Gustav Schwab - Aus der Heraklessage

admin am Mrz 29th 2008

zischende, geringelte Schlangen. Sich für diese Grausen erregende Fahrt zu befähigen,
ging Herakles in die Stadt Eleusis im attischen Gebiete, wo eine Geheimlehre
über göttliche Dinge der Ober- und Unterwelt von kundigen Priestern gehegt wurde,
und ließ sich von dem Priester Eumolpos in die dortigen Geheimnisse einweihen,
nachdem er an heiliger Stätte vom Morde der Zentauren entsündigt worden war.
So mit geheimer Kraft, den Schrecken der Unterwelt zu begegnen, ausgerüstet,
wanderte er in den Peloponnes und nach der lakonischen Stadt Tainaron, wo sich
die Mündung der Unterwelt befand. Hier stieg er, von Hermes, dem Begleiter der
Seelen, geleitet, die tiefe Erdkluft hinab und kam zur Unterwelt vor die Stadt
des Königes Pluto. Die Schatten, die vor den Toren der Hadesstadt traurig lustwandelten
- denn in der Unterwelt ist kein heiteres Leben wie im Sonnenlichte -, ergriffen
die Flucht, als sie Fleisch und Blut in lebendiger Menschengestalt erblickten;
nur die Gorgone Medusa und der Geist Meleagers hielten stand. Nach jeder wollte
Herakles einen Schwertstreich führen, aber Hermes fiel ihm in den Arm und belehrte
ihn, daß die Seele der Abgeschiedenen leere Schattenbilder und vom Schwerte
nicht verwundbar seien. Mit der Seele Meleagers dagegen unterhielt sich der
Halbgott freundlich und empfing von ihm sehnsüchtige Grüße für die Oberwelt
an seine geliebte Schwester Deianira. Ganz nahe zu den Pforten des Hades gekommen,
erblickte er seine Freunde Theseus und Peirithoos, der letzte hatte sich in
der Unterwelt, vom andern begleitet, als Freier der Persephone eingefunden,
und beide waren wegen dieses frechen Unterfangens von Pluto an den Stein, auf
den die Ermüdeten sich niedergelassen hatten, gefesselt worden. Als beide den
befreundeten Halbgott erblickten, streckten sie flehend die Hände nach ihm aus
und zitterten vor Hoffnung, durch seine Kraft die Oberwelt wieder erklimmen
zu können. Den Theseus ergriff auch Herakles wirklich bei der Hand, befreite
ihn von seinen Banden und richtete ihn vom Boden, an den er gefesselt gelegen
hatte, wieder auf. Ein zweiter Versuch, auch den Peirithoos zu befreien, mißlang,
denn die Erde fing an, ihm unter den Füßen zu beben. Vorschreitend erkannte
Herakles auch den Askalaphos, der einst verraten hatte, daß Persephone von den
Rückkehr verwehrenden Granatäpfeln des Hades gegessen; er wälzte den Stein ab,
den Demeter in Verzweiflung über den Verlust ihrer Tochter auf ihn gewälzt hatte.
Dann fiel er unter die Herden des Pluto und schlachtete eines der Rinder, um
die Seelen mit Blute zu tränken; dies wollte der Hirte dieser Rinder, Menötios,
nicht gestatten und forderte deswegen den Helden zum Ringkampfe auf. Herakles
aber faßte ihn mitten um den Leib, zerbrach ihm die Rippen und gab ihn nur auf
Bitten der Unterweltsfürstin Persephone selbst wieder frei. Am Tore der Totenstadt
stand der König Pluto und verwehrte ihm den Eintritt. Aber das Pfeilgeschoß
des Heroen durchbohrte den Gott an der Schulter, daß er Qualen der Sterblichen
empfand und, als der Halbgott nun bescheidentlich um Entführung des Höllenhundes
bat, sich nicht länger widersetzte. Doch forderte er als Bedingung, daß Herakles
desselben mächtig werden sollte, ohne die Waffen zu gebrauchen, die er bei sich
führe. So ging der Held, einzig mit seinem Brustharnische bedeckt und mit der
Löwenhaut umhangen, aus, das Untier zu fahen. Er fand ihn an der Mündung des
Acheron hingekauert, und ohne auf das Bellen des Dreikopfs zu achten, das wie
ein sich in Widerhallen vervielfältigender dumpfer Donner tönte, nahm er die
Köpfe zwischen die Beine, umschlang den Hals mit den Armen und ließ ihn nicht
los, obgleich der Schwanz des Tieres, der eine lebendige Schlange war, sich
vorwärts bäumte und der Drache ihn in die Weiche biß. Er hielt den Nacken des
Ungetümes fest und schnürte ihn so lange zu, bis er über das ungebärdige Tier
Meister ward, da er es dann aufhob und durch eine andere Mündung des Hades bei
Trözen im argoischen Lande glücklich wieder zur Oberwelt auftauchte. Als der
Höllenhund das Tageslicht erblickte, entsetzte er sich und fing an, den Geifer
von sich zu speien; davon wuchs der giftige Eisenhut aus dem Boden hervor. Herakles
brachte das Ungeheuer in Fesseln sofort nach Tiryns und hielt es dem staunenden
Eurystheus, der seinen eigenen Augen nicht traute, entgegen. Jetzt verzweifelte
der König daran, jemals des verhaßten Zeussohnes loszuwerden, ergab sich in
sein Schicksal und entließ den Helden, der den Höllenhund zurück in die Unterwelt
brachte.
Herakles und Eurytos

Herakles, nach allen diesen Mühsalen endlich vom Dienste des Eurystheus befreit,
kehrte nach Theben zurück. Mit seiner Gemahlin Megara, der er im Wahnsinne die
Kinder umgebracht hatte, konnte er nicht mehr leben; er trat sie daher mit ihrem
Willen seinem geliebten Vetter Iolaos zur Gattin ab und dachte selbst auf eine
neue Vermählung. Seine Neigung wandte sich der schönen Iole zu, der Tochter
des Königes Eurytos zu Öchalia auf der Insel Euböa, der den Herakles einst als
Knaben in der Kunst des Bogenschießens unterrichtet hatte. Dieser König hatte
seine Tochter demjenigen Wettkämpfer versprochen, der ihn und seine Söhne im
Bogenschießen übertreffen würde. Auf diese Bekanntmachung eilte Herakles nach
Öchalia und trat unter der Schar der Bewerber auf. Er bewies in diesem Wettkampfe,
daß er kein unwürdiger Schüler des alten Eurytos gewesen; denn er besiegte ihn

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