Gustav Schwab - Äneas - Zweiter Teil

admin am Mrz 29th 2008

Fünftes Buch

Äneas - Zweiter Teil

Der Tod des Palinurus. Landung in Italien. Latinus. Lavinia

Äneas mußte das Ende Didos, das sein Leichtsinn herbeigeführt hatte, obgleich
ihm von den Göttern selbst geboten worden war, sie zu verlassen, mit neuen Irrfahrten
und wiederholten Unglücksfällen büßen. Ein Sturm verschlug ihn rückwärts nach
Sizilien, wo er vom Könige Acestes, dessen Mutter eine Trojanerin war, gütig
aufgenommen wurde und dem Schatten seines Vaters Anchises, welchen er ein Jahr
zuvor bei Drepanum begraben hatte, bei der Wiederkehr dieses Tages herrliche
Leichenspiele feierte. Inzwischen warfen die trojanischen Frauen, von der Botin
Junos, Iris, angereizt und der langen Seefahrt überdrüssig, Feuer in die Flotte,
daß vier der schönsten Schiffe verbrannten; die übrigen rettete Jupiter durch
einen Regenguß. In der folgenden Nacht erschien dem kummervollen Helden sein
Vater Anchises im Traum und brachte ihm Jupiters Befehl, die älteren Weiber
und unkriegerischen Greise in Sizilien zurückzulassen; er selbst solle mit dem
Kern der Mannschaft nach Italien segeln.

Der Held gehorchte dem Götterwinke, gründete zu Ehren seines königlichen Wirtes
die Stadt Acesta in Sizilien und bevölkerte sie mit den Greisen und den alten
Müttern seiner Flotte; er selbst brach mit den kräftigsten Männern, den Jünglingen,
Frauen, Jungfrauen und Knaben der Auswanderung auf und verließ die Küste. Diesmal
gewährte ihm Neptunus, durch die Bitten der Liebesgöttin bewältigt, sicheres
Meer und glückliche Fahrt. Zuletzt wurden sie bei dem günstigsten Winde und
blauesten Himmel so sorglos, daß die Ruderer selbst in einer heitern Nacht sich
unter ihre Ruderbänke legten und dem tiefsten Schlafe überließen. Der verführerische
Gott des Schlafes hatte sich von den am hellen Nachthimmel funkelnden Gestirnen
des Äthers herabgesenkt und nahte in der Gestalt des Helden Phorbas selbst dem
wachsamen Steuermanne Palinurus, der auf dem hohen Verdeck am Steuer saß: »Sohn
des Jasius«, sprach er leise zu ihm, »Siehest du nicht, wie das Meer die Flotte
selber treibt und die sanftwehende Luft dich einlädt, endlich einmal auch ein
Stündlein dir Ruhe zu gönnen? Lege doch dein Haupt nieder, entziehe die ermüdeten
Augen der steten Arbeit; komm, laß mich ein wenig dein Amt für dich übernehmen!«
Palinurus vermochte kaum den schläfrigen Blick gegen den Redenden aufzuheben
und sprach: »Was sprichst du? Ich soll das tückische Element nicht kennen, wenn
es Ruhe heuchelt, und ihm vertrauen? Ich, den so oft der Betrug des heitern
Himmels hintergangen hat!« So sprach er und klammerte sich an das Ruder, indem
er sich zwang, seine Augen nach den Sternen zu richten. Aber der Gott träufelte
ihm in einem Zweige ein paar Tropfen von Lethe auf seine Schläfe, und plötzlich
schlossen sich seine Augen. Dann zerbrach er die Planken am Steuer und gab dem
Schlummernden einen Stoß, daß er mitsamt dem Ruder kopfüber in die Wellen stürzte.
Der Schlaf erhob sich wie ein Vogel in die Luft. In den Wogen erwachte der arme
Steuermann und rief umsonst, mit den Wellen ringend, die Hilfe seiner schlafenden
Genossen an.

Die Flotte verfolgte indessen, unter dem versprochenen Schutze des Meergottes,
auch ohne Steuermann ihren Weg, und endlich war Italiens Küste erreicht. Äneas
fuhr das Gestade entlang und landete zuletzt in dem Hafen von Kajeta. Damals
hatte er diesen Namen noch nicht und erhielt ihn erst von der alten treuen Amme
des Helden, welche Kajeta hieß, nach der Landung hier starb und, ehe der Zug
weiterging, an dem Orte feierlich beigesetzt wurde. Dann begab sich der Führer
noch einmal mit seinen Genossen zu Schiffe und gelangte glücklich in den Hafen
von Ostia. Hier sah er vom Meer aus ein großes Gehölz; zwischen diesem brach
der Tiberstrom, gelb von Sande, unter reißenden Wirbeln sich seine Bahn ins
Meer. Bunte Vögel umflatterten unter lieblichem Gesange den Ausfluß und durchschwebten
den Hain.

Das italische Land, in welchem sich die trojanischen Auswanderer nun befanden,
war das alte Latium, das Gebiet der Laurenter. Seine ruhigen Städte und Felder
beherrschte ein schon alternder König mit Namen Latinus, ein Sohn des Faunus
und ein Urenkel des Gottes Saturnus. Das Geschick hatte diesem Fürsten keinen
Sohn gegönnt; aber um seine einzige schon herangereifte schöne Tochter Lavinia
warben aus Latium und ganz Italien viele Fürstensöhne, vor allen Turnus, der
schönste aller Jünglinge, der Sohn des Rutulerköniges Daunus, und ihn begünstigte
die Mutter Lavinias, die Königin Amata, vor allen andern. Aber schreckhafte
Götterzeichen setzten sich dieser Verbindung entgegen. In den hohen Höfen der
latinischen Königsburg stand ein Lorbeerbaum, welchen der alte König schon angetroffen
und dem Phöbus geweiht hatte, als er den Palast gründete. Nun besetzte einst
plötzlich den Gipfel des Baumes ein dichter Bienenschwarm, der mit lautem Gesumse
durch die heitere Luft herbeigeflogen kam; Füße an Füße klammernd, hing der
ganze Schwarm wie eine Blumendolde plötzlich vom grünenden Aste des Baumes herunter.
Man rief einen Wahrsager herbei, der das Zeichen deuten sollte. Dieser sprach:
»Ich sehe einen Mann und ein Heer vom Auslande herbeiziehen, aus einer Himmelsgegend
nach einer andern Himmelsgegend, und sehe ihn zuoberst in dieser Burg herrschen!«
Und wiederum geschah ein neues Zeichen. Als die Jungfrau Lavinia mit ihrem Vater
am Altare stand und dieser die Opferflamme anfachte, da schien es, als fingen
die Locken der Jungfrau Feuer, ihr Haar brenne, die Krone von Gold und Edelsteinen
glühe und verstreue, in Rauch und Flammen gehüllt, Glut durch den ganzen Palast.
Das wurde nun vollends für ein bedeutsames und grausenhaftes Wunder gehalten:
zwar Lavinia selbst - so lautete die Deutung der Seher - gehe einem herrlichen
Geschick und großem Ruhm entgegen, aber dem Volke weissage dieses Zeichen einen
fürchterlichen Kriegsbrand. Latinus befragte darüber das Orakel seines Vaters
Faunus. Aber auch dieses wahrsagte ihm einen fremden Eidam, aus dessen Stamm
ein Geschlecht erwachsen werde, dem die Herrschaft der ganzen Welt bestimmt

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