Gustav Schwab - Aus der Heraklessage

admin am Mrz 29th 2008

zu ihrem Gemahle. »Weil dein Leben mir teurer ist als das meinige, sterbe ich
für dich jetzt, wo mir das Sterben noch nicht drohte, wo ich, einen edlen Thessalier
zum zweiten Gemahle wählend, im beglückten Fürstenhause hätte wohnen können.
Aber ich wollte nicht leben, deiner beraubt, die verwaisten Kinder anschauend.
Dein Vater und deine Mutter haben dich verraten, da doch ihnen Sterben rühmlicher
gewesen wäre; denn dann wärest du nicht einsam geworden und hättest keine Waisen
aufzuziehen gehabt. Doch da es die Götter einmal so gefügt haben, so bitte ich
dich nur, meiner Wohltat eingedenk zu sein und den Kleinen, welche du nicht
weniger liebest als ich, die ich sie verlassen muß, kein anderes Weib als Mutter
zuzuführen, das, von Neid gequält, sie selber plagen könnte.« Unter Tränen schwur
ihr der Gemahl, daß, wie sie im Leben die Seine gewesen, so auch im Tode nur
sie ihm Gattin heißen solle. Dann übergab ihm Alkestis die wehklagenden Kinder
und sank ohnmächtig nieder.

Unter den Vorbereitungen zur Bestattung geschah es nun, daß der umherirrende
Herakles nach Pherai und vor die Tore des Königspalastes kam. Eingelassen, geriet
er in eine Unterredung mit den Dienern des Hauses, und zufällig kam Admet selbst
dazu. Dieser nahm seinen Gast, den eigenen Kummer unterdrückend, mit großer
Herzlichkeit auf, und als Herakles, durch den Anblick seiner Trauerkleider betroffen,
ihn um seinen Verlust befragte, erwiderte er, um den Gast nicht zu betrüben
oder gar zu verscheuchen, auf eine so verdeckte Weise, daß Herakles der Meinung
war, es sei eine ferne Anverwandte des Admet, die zu Besuche bei dem Könige
war, gestorben. Er blieb daher fröhlichen Sinnes, ließ sich von einem Sklaven
in das Gastgemach geleiten und hier Wein vorsetzen. Als ihm die Traurigkeit
des Dieners auffiel, schalt er diesen um sein übermäßiges Leid. »Was siehst
du mich so ernst und feierlich an?« sprach er. »Ein Diener muß gefällig gegen
Fremdlinge sein! Was ist’s auch, wenn eine Fremde in eurem Hause gestorben ist;
weißt du denn nicht, daß dies das allgemeine Los der Menschen ist? Den Trübseligen
ist das Leben eine Qual; geh, bekränze dich, wie du mich siehst, und trinke
mit mir! Ich weiß gewiß, ein überwallender Becher wird bald alle Runzeln deiner
Stirne vertreiben.« Aber der Diener wandte sich mit Grauen ab. »Uns traf ein
Geschick«, sprach er, »dem nicht Lachen und Schmausen ziemt. Fürwahr, der Sohn
des Pheres ist nur allzu gastfreundlich, daß er in so tiefer Trauer einen so
leichtsinnigen Gast aufgenommen hat.« »Soll ich nicht fröhlich sein«, erwiderte
Herakles verdrießlich, »weil eine fremde Frau gestorben ist?« »Eine fremde Frau!«
rief der Diener verwundert. »Dir mochte sie fremd sein; uns war sie es nicht!«
»So hat mir Admet seinen Unfall nicht recht berichtet«, sagte Herakles stutzend.
Aber der Sklave sprach: »Nun sei du immerhin fröhlich; der Gebieter Weh geht
ja nur ihre Freunde und Diener an!« Aber Herakles hatte keine Ruhe mehr, bis
er die Wahrheit erfahren hatte. »Ist’s möglich«, rief er, »eines so herrlichen
Weibes ward er beraubt, und dennoch hat er den Fremdling so gastlich aufgenommen?
Trat ich doch mit geheimem Widerwillen zum Tore herein, und nun hab ich hier
im Trauerhause das Haupt mit Kränzen geschmückt, gejubelt und getrunken! Aber
sage mir, wo liegt das fromme Weib bestattet?« »Wenn du den geraden Weg gehst,
der nach Larissa führt«, antwortete der Sklave, »so siehst du das schmucke Totenmal,
das ihr schon aufgerichtet ist.« Mit diesen Worten verließ der Diener weinend
den Fremdling.

Allein gelassen, brach Herakles in keine Klagen aus, sondern der Held hatte
schnell einen Entschluß gefaßt. ›Retten muß ich‹, sprach er zu sich selbst,
›diese Gestorbene, sie wieder einführen in das Haus des Gatten; anders kann
ich seine Gunst nicht würdig vergelten. Ich gehe an das Grabmal; dort harre
ich des Thanatos, des Totenbeherrschers. Ich finde ihn wohl, wie er kommt, das
Opferblut zu trinken, das ihm über dem Denkmal der Verstorbenen gespendet wird.
Dann springe ich aus dem Hinterhalte hervor, ergreife ihn schnell, umschlinge
ihn mit den Händen, und keine Macht auf Erden soll ihn mir entreißen, ehe er
mir seine Beute überläßt.‹ Mit diesem Vorsatze verließ er in aller Stille den
Palast des Königs.

Admet war in sein verödetes Haus zurückgekehrt und trauerte mit seinen verlassenen
Kindern in schmerzlicher Sehnsucht nach der geopferten Gattin, und kein Trost
getreuer Diener vermochte seinen Kummer zu lindern. Da betrat sein Gastfreund
Herakles die Schwelle wieder, ein verschleiertes Weib an der Hand führend. »Du
hast nicht wohl daran getan, o König, mir den Tod deiner Gattin zu verhehlen;
du nahmst mich in dein Haus auf, als ob nur fremdes Leiden dich bekümmerte;
so habe ich unwissend groß Unrecht getan und im Unglückshause fröhliches Trankopfer
ausgegossen. Doch will ich dich in deinem Ungemache nicht noch weiter betrüben.
Höre jedoch, warum ich noch einmal gekommen bin. Diese Jungfrau hier habe ich
als Siegeslohn bei einem Kampfspiele empfangen. Nun gehe ich hin, neue Kämpfe
zu bestehen. Bis ich diese vollbracht habe, übergebe ich dir die Jungfrau als
Dienerin; sorge du für sie als das Eigentum eines Freundes.«

Admet erschrak, als er den Herakles so sprechen hörte. »Nicht, weil ich den
Freund verachtet oder verkannt hätte«, erwiderte er, »habe ich dir meiner Gattin

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