Gustav Schwab - Äneas - Zweiter Teil
admin am Mrz 29th 2008
er rückwärtsgewendet seine kleine Schar und schleuderte seinen Wurfspieß durch
die Lüfte hinan. Jubelnd taten seine Genossen ein Gleiches und höhnten die feigen
Trojanerseelen, die sich hinter ihren Mauern verschanzt hielten und es nicht
wagten, ins Feld zum offenen Kampfe herabzusteigen. Indessen spähte Turnus hoch
zu Roß, den goldenen Helm mit dem roten Federbusch auf dem Haupte, ringsum die
Mauern des Lagers aus und suchte einen unbemerkten Zugang. So schnaubt ein Wolf
bei Wind und Regen die halbe Nacht hindurch um den vollen Schafstall herum und
ergrimmt über das Blöken der Schafe und Lämmer, die drinnen in Sicherheit sitzen.
Endlich fiel ihm die Flotte ins Auge, die, ganz von Dämmen und Wellen umgeben,
sich geborgen an die eine Seite des Lagers lehnte. Jauchzend ermahnte er seine
Freunde, diese in Brand zu stecken, ergriff selbst zuerst die flammende Fackel,
und sofort bewehrte sich die gesamte Jugend des allmählich nachgerückten Heeres
mit Feuerbränden, die von den Herden der benachbarten Hütten geraubt worden
waren. Und unfehlbar wäre nun die Flotte der Trojaner verbrannt worden, wenn
nicht ein göttliches Wunder das Feuer von den Schiffen abgewendet hätte. Schon
damals nämlich, als Äneas am Fuße des Idagebirges die Flotte zimmerte, die ihn
in das fremde Land tragen sollte, flehte Cybele, die Mutter aller Götter, zum
allmächtigen Zeus: »Sohn, gib mir, was ich von dir verlange! Ich habe dem dardanischen
Manne, der einer Flotte bedurfte, willig meinen schönen Hain von Ahornbäumen
und Kiefern fällen lassen. Nun aber ängstet mich die Sorge, meine geliebten
Bäume, zu Schiffen umgewandelt, möchten ein Raub der Stürme werden. Darum erhöre
meine Bitte, laß es dem Holz zugute kommen, daß es auf dem Ida gewachsen ist,
und schütze die Schiffe vor aller Gefahr.« »Das kann ich nicht«, erwiderte Jupiter,
»ich vermag dem von sterblichen Händen Erbauten nicht Unsterblichkeit auf Erden
zu verleihen; doch was ich für sie tun kann, das will ich. Soviel ihrer, ausgedient,
das Ziel und den Hafen Ausoniens erreichen, die will ich von der sterblichen
Form befreien, und wie die Töchter des Nereus sollen sie als Göttinnen des Meeres
ein seliges Leben in den Fluten führen.«
Dies Wort ging jetzt in Erfüllung. Als Turnus den Brand in die Schiffe werfen
wollte, verbreitete sich von Morgen her ein Strahlengewölk über den Himmel,
und ein grauenvoller Schall aus den Lüften durchlief die Scharen der Trojaner
und Rutuler. »Bemühet euch nicht so ängstlich«, rief es, »ihr Trojaner, meine
Schiffe zu schirmen. Eher wird Turnus das Meer verbrennen als sie! Ihr aber,
Schiffe, schwimmst erlöst dahin, seid Meeresgöttinnen; die Mutter der Götter
will es so!« Bei diesem Worte wurden die Schiffe plötzlich lebendig, zerrissen
jedes seine Seile, mit welchen sie angebunden waren, tauchten mit den Schnäbeln
wie Delphine ins Meer unter und schwammen, wieder aufgetaucht, in Gestalt schöner
Jungfrauen durch die Meeresflut. Entsetzen ergriff die Rutuler. Messapus, ihr
vorderster Führer, schreckte mit scheuem Gespann auf seinem Wagen zusammen,
ja der Tiberstrom selbst zog sich mit seinen Wellen schaudernd vom Meere zurück.
Nur der tollkühne Turnus ließ die Hoffnung noch nicht fahren. »Merket ihr nicht,
Freunde«, sprach er, »daß dieses Wunder allein gegen die Trojaner gerichtet
ist? Jupiter selbst hat ihnen ihre Hilfe entrissen; alle Hoffnung zur Heimkehr
ist ihnen mit der Verwandlung ihrer Schiffe abgeschnitten, und die Rutuler brauchen
keine Feuerbrände mehr! Das Land aber ist in unsern Händen. Tausende in ganz
Italien waffnen sich für uns. Mich ängstigen keine Göttersprüche und Verheißungen,
deren sie sich rühmen. Auch mir ist mein Schicksal bestimmt, und es lautet auf
Vertilgung dieses verruchten Geschlechtes mit dem Schwerte!«
Auch mit der Tat blieb Turnus so unverdrossen wie mit dem Worte. Dem Messapus
wurde das Geschäft übertragen, die Tore mit Kriegern zu umstellen und die Wälle
rings mit Feuern zu umzingeln, und unter ihm versahen, von vierzehn auserlesenen
Hauptleuten befehligt, je hundert Jünglinge, schimmernd von Gold und mit rotbebuschten
Helmen, den Dienst. Diese machten einander ablösend die Runde, und die Feiernden
lagerten sich ins Gras und taten sich beim Weinkruge gütlich. Die Trojaner von
ihren Wällen herab schauten dieses und hielten die Zinnen aufs vorsichtigste
mit Bewaffneten besetzt. Nicht ohne Besorgnis umwandelten sie die Tore, versahen
die Bollwerke mit Brücken und brachten den nötigen Vorrat von Geschossen herbei.
Das Ganze leitete Mnestheus und Serestus, welche Äneas vor seiner Abfahrt über
das Lager gesetzt hatte. Und so wachte denn das ganze Heer innerhalb der Lagermauern.
Nisus und Euryalus
Unter dem trojanischen Heere befanden sich zwei kühne Jünglinge: Nisus und
Euryalus. Nisus, ein Sohn des Hyrtakus, einer der besten Speerwerfer und Pfeilschützen,
hatte sich aus dem Idagebirge an die auswandernden Helden angeschlossen. Euryalus
war der schönste unter allen teukrischen Knaben, und der erste Flaum der Jugend
sproßte ihm um die Wangen. Beide waren durch die innigste Freundschaft verbunden,
stürzten sich immer zusammen in die Schlacht und hüteten auch jetzt eines der
Tore, nebeneinander Wache haltend. »Ich möchte doch wissen«, fing da zuerst
Nisus an, »ob die Götter uns diese Tatenlust in der Seele aufwecken oder ob
seine blinde Begier einem jeden der Gott ist! Mir ist diese träge Ruhe lästig,
und schon lange treibt mich der Geist, etwas Rechtes zu unternehmen. Sieh, wie
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