Gustav Schwab - Aus der Heraklessage

admin am Mrz 29th 2008

als der Sterbende, der noch im Tod auf Rache sann, sie zurückrief und die trügerischen
Worte sprach: »Höre mich, Tochter des Öneus! Weil du die letzte bist, die ich
getragen habe, so sollst du auch noch einen Vorteil von meinem Dienste haben,
wenn du mir folgen willst! Fasse das frische Blut auf, das mir aus der Todeswunde
quoll und das jetzt da, wo der Pfeil, vom Geifer der lernäischen Schlange vergiftet,
mir im Leibe steckt, ganz verdickt und leicht zu sammeln ringsum steht; es wird
dir zu einem Zauber für das Gemüt deines Gatten dienen. Färbst du damit sein
Unterkleid, so wird er niemals ein anderes Weib, das ihm je vorkommt, mehr lieben
denn dich!« Nachdem er Deïaniren dieses tückische Vermächtnis hinterlassen,
verschied er augenblicklich an der vergifteten Wunde. Deïanira, obgleich sie
an der Liebe ihres Gatten nicht zweifelte, tat doch nach seiner Vorschrift,
sammelte das verdickte Blut in ein Gefäß, das sie bei der Hand hatte, und bewahrte
es ohne Wissen des Herakles auf, der zu ferne stand, um zu sehen, was sie tat.
Sie kamen darauf nach einigen andern Abenteuern miteinander glücklich zu Keyx,
dem Könige von Trachis, und ließen sich mit ihren Begleitern aus Arkadien, die
dem Herakles überall hin folgten, dort häuslich nieder.
Herakles, Iole und Deïanira.
Sein Ende

Die letzte Fehde, die Herakles bestand, war sein Feldzug gegen Eurytos, den
König von Öchalia, gegen welchen er einen alten Groll hegte, weil derselbe ihm
seine Tochter Iole verweigert hatte. Er versammelte ein großes Heer von Griechen
und zog nach Euböa, den Eurytos und seine Söhne in ihrer Stadt Öchalia zu belagern.
Der Sieg folgte ihm: die hohe Burg wurde in den Staub geworfen, der König mit
seinen drei Söhnen erschlagen, die Stadt vertilgt. Iole, noch immer jung und
schön, wurde die Gefangene des Herakles.

Derweil hatte Deïanira in Sorgen zu Hause auf Nachricht von ihrem Gatten geharrt.
Endlich jauchzte im Palaste Freudengeschrei empor. Ein Bote kam herangesprengt:
»Dein Gemahl, o Fürstin, lebt« so meldete er der ängstlich auf seine Botschaft
Horchenden »naht in Siegesruhm und führt jetzt eben die Erstlinge des Kampfes
den heimatlichen Göttern zu. Sein Diener Lichas, den er hinter mir her gesendet
hat, verkündet auf offener Wiese dem Volke den Sieg. Seine eigene Ankunft verzögert
sich nur dadurch, daß er auf Euböas Vorgebirge Kenaion dem Zeus das schuldige
Dankopfer darzubringen sich anschickt.« Bald erschien der Abgeordnete des Helden,
Lichas, und in seinem Geleite die Gefangenen. »Heil dir, Gemahlin meines Herrn«,
sprach er zu Deïanira; »die Himmlischen lieben den Frevel nicht: Herakles’ gerechte
Sache ist gesegnet worden; die üppigen Prahler mit ihrem verruchten Munde sind
alle in den Hades hinabgeeilt, die Stadt ist in Knechtschaft. Doch der Gefangenen,
die wir hier bringen, sollst du schonen, läßt dein Gemahl dir sagen, vor allem
der unglücklichen Jungfrau, die sich hier vor deine Füße wirft.« Deïanira heftete
einen Blick voll tiefen Mitleids auf das schöne, jugendliche Mädchen, das von
Gestalt und Auge lieblich glänzte, erhob sie vom Boden und sprach: »Ja, ihr
Lieben, herbes Mitgefühl hat mich gefaßt, sooft ich Unglückselige heimatlos
durch fremde Landschaft herumgeschleppt und Freigeborne Sklavenlos dulden sah.
Zeus, Überwinder, mögest du nie deinen Arm so gegen mein Haus erheben! Aber
wer bist du, jammervolles Mägdlein? Du scheinst unvermählt und von hohem Stamme!
Sage mir, Lichas, wer sind die Eltern dieser Jungfrau?« »Wie weiß ich das? Weswegen
fragst du dies?« antwortete der Abgesandte mit verstelltem Sinne, und seine
Miene verriet ein Geheimnis. »Sie ist«, fuhr er nach einigem Zögern fort, »gewiß
aus keinem der niedrigsten Häuser Öchalias.« Da das arme Mädchen selbst nur
seufzte und schwieg, so forschte Deïanira auch nicht weiter, sondern befahl,
sie in das Haus zu führen und dort auf das schonendste zu behandeln. Während
Lichas diesem Befehl Folge leistete, trat der zuerst angekommene Bote seiner
Gebieterin näher, und sobald er sich unbelauscht wußte, flüsterte er ihr die
Worte zu: »Traue dem Abgesandten deines Gemahls nicht, Deïanira. Er verbirgt
dir die Wahrheit. Aus seinem eigenen Munde habe ich mitten auf dem Marktplatz
von Trachis in vieler Zeugen Gegenwart gehört, daß dein Gatte Herakles ganz
allein um dieser Jungfrau willen die hohe Burg Öchalias niedergeworfen hat.
Es ist Iole, die Tochter des Eurytos, die du aufgenommen hast, von deren Liebe
Herakles entbrannt war, ehe er dich kennengelernt hat. Nicht als deine Sklavin,
sondern als deine Nebenbuhlerin, als Nebenweib ist sie in dein Haus gekommen!«
Ober diese Mitteilung brach Deïanira in laute Wehklagen aus. Doch faßte sie
sich bald wieder und rief den Diener ihres Gatten, Lichas, selbst herbei. Dieser
schwur anfangs beim höchsten Zeus, daß er ihr die Wahrheit gesagt habe und ihm
unbewußt sei, wer die Eltern der Jungfrau wären. Lange beharrte er bei dieser
Lüge. Deïanira aber beschwor ihn, des höchsten Zeus nicht länger zu spotten.
»Wäre es auch möglich, daß ich meinem Gatten seiner Untreue wegen abhold würde«,
sagte sie zu ihm weinend, »so bin ich nicht so unedler Gesinnung, daß ich dieser
Jungfrau zürne, die mir nie einen Schimpf angetan hat. Nur mit Mitleiden schaue
ich sie an; denn ihr hat die Schönheit all ihr Lebensglück zertrümmert, ja ihr
ganzes Geburtsland in Knechtschaft gestürzt!« Als Lichas sie so menschlich reden

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