Gustav Schwab - Äneas - Zweiter Teil

admin am Mrz 29th 2008

bitten.« Als Pallas den großen Trojanernamen hörte, staunte er und rief in freudiger
Bestürzung: »Willkommen, Gast, wer du auch seiest, tritt immerhin vor meinen
Vater und nimm in unserer Wohnung fürlieb!«

Pallas hatte den Ausgestiegenen mit traulichem Handschlage begrüßt, und bald
wiederholte der Held sein Gesuch vor dem Könige der Arkadier, ohne jedoch sich
selbst zu nennen. Jener aber hatte Augen, Angesicht und Gestalt des Redenden
lang mit Schärfe gemustert und erwiderte endlich: »Wie gern nehme ich dich auf,
tapferer Sohn Trojas; dein Geschlecht, dein Name verbirgt sich mir nicht. Wort,
Stimme und Gestalt deines großen Vaters Anchises steigt wieder in meiner Seele
auf; wohl entsinne ich mich noch des Fürsten Priamus, als er, mit seinen Helden
auf der Fahrt gen Salamis, das Reich seiner Schwester Hesione, der Gemahlin
Telamons, zu besuchen, auch durch unser Arkadien gezogen kam. Mir sproßte damals
der erste Flaum um die jungen Wangen, und mit Ehrfurcht betrachtete ich den
König und die Häupter seines Volkes, vor allen aber den herrlichen Anchises.
Ich konnte mein Verlangen nicht bezähmen, ihn anzureden und ihm meine Rechte
darzubieten. Er folgte mir als Gastfreund in unsere Wohnung, und beim Abschied
verehrte er mir Köcher und Pfeile, ein golddurchwirktes Kriegsgewand und zwei
vergoldete Zäume, herrliche Gaben, die jetzt mein Sohn Pallas besitzt. Darum
dürfet ihr euch zum voraus als meine Verbündeten betrachten, und morgen frühe
schon sollt ihr, verstärkt durch unsern Beistand, nach eurem Lager zurückkehren.
Unterdessen begehet mit uns dieses schöne Jahresfest, das wir nicht verschieben
dürfen.« So sprach er, hieß die aufgeräumten Becher und Speisen wieder zurückbringen
und die Trojaner auf den Rasenbänken Platz nehmen, den Äneas selbst aber führte
er zu einem herrlichen gepolsterten Sessel aus Ahorn, über den ein zottiges
Löwenfell gebreitet war. Der Priester des Altares und auserlesene Jünglinge
brachten geröstete Stücke der Stiere herbei, häuften das Brot in Körben auf
und reichten um die Wette Wein herum.

Den reichlichen Schmaus würzte der König Euander mit einer schönen Erzählung
von der Veranlassung dieses Opfers, indem er mit den Fingern seinen Gästen eine
Felsenkluft wies, in welcher der gräßliche Halbmensch Kakus, der Sohn des Vulkanus,
gehaust, der dem Herkules die erbeutete Rinderherde des Riesen Geryones stahl
und von jenem bezwungen wurde. Für den Sieg über dieses Untier brachten die
dankbaren Arkadier noch immer dem Herkules als Schutzgott der Gegend ein Jahresopfer
dar.

Über dieser Erzählung war der Abend herangerückt, und nach vollendetem Opfer
begaben sich alle in die Stadt. Diese war nur klein; wer hätte ahnen können,
daß einst die Weltstadt Rom an ihrer Stelle stehen sollte? denn die Arkadier
waren ein ländliches Hirtenvolk und hatten aus ihrer Heimat keine Schätze mitgebracht.
Aber Mut und nervige Arme konnten sie den Trojanern zum Beistand anbieten. Deswegen
gefiel es dem Äneas doch in dem Hause Euanders, das mehr einer Hütte denn einem
Palaste glich, und er sank auf einem weichen Blätterlager, über welches das
zottige Fell eines Bären gebreitet war, in sanften Schlummer.

Der Schild des Äneas

Mittlerweile ging Vulkanus, von seiner Gattin Venus durch Bitten getrieben,
in die Ätnakluft der Zyklopen, die Waffen des Äneas, die ihm den Sieg über die
Latiner verschaffen sollten, zu schmieden. Er nahte sich der donnernden Höhle,
die ganz von Feueressen durchflammt war. Gewaltige Schläge auf den Amboß stöhnten
widerhallend weit hinaus in die Ferne, im Gewölbe sprühten zischende Stahlschlacken,
und aus den Öfen atmete unaufhörliche Glut. Dort in der weiten Kluft schmiedeten
das Eisen Tag und Nacht hindurch, mit aufgestülpten Ärmeln, die rußigen Zyklopen,
Brontes, Steropes und Pyrakmon, mit unzähligen Knechten. Die einen waren gerade
an einem halbfertigen Blitzstrahl, der mit zwölf Zacken geschmiedet wurde, und
sie schweißten eben die drei Hagelspitzen, die drei Regenspitzen, die drei Glutspitzen
und die drei Sturmwindspitzen daran und mischten Flamme, Donnergeroll und Entsetzen
darunter. Die andern verfertigten dem Mars Räder und Wagen, wieder andere aus
Gold und Drachenschuppen den glatten Ägisschild der Minerva mit dem Medusenhaupte.

»Weg mit allem«, rief Vulkanus, in die Höhle tretend, »auf anderes eure Gedanken
gerichtet, ihr Zyklopen! Dem tapfersten Manne sollt ihr jetzt seine Kriegswaffen
schmieden; da gilt es Kraft, Kunst und Erfahrung: ans Werk ohne Verzug!« Die
Zyklopen kannten schon die kurzangebundene Weise ihres Herrn und machten sich
rasch an die Arbeit. Bald floß das Erz und Gold in Bächen; in den Öfen zerschmolz
der Stahl. Ein gewaltiger Schild wurde geformt und Scheiben auf Scheiben siebenfach
geschmiedet; einige setzten die Blasbälge in Bewegung; andere verkühlten das
zischende Erz im Löschtroge. Dann wurde die Masse mit der Zange umgedreht, und
die Hämmernden schwangen die Arme im Takt und schlugen auf den Amboß, daß die
Höhle schmetterte. -

Am andern Morgen übergab der greise Euander, der nicht selbst mit in den Krieg
ziehen konnte, vierhundert arkadische Reiter, dazu den Trost und die Hoffnung
seines Alters, seinen eigenen Sohn Pallas, dem scheidenden Gastfreunde und beschenkte
noch außerdem alle Trojaner mit Rossen, den Äneas selbst mit dem herrlichsten,

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