergewinnen sollte, dachte
nun die bedrängte Fürstin zum ersten Male wieder, seit sie es sorgsam verhüllt
im Schranke geborgen. Jetzt galt es zu handeln. Sie schlich sich daher in das
Gemach und färbte mit einer Flocke von weißem Lämmervliese, welche sie mit der
Salbe getränkt hatte, im verborgenen ein köstliches Unterkleid, das für Herakles
bestimmt war. Sorgfältig hütete sie während dieser Arbeit Flocke und Gewand
vor dem Sonnenstrahl und schloß das blutrot gefärbte Kleid, schön zusammengefaltet,
in ein Kästchen ein. Als dies geschehen war, warf sie die Wolle, die zu nichts
mehr dienlich, auf die Erde, ging und überreichte dem herbeigerufenen Lichas
das für ihren Gatten bestimmte Geschenk. »Bring meinem Gemahl«, sprach sie,
»dieses schöngewobene Leibgewand, meiner eigenen Hände Werk. Kein andrer soll
es tragen als er selbst; auch soll er das Kleid nicht dem Feuerherde oder dem
Sonnenglanze aussetzen, bevor er es, am feierlichen Opfertage damit geschmückt,
den Göttern gezeigt hat; denn dieses Gelübde habe ich getan, wenn ich ihn je
siegreich zurückkehren sehen würde. Daß du ihm wirklich meine Botschaft bringest,
soll er an diesem Siegelringe erkennen, den ich dir für ihn anvertraue.« Lichas
versprach alles auszurichten, wie die Herrin befohlen; er verweilte keinen Augenblick
länger im Palast, sondern eilte mit der Gabe nach Euböa, um den opfernden Herrn
nicht länger ohne Kunde von der Heimat zu lassen. Einige Tage vergingen, und
der älteste Sohn des Herakles und der Deïanira, Hyllos, war seinem Vater entgegengeeilt,
um ihm die Ungeduld der harrenden Mutter zu schildern und ihn zu beschleunigter
Heimkehr zu bewegen. Inzwischen hatte Deïanira zufällig das Gemach wieder betreten,
wo das Zaubergewand von ihr gefärbt worden war. Sie fand die Wollenflocke, wie
sie dieselbe unachtsam hingeworfen, auf dem Boden liegen, dem Sonnenstrahl ausgesetzt
und von ihm durchwärmt. Ihr Anblick aber entsetzte sie; denn die Wolle war wie
zu Staub oder Sägspänen zusammengeschwunden, und aus dem Überbleibseln zischte
ein blasenvoller, giftiger Schaum auf. Eine dunkle Ahnung ergriff die jammervolle
Frau, daß sie Unglückseliges begangen habe, und in entsetzlicher Unruhe durchirrte
sie seit diesem Augenblicke den Palast.
Endlich kam Hyllos zurück, aber ohne den Vater. »O Mutter«, rief er ihr mit
Abscheu zu, »ich wollte, du hättest nie gelebt, oder du wärest nie meine Mutter
gewesen, oder die Götter hätten dir eine andere Sinnesart gegeben!« So unruhig
die Fürstin schon vorher war, so erschrak sie doch noch mehr bei diesen Worten
ihres Sohnes. »Kind«, erwiderte sie ihm, »was ist denn so Gehässiges an mir?«
»Ich komme vom Vorgebirge Kenaion, Mutter«, entgegnete ihr der Sohn mit lautem
Schluchzen, »du bist es, die mir den Vater dahingewürgt!« Deïanira wurde totenbleich,
doch raffte sie sich zusammen und sprach: »Von wem weißt du solches, mein Sohn,
wer darf mich so entsetzlicher Untat zeihen?« »Kein fremder Mund hat mich belehrt«,
fuhr der Jüngling fort, »mit eigenen Augen habe ich mich von dem Jammerlose
des Vaters überzeugt. Ich traf ihn auf dem Vorgebirge Kenaion, wo er eben dem
Überwinder Zeus auf vielen Dankaltären zugleich Brandopfer schlachten wollte.
Da erschien der Herold Lichas, sein Diener, mit deiner Gabe, deinem verfluchten,
mörderischen Gewande. Deinem Auftrage folgend, legte der Vater das Unterkleid
sogleich an, und damit geschmückt begann er die Opferung zwölf stattlicher Stiere.
Anfangs betete der Unglückselige, deines schönen Schmuckes froh, voll Heiterkeit.
Plötzlich aber, als die Opferglut schon gen Himmel flammte, durchbrach ein heftiger
Schweiß seine Haut, das Gewand schien, wie vom Schmied angelötet, an seinen
Seiten zu kleben, und ein Zucken fuhr durch sein ganzes Gebein. Als fräße eine
Natter an seinem Leibe, schrie der Gequälte brüllend nach Lichas, dem unschuldigen
Überbringer deines giftigen Gewandes; dieser kam und wiederholte unbefangen
deinen Auftrag; der Vater aber ergriff ihn am Fuße und warf ihn an die Felsen
des Meeres, daß er zerschmettert in der aufspritzenden Flut untersank. Das ganze
Volk jammerte bei dieser Tat des Wahnsinnes auf, und niemand wagte sich dem
rasenden Helden zu nähern. Dieser wälzte sich bald auf dem Boden, bald sprang
er heulend wieder empor, daß rings Fels und Waldgebirge widerhallten. Er verfluchte
dich und euren Ehebund, der ihm zur Todesqual geworden. Endlich kehrte er sich
zu mir und rief. »Söhnlein, wenn du Mitleid mit deinem Vater empfindest, so
schiffe mit mir ohne Zögerung fort, daß ich nicht im fremden Lande sterbe!«
Auf dieses Verlangen legten wir den Armen in das Schiff, und unter Zuckungen
brüllend ist er hier angelangt, und bald wirst du ihn lebendig oder tot vor
dir sehen. Das alles ist dein Werk, Mutter. Den allerbesten Helden hast du jämmerlich
dahingemordet!«
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