Gustav Schwab - Äneas - Zweiter Teil
admin am Mrz 29th 2008
das ein gelbes Löwenfell bedeckte und dessen Klauen vergoldet waren. Dann ergriff
Euander die Hand seines abziehenden Sohnes, drückte sie an die Brust und sprach
unter Tränen: »Ach, daß mir Jupiter die vergangenen Lebensjahre zurückbrächte
und ich wäre, wie ich einst unter Pränestes Mauern war, als ich den König Herilus,
der drei Leben von seiner Mutter, der Nymphe, mitbekommen hatte, dreimal in
den Orkus hinabschickte, bis er nicht mehr wiederkam! Jetzt kann ich nichts
als dich und unsern Freund den Göttern empfehlen; mögen sie mich erhören, mögen
sie dir fröhliche Wiederkehr bereiten! Möge mir kein Schreckensbote je das Ohr
verwunden!« Mit diesem Abschiede sank der greise Vater zusammen und wurde von
den Dienern in die Wohnung zurückgetragen.
Die Reiter aber zogen aus den offenen Toren, mit ihnen Äneas und ein Teil der
trojanischen Mannschaft; den andern hatte der Held mit den Schiffen auf dem
Strome zurückgehen lassen. Als sie in einem entlegenen Tale zwischen finsteren
Tannenwaldungen angekommen waren und, vom langen Zuge ermüdet, ihrer Rosse und
der eigenen Leiber pflegten und Äneas an einem kühlenden Waldwasser, abgesondert
von der ganzen übrigen Schar, unter einer Eiche sich gelagert, ersah seine Mutter
Venus den günstigen Augenblick, senkte sich mit den frischgeschmiedeten Waffen
aus dem Gewölke des Äthers hernieder, legte sie dem Sohne zu Füßen, machte sich
diesem sichtbar und sprach: »Schau her, Kind, welch ein Geschenk dir die Gunst
meines Gemahls bereitet hat. Jetzt darfst du dich nicht mehr besinnen, die stolzesten
Laurenter, ja den wilden Rutuler Turnus selbst zum Kampfe herauszufordern.«
Äneas staunte. Beseligt von der Gegenwart seiner göttlichen Mutter und der Pracht
der Gabe, konnte er sich an dem funkelnden Waffengeschmeide gar nicht satt sehen
und wendete bald den buschigen Helm, bald das gediegene Schwert, bald den Erzpanzer,
der rötlich wie Blut oder wie die Sonne durch Wolken strahlend glühte, bald
die goldenen Beinschienen und den schlanken Speer in seinen Händen um. Am längsten
aber verweilten seine Blicke auf dem kunstreichen, mit unerschöpflichem Bilderschmuck
in erhabener Arbeit übersäeten Schild. Auf diesem hatte der Gott des Feuers
eine ganze Reihe von Begebenheiten abgebildet, in welche sich Äneas vergebens
mit seiner Beschauung vertiefte, denn es waren die Schicksale und Triumphe der
Römer, des Volkes, das erst in später Zukunft dem Stamme seines Sohnes Julus
entsprießen sollte. In der Mitte des Schildes war eine Wölfin abgebildet, welcher
Zwillingsknaben am Euter hingen, zu denen sie liebkosend ihren Hals zurückbeugte
und die sie mit der Zunge beleckte. Jeder Knabe aus unserer Zeit hätte dem Äneas
sagen können, daß die Kinder Romulus und Remus hießen. Dann war eine Stadt abgebildet,
wo im hohen Theater von kräftigen Männerhänden Frauen als ein Raub davongetragen
wurden: es war Rom und der Raub der Sabinerinnen; dann vor Jupiters Altar zwei
bewaffnete Herrscher mit Sühnopfern und mit Bundesschalen in der Hand: Romulus
und Tatius. Nicht ferne davon schleifte ein König mit seinem Viergespann einen
Verbrecher zu Tode: Tullus Hostilius den falschen Mettius. Auf einer halbabgebrochenen
Brücke stand einäugig ein Verteidiger, und durch den Strom schwamm eine Jungfrau,
indes ein zorniger Kriegerkönig am jenseitigen Ufer thronte: es waren Kokles,
Klölia und Porsenna der Etrusker. Auf einer hohen Burg mit Palästen und Tempeln
stand ein bewaffneter Wächter, und silberne Gänse flatterten durch goldene Hallen,
während am Fuße des Berges Barbaren auf der Lauer standen: Manlius und Gallier.
Und so kam eine Geschichte um die andere, bis auf Catilina, Cato, Cäsar und
Augustus herab. Unkundig aller dieser Dinge, freute sich Äneas des Schildes,
wie ein Kind sich des Bilderbuches freut; dann kleidete er sich in die himmlischen
Waffen, faßte den Schild mit der Linken, und im Gefühle hohen Götterschutzes
mischte er sich wieder in den Zug der Seinigen.
Turnus beim Lager der Trojaner
Während dies in Tuscien vorging, schickte Juno, deren Groll gegen Äneas doch
noch nicht gedämpft war, ihre Botin Iris zu dem Rutuler Turnus. Diese meldete
dem Anführer der Feinde, daß Äneas sein Lager, seine Genossen, seine Flotte
verlassen und sich nach dem Reich Euanders gewendet habe, und befahl ihm, das
trojanische Lager zu stürmen. Turnus folgte auf der Stelle dem Ruf. Der Held
Messapus voran, Tyrrhus und seine Söhne in der Hinterhut, mit dem Kerne des
Heeres Turnus selbst, zogen sie durchs offene Feld nach dem Gestade der Tiber.
Plötzlich sah Kaïkus, der Wächter der vordersten trojanischen Warte, ein dunkles
Staubgewölke vom Felde wirbelnd aufsteigen. »Brüder«, rief er rückwärtsgewendet,
»es verfinstert ein nahender Schwarm die Luft; Waffen herbei; schnell auf die
Lagermauern; der Feind ist da!« Auf diese Nachricht stürzten die auf dem Felde
zerstreuten Trojaner durch alle Tore ins Lager zurück und sammelten sich, wie
es Äneas für unvorhergesehene Fälle scheidend befohlen hatte, auf den Schanzen
und Mauern, obgleich sie Scham und Zorn viel mehr zum offenen Gefechte getrieben
hätte. Sie sperrten also die Tore und vollzogen in allem die Gebote ihres Führers,
indem sie den Feind auf den Zinnen und in den hohlen Türmen erwarteten.
Turnus aber eilte dem Heere, das ihm zu langsam vorwärts ging, mit zwanzig
auserlesenen Reitern voran und erschien, auf einem thrakischen gefleckten Schimmel,
unvermutet vor den Mauern des Lagers. »Wer wagt sich zuerst an den Feind?« fragte
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