Gustav Schwab - Aus der Heraklessage
admin am Mrz 29th 2008
des berühmten Vaters so vieler Ungeheuer, und der erdgeborenen Keto. Kein Schlaf
kam je über die Augen dieses Drachen, und ein fürchterliches Gezisch verkündete
seine Nähe; denn jede seiner hundert Kehlen ließ eine andere Stimme hören. Diesem
Ungeheuer, so lautete der Befehl des Eurystheus, sollte Herakles die goldenen
Äpfel der Hesperiden entreißen. Der Halbgott machte sich auf den langen und
abenteuervollen Weg, auf welchem er sich dem blinden Zufall überließ, denn er
wußte nicht, wo die Hesperiden wohnten. Zuerst gelangte er nach Thessalien,
wo der Riese Termeros hauste, der alle Reisenden, denen er begegnete, mit seinem
harten Hirnkasten zu Tode rannte. Aber an des göttlichen Herakles Schädel zersplitterte
das Haupt des Riesen. Weiter vorwärts, am Flusse Echedoros, kam dem Helden ein
anderes Ungetüm in den Weg, Kyknos, der Sohn des Ares und der Pyrene. Dieser,
von dem Halbgotte nach den Gärten der Hesperiden befragt, forderte statt aller
Antwort den Wanderer zum Zweikampf heraus und wurde von Herakles erschlagen.
Da erschien Ares, der Gott, selbst, den getöteten Sohn zu rächen, und Herakles
sah sich gezwungen, mit ihm zu kämpfen. Aber Zeus wollte nicht, daß seine Söhne
Bruderblut vergössen, und ein plötzlich mitten zwischen beide geschleuderter
Blitz trennte die Kämpfer. Herakles schritt nun weiter durchs illyrische Land,
eilte über den Fluß Eridanos und kam zu den Nymphen des Zeus und der Themis,
die an den Ufern dieses Stromes wohnten. Auch an sie richtete der Held seine
Frage. »Geh zu dem alten Stromgotte Nereus«, war ihre Antwort, »der ist ein
Wahrsager und weiß alle Dinge. Überfall ihn im Schlafe und binde ihn, so wird
er, gezwungen, den rechten Weg dir angeben.« Herakles befolgte diesen Rat und
bemeisterte sich des Flußgottes, obgleich dieser nach seiner Gewohnheit sich
in allerlei Gestalten verwandelte. Er ließ ihn nicht eher los, bis er erkundet
hatte, in welcher Weltgegend er die goldenen Äpfel der Hesperiden antreffen
werde. Hierüber belehrt, durchzog er weiter Libyen und Ägypten. Über das letztere
Land herrschte Busiris, der Sohn des Poseidon und der Lysianassa. Ihm war bei
einer neunjährigen Teurung durch einen Wahrsager aus Zypern das grausame Orakel
geworden, daß die Unfruchtbarkeit aufhören sollte, wenn dem Zeus jährlich ein
fremder Mann geschlachtet würde. Zum Danke machte Busiris den Anfang mit dem
Wahrsager selbst; allmählich fand der Barbar ein Gefallen an dieser Gewohnheit
und schlachtete alle Fremdlinge, welche nach Ägypten kamen. So wurde denn auch
Herakles ergriffen und zu den Altären des Zeus geschleppt. Er aber riß die Bande,
die ihn fesselten, entzwei und erschlug den Busiris mitsamt seinem Sohn und
dem priesterlichen Herold. Unter mancherlei Abenteuern zog der Held weiter,
befreite, wie schon erzählt worden ist, den an den Kaukasus geschmiedeten Titanen
Prometheus und gelangte endlich, nach der Anweisung des Entfesselten, in das
Land, wo Atlas die Last des Himmels trug und in dessen Nähe der Baum mit den
goldenen Äpfeln von den Hesperiden gehütet wurde. Prometheus hatte dem Halbgotte
geraten, sich nicht selbst dem Raube der goldenen Früchte zu unterziehen, sondern
den Atlas auf diesen Fang auszusenden. Er selbst erbot sich dafür diesem, solange
das Tragen des Himmels auf sich zu nehmen. Atlas bezeigte sich willig, und Herakles
stemmte die mächtigen Schultern dem Himmelsgewölbe unter. Jener dagegen machte
sich auf, schläferte den um den Baum sich ringelnden Drachen ein, tötete ihn,
überlistete die Hüterinnen und kam mit drei Äpfeln, die er gepflückt, glücklich
zu Herakles. »Aber«, sprach er, »meine Schultern haben nun einmal empfunden,
wie es schmeckt, wenn der eherne Himmel nicht auf ihnen lastet. Ich mag ihn
fürder nicht wieder tragen.« So warf er die Äpfel vor dem Halbgott auf den Rasen
und ließ diesen mit der ungewohnten, unerträglichen Last stehen. Herakles mußte
auf eine List sinnen, um loszukommen. »Laß mich«, sprach er zu dem Himmelsträger,
»nur einen Bausch von Stricken um den Kopf winden, damit mir die entsetzliche
Last nicht das Gehirn zersprengt.« Atlas fand die Forderung billig und stellte
sich, nach seiner Meinung auf wenige Augenblicke, dem Himmel wieder unter. Aber
er konnte lange warten, bis Herakles ihn wieder ablöste, und der Betrüger wurde
zum Betrogenen. Denn jener nahm die Früchte vom Rasen auf und ging davon. Er
brachte sie dem Eurystheus, der sie, da sein Zweck, den Herakles aus dem Wege
zu räumen, doch nicht erreicht war, dem Helden wieder als Geschenk zurückgab.
Der legte sie auf dem Altare Athenes nieder; die Göttin aber wußte, daß es der
heiligen Bestimmung dieser göttlichen Früchte zuwider war, irgendwo anders aufbewahrt
zu werden, und so trug sie die Äpfel wieder in den Garten der Hesperiden zurück.
Statt den verhaßten Nebenbuhler zu vernichten, hatten die bisher ihm von Eurystheus
aufgetragenen Arbeiten den Herakles nur in dem Berufe verherrlicht, der ihm
vom Schicksal angewiesen war; sie hatten ihn als Vertilger jener Unmenschlichkeit
auf Erden, als den echt menschlichen Wohltäter der Sterblichen dargestellt.
Das letzte Abenteuer aber sollte er in einer Region bestehen, wohin ihn - so
hoffte der arglistige König - seine Heldenkraft nicht begleiten würde; ein Kampf
mit den finsteren Mächten der Unterwelt stand ihm bevor: er sollte Kerberos,
den Höllenhund, aus dem Hades heraufbringen. Dies Untier hatte drei Hundsköpfe
mit gräßlichen Rachen, aus denen unaufhörlich giftiger Geifer träufte, ein Drachenschwanz
hing ihm vom Leibe herunter, und das Haar der Köpfe und des Rückens bildeten
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