Gustav Schwab - Aus der Heraklessage
admin am Mrz 29th 2008
erhöret hast, so flehe ich jetzt zu dir, daß du dem kinderlosen Telamon hier
einen kühnen Sohn zum Erben verleihen mögest, so unverwundbar, wie ich es in
dieser Haut des Nemeischen Löwen bin. Hoher Mut soll ihm immer zur Seite sein!«
Kaum hatte Herakles das Wort geredet, so sandte ihm der Gott den König der Vögel,
einen mächtigen Adler. Dem Herakles lachte darüber das Herz im Leibe; wie ein
Wahrsager rief er begeistert aus: »Ja, Telamon, du wirst den Sohn haben, den
du begehrst; herrlich wird er werden wie dieser gebieterische Adler, und Ajax
soll sein Name sein, weithin gewaltig im Werk des Kriegsgotts.« So sprach er
und setzte sich wieder nieder zum Schmause; dann zogen sie, Telamon und Herakles,
vereint mit den andern Helden, in den Krieg gegen Troja. Als sie dort ans Land
gestiegen, übertrug Herakles die Wache bei den Schiffen dem Oïkleus; er selbst
mit den übrigen Helden rückte gegen die Stadt vor. Inzwischen hatte Laomedon
mit eilig zusammengerafftem Volke die Schiffe der Heroen überfallen und den
Oïkleus im Kampfe getötet; aber als er sich wieder entfernen wollte, wurde er
von den Gefährten des Herakles umringt. Die Belagerung wurde unterdessen scharf
betrieben; Telamon durchbrach die Mauer und war der erste, der in die Stadt
eindrang. Erst hinter ihm kam Herakles. Es war das erste Mal in seinem Leben,
daß der Held sich in Tapferkeit von einem andern übertroffen sah; die schwarze
Eifersucht bemächtigte sich seines Geistes, und ein böser Gedanke stieg in seinem
Herzen auf. er zückte das Schwert und war im Begriffe, den vor ihm herschreitenden
Telamon niederzuhauen. Dieser blickte sich um und erriet das Vorhaben des Herakles
an seiner Gebärde. Schnell besonnen, las er die nächstgelegenen Steine zusammen,
und auf des Nebenbuhlers Frage, was er hier mache, erwiderte er: »Ich baue Herakles,
dem Sieger, einen Altar!« Diese Antwort entwaffnete den eifersüchtigen Zorn
des Helden. Sie kämpften wieder gemeinsam, und Herakles erlegte den Laomedon
samt allen seinen Söhnen, nur einen ausgenommen, mit seinen Pfeilen. Als die
Stadt erobert war, schenkte er Laomedons Tochter Hesione seinem Freunde Telamon
als Siegesbeute. Zugleich gab er ihr die Erlaubnis, nach eigener Wahl einen
der Gefangenen in Freiheit zu setzen. Sie wählte ihren Bruder Podarkes. »Es
ist recht, er sei dein«, sagte Herakles, »aber er muß vorher die Schmach erlitten
haben und Knecht gewesen sein; dann magst du ihn um den Preis, den du für ihn
geben willst, hinnehmen!« Als der Knabe nun wirklich zum Sklaven verkauft war,
riß Hesione ihren königlichen Schmuck vom Haupte und gab ihn als Lösegeld für
den Bruder hin; daher trug dieser den Namen Priamos (der Losgekaufte) davon.
Von ihm wird die Sage vieles zu erzählen haben.
Hera gönnte dem Halbgotte diesen Triumph nicht. Auf der Heimfahrt von Troja
wurde er durch ihre Schickung von schweren Ungewittern überfallen, bis der ergrimmte
Zeus ihrem Schalten Einhalt tat. Nach mancherlei Abenteuern beschloß der Held
eine zweite Rache am König Augias zu nehmen, der ihm auch einst den versprochenen
Lohn vorenthalten hatte; er bewältigte seine Stadt Elis und tötete ihn mitsamt
seinen Söhnen. Dem Phyleus aber, der wegen seiner Freundschaft für Herakles
vertrieben worden war, übergab er das Königreich Elis. Nach diesem Siege setzte
Herakles die Olympischen Spiele ein und weihte ihrem ersten Stifter, Pelops,
einen Altar, auch den zwölf Göttern Altäre, je zweien einen. Damals soll selbst
Zeus in Menschengestalt mit Herakles gerungen und, überwunden, seinem Sohn zur
Götterstärke Glück gewünscht haben. Dann zog Herakles gegen Pylos und den König
Neleus, der ihm einst die Entsündigung verweigert hatte; er überfiel seine Stadt
und machte ihn mit zehn seiner Söhne nieder. Nur der junge Nestor, der in der
Ferne bei den Gereniern erzogen wurde, blieb verschont. In dieser Schlacht verwundete
Herakles selbst den Gott der Unterwelt, den Hades, der den Pyliern zu Hilfe
gekommen war.
Noch war Hippokoon von Sparta übrig zu bestrafen, der zweite König, der sich
nach der Ermordung des Iphitos der Reinigung des Mörders entzogen hatte. Auch
die Söhne dieses Königs hatten den Haß des Helden aufs neue sich zugezogen.
Als er nämlich mit Öonos, seinem Oheim und Freunde, nach Sparta gekommen war,
fiel diesen, der den Palast des Hippokoon betrachtete, ein großer molossischer
Schäferhund an. Öonos begrüßte ihn mit einem Steinwurfe. Da rannten die Söhne
des Königs hervor und erschlugen den Fremdling mit Knüppeln. Um nun auch seines
Freundes Tod zu rächen, versammelte Herakles ein Heer gegen Sparta; auf dem
Marsche durch Arkadien lud er auch den König Kepheus mit seinen zwanzig Söhnen
zum Kampfe ein. Dieser fürchtete jedoch einen Einfall von seinen Nachbarn, den
Argivern, und lehnte es anfangs ab, mitzuziehen. Aber Herakles hatte von Athene
in einer ehernen Urne eine Locke des Medusenhaupts erhalten. Diese übergab er
der Tochter des Kepheus, Sterope, und sprach: »Wenn das Heer der Argiver anrückt,
so darfst du nur diese Locke, ohne auf sie hinzublicken, dreimal über die Stadtmauern
emporhalten; dann werden eure Feinde die Flucht ergreifen!« Als Kepheus solches
hörte, ließ er sich bewegen, mit allen seinen Söhnen auszuziehen. Die Argiver
wurden auch glücklich von seiner Tochter abgetrieben; ihm selbst aber schlug
der Feldzug zum Unheil aus: er wurde mit allen seinen Söhnen erschlagen und
außer diesen auch der Bruder des Herakles, Iphikles. Herakles selbst aber eroberte
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