Gustav Schwab - Aus der Heraklessage
admin am Mrz 29th 2008
Viertes Buch
Aus der Heraklessage
Herakles der Neugeborne
Herakles war ein Sohn des Zeus und der Alkmene, Alkmene eine Enkelin des Perseus;
der Stiefvater des Herakles hieß Amphitryon, auch er war ein Enkel des Perseus
und König von Tiryns, hatte jedoch diese Stadt verlassen, um in Theben zu wohnen.
Hera, die Gemahlin des Zeus, haßte ihre Nebenbuhlerin Alkmene und gönnte ihr
den Sohn nicht, von dessen Zukunft Zeus den Göttern selbst Großes verkündet
hatte. Als daher Alkmene den Herakles geboren, glaubte sie ihn vor der Göttermutter
in dem Palaste nicht sicher und setzte ihn an einem Platze aus, der noch in
späten Zeiten das Heraklesfeld hieß. Hier wäre das Kind ohne Zweifel verschmachtet,
wenn nicht ein wunderbarer Zufall seine Feindin Hera selbst, von Athene begleitet,
des Weges geführt hätte. Athene betrachtete die schöne Gestalt des Kindes mit
Verwunderung, erbarmte sich sein und bewog die Begleiterin, dem Kleinen ihre
göttliche Brust zu reichen. Aber der Knabe sog viel kräftiger an der Brust,
als sein Alter erwarten ließ; Hera empfand Schmerzen und warf das Kind unwillig
zu Boden. Jetzt hob Athene dasselbe voll Mitleid wieder auf, trug es in die
nahe Stadt und brachte es der Königin Alkmene als ein armes Findelkind, das
sie aus Barmherzigkeit aufzuziehen bat. So war die leibliche Mutter, aus Angst
vor der Stiefmutter, bereit gewesen, die Pflicht der natürlichen Liebe verleugnend,
ihr Kind umkommen zu lassen; und die Stiefmutter, die von natürlichem Hasse
gegen dasselbe erfüllt ist, muß, ohne es zu wissen, ihren Feind vom Tode erretten.
Ja noch mehr: Herakles hatte nur ein paar Züge an Heras Brust getan, aber die
wenigen Tropfen Göttermilch waren genügend, ihm Unsterblichkeit einzuflößen.
Alkmene hatte indessen ihr Kind auf den ersten Blick erkannt und es freudig
in die Wiege gelegt. Aber auch der Göttin blieb nicht verborgen, wer an ihrer
Brust gelegen und wie leichtsinnig sie den Augenblick der Rache vorübergelassen
habe. Sogleich schickte sie zwei entsetzliche Schlangen aus, die, das Kind zu
töten bestimmt, durch die offenen Pforten in Alkmenes Schlafgemach geschlichen
kamen und, ehe die Dienerinnen des Gemaches und die schlummernde Mutter selbst
es innewurden, sich an der Wiege emporringelten und den Hals des Knaben zu umstricken
anfingen. Der Knabe erwachte mit einem Schrei und richtete seinen Kopf auf.
Das ungewohnte Halsband war ihm unbequem. Da gab er die erste Probe seiner Götterkraft:
er ergriff mit jeder Hand eine Schlange am Genick und erstickte die beiden mit
einem einzigen Druck. Die Wärterinnen hatten die Schlangen jetzt wohl bemerkt;
aber unbezwingbare Furcht hielt sie ferne. Alkmene war auf den Schrei ihres
Kindes erwacht; mit bloßen Füßen sprang sie aus dem Bett und stürzte Hilfe rufend
auf die Schlangen zu, die sie schon von den Händen ihres Kindes erwürgt fand.
Jetzt traten auch die Fürsten der Thebaner, durch den Hilferuf aufgeschreckt,
bewaffnet in das Schlafgemach; der König Amphitryon, der den Stiefsohn als ein
Geschenk des Zeus betrachtete und liebhatte, eilte erschrocken herbei, das bloße
Schwert in der Hand. Da stand er vor der Wiege, sah und hörte, was geschehen
war; Lust, mit Entsetzen gemischt, durchbebte ihn über die unerhörte Kraft des
kaum gebornen Sohnes. Er betrachtete die Tat als ein großes Wunderzeichen und
rief den Propheten des großen Zeus, den Wahrsager Tiresias, herbei. Dieser weissagte
dem Könige, der Königin und allen Anwesenden den Lebenslauf des Knaben: wie
viele Ungeheuer auf Erden, wie viele Ungetüme des Meeres er hinwegräumen, wie
er mit den Giganten selbst im Kampfe zusammenstoßen und sie besiegen werde und
wie ihm am Ende seines mühevollen Erdenlebens das ewige Leben bei den Göttern
und Hebe, die ewige Jugend, als himmlische Gemahlin erwarte.
Die Erziehung des Herakles
Als Amphitryon das hohe Geschick des Knaben aus dem Munde des Sehers vernahm,
beschloß er, ihm eine würdige Heldenerziehung zu geben, und Heroen aller Gegenden
versammelten sich, den jungen Herakles in allen Wissenschaften zu unterrichten.
Sein Vater selbst unterwies ihn in der Kunst; einen Wagen zu regieren; den Bogen
spannen und mit Pfeilen zielen lehrte ihn Eurytos, die Künste der Ringer und
Faustkämpfer Harpalykos. Kastor, der Zeuszwilling, unterrichtete ihn in der
Kunst, schwerbewaffnet und geordnet im Felde zu fechten. Linos aber, der greise
Sohn Apollos, lehrte ihn den Gesang und den zierlichen Schlag der Leier. Herakles
zeigte sich als gelehrigen Knaben; aber Härte konnte er nicht ertragen; der
alte Linos war ein grämlicher Lehrer. Als er ihn einst mit ungerechten Schlägen
zurechtwies, griff der Knabe nach seinem Zitherspiel und warf es dem Hofmeister
an den Kopf, daß dieser tot zu Boden fiel. Herakles, obgleich voll Reue, wurde
dieser Mordtat halber vor Gericht gefordert; aber der berühmte gerechte Richter
Rhadamanthys sprach ihn frei und stellte das Gesetz auf, daß, wenn ein Totschlag
Folge der Selbstverteidigung gewesen, Blutrache nicht stattfinde. Doch fürchtete
Amphitryon, sein überkräftiger Sohn möchte sich wieder Ähnliches zuschulden
kommen lassen, und schickte ihn deswegen auf das Land zu seinen Ochsenherden.
Hier wuchs er auf und tat sich durch Größe und Stärke vor allen hervor. Als
ein Sohn des Zeus war er furchtbar anzusehen. Er war vier Ellen lang, und Feuerglanz
entströmte seinen Augen. Nie fehlte er im Schießen des Pfeils und im Werfen
des Spießes. Als er achtzehn Jahre alt geworden, war er der schönste und stärkste
Mann Griechenlands, und es sollte sich jetzt entscheiden, ob er diese Kraft
zum Guten oder zum Schlimmen anwenden werde.
Herakles am Scheidewege
Herakles selbst begab sich um diese Zeit von Hirten und Herden weg in eine
einsame Gegend und überlegte bei sich, welche Lebensbahn er einschlagen sollte.
Als er so sinnend dasaß, sah er auf einmal zwei Frauen von hoher Gestalt auf
sich zukommen. Die eine zeigte in ihrem ganzen Wesen Anstand und Adel, ihren
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