Gustav Schwab - Äneas - Zweiter Teil

admin am Mrz 29th 2008

sich die Rutuler ihrem blinden Vertrauen hingeben! Nur hier und da glänzt um
die Mauern ein Feuer; fast alle liegen von Wein und Schlafe begraben da, und
das tiefste Schweigen herrscht ringsum. So vernimm denn, Freund, welcher Gedanke
in mir aufgestiegen ist: Alle unter uns, Volk und Väter, verlangen, daß Äneas
herbeigerufen werde und daß man ihm zu dem Ende sichere Boten zuschicke, die
uns Kunde von ihm zurückbringen. Wenn man nun dir, dem Zurückbleibenden, verspräche,
was ich für dich fordern will - denn mir genügt an der Ehre -: was meinst du?
Ich könnte am Fuße des Hügels dort den Weg nach dem Tuskerlande und dem Berge
von Pallanteum wohl finden.«

Euryalus wurde von Staunen bei dem Vorschlage seines Freundes ergriffen; denn
auch ihn beseelte jugendliche Ruhmbegierde. »Also wolltest du«, sprach er zu
seinem feurigen Genossen, »mich, den unbärtigen Knaben, als Teilnehmer an der
herrlichen Tat verschmähen? Wie könnte ich dich allein in eine solche Gefahr
hinauslassen! Nein, so hat mich mein Vater Opheltes nicht erzogen, und auch
du hast mich bisher nicht so kennengelernt! Auch ich achte das Leben gering
und erkaufe willig mit ihm den Ruhm!« »Nie habe ich so etwas von dir befürchtet«,
erwiderte Nisus; »aber wenn mich irgendein Unfall oder ein Gott, wie es bei
solchen Entschlüssen wohl zu gehen pflegt, ins Verderben risse, so wünschte
ich, daß du mich überlebest. Deine Jugend ist des Lebens werter als ich. Auch
hätte ich gern einen, der meinen Leichnam, aus der Schlacht gerettet oder mit
Lösegeld erkauft, in den Boden verscharrt oder, wenn dies Glück mir nicht beschieden
wäre, wenigstens dem Abwesenden ein Totenopfer brächte und einen Denkstein errichtete.
Wie könnt ich auch deiner armen Mutter, die allein von so vielen Müttern es
verschmäht hat, in Sizilien zurückzubleiben, und dir auf die weite Wanderung
gefolgt ist, so bitteren Schmerz bereiten?« Aber Euryalus erwiderte: »Du hältst
mir umsonst nichtige Beweggründe vor; mein Vorsatz ist unerschütterlich; laß
uns eilen.« So sprach er und weckte sogleich die nächsten Wachtposten, die zur
Ablösung bestimmt waren. Nachdem sie diesen das Wächteramt übertragen hatten,
eilten sie beide vor den Hohen Rat der Trojaner. Denn die Fürsten des Heeres
berieten sich bis tief in die Nacht hinein über die wichtigsten Angelegenheiten
der neuen Pflanzung. Während sie nun mitten im Lager, an die Speere gelehnt
und auf die Schilde gestützt, im Kreise standen und Rat darüber pflogen, was
zu beginnen sei und wer dem Äneas die Nachricht zu bringen hätte, da baten Nisus
und Euryalus herbeigeeilt um augenblicklichen Zutritt in die Versammlung. Askanius,
der an seines Vaters Stelle, so jung er war, im Rate saß, hieß die Ungeduldigen
eintreten und Nisus als den Älteren zuerst reden. »Höret uns günstig an«, sprach
dieser zu den Helden, »und messet, was wir euch vorschlagen, nicht nach den
Jahren ab. Wir haben die Gegend ausgekundschaftet. Dort, am Scheidewege des
Tores, das wir bewachen, in der Nähe des Meeres, finden sich Lücken in den Wachtfeuern
der Feinde: dort ist Raum, um sich durchzuschleichen. Wenn ihr uns erlaubet,
das Glück zu benützen, so wollen wir als Boten zu Äneas gehen, und ihr sollt
uns bald mit Begleitern und mit Beute zurückkehren sehen.«

Mit Bewunderung vernahmen die Helden den Entschluß der Jünglinge. »Nun, ihr
Götter«, rief Aletes, der Ergrauteste unter ihnen, aus, »ihr seid noch nicht
gesonnen, die Trojaner zu vertilgen, da ihr uns so entschlossene Jünglingsherzen
erwecket!« So sprach er und legte seine Hände auf beider Schultern. Dann rief
der zarte Jüngling Askanius: »Guter Nisus, lieber Euryalus, in euren Schoß lege
ich mein Glück und meine Hoffnung; lasset mich meinen Vater wieder schauen!
Wenn er zurück ist, ängstigt mich nichts mehr. Zwei silberne Becher, zwei köstliche
Dreifüße, zwei Talente Goldes, den schönen alten Krug, den Dido meinem Vater
geschenkt hat: das alles sollt ihr jetzt schon haben, und wenn wir siegen, noch
viel mehr. Hast du das herrliche Roß gesehen, Nisus, das Turnus reitet, und
seine goldene Rüstung? Sie seien dein! Zwölf Gefangene wird euch mein Vater
verleihen, Männer mit vollen Waffenrüstungen, und Frauen, und vom Felde des
Latinus herrliche Güter. Du aber«, so sprach er, zu Euryalus gewendet, »verehrter
Jüngling, dessen Jugend meine Jahre nachstreben, dich begrüße ich schon jetzt
von ganzem Herzen als Kampfgenossen und unzertrennlichen Freund.« Darauf nahm
Euryalus das Wort: »Es soll kein Tag kommen«, sprach er, »an dem ich mich meines
tapfern Entschlusses unwürdig zeige. Aber vor allen Geschenken bitte ich dich
um eines, Julus. Meine Mutter, vom alten Königsgeschlechte des Priamus stammend
wie du, hat sich nicht abhalten lassen, mit mir auszuwandern, und ich verlasse
sie ohne Abschied, denn ich könnte ihren Tränen nicht widerstehen. Nimm du dich
der Verlassenen an; tröste sie in der Not, wenn das Schicksal mich nicht zurückkehren
läßt!« In der Seele des Askanius erwachte bei diesen Worten die Liebe zum Vater
noch heftiger; er fing laut zu weinen an und versprach ihm unter Tränen alles.
Auch die Helden ergriff diese Rührung; Mnestheus zog sich die Löwenhaut von
der Schulter und warf sie dem Nisus um; Aletes tauschte mit ihm den Helm, und
Euryalus empfing aus der Hand des Julus dessen eigenes Schwert mit goldenem
Griff, die Scheide von Elfenbein.

So gewaffnet, wurden sie von allen Edeln, Jünglingen und Greisen bis ans Tor

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