Gustav Schwab - Äneas - Zweiter Teil
admin am Mrz 29th 2008
Pferden daher, die Ebenen glänzten von Gold und Eisen, von Panzer und Schwert.
Aus allen Städten Hesperiens kamen die ersten Sprößlinge der alten Heldengeschlechter
hervor, deren Ahnen zum Teile Götter und Göttersöhne waren. Unter den ersten
schritt in männlicher Schönheit Turnus voran, seine herrlichen Waffen in der
Hand, um einen ganzen Scheitel über die andern hervorragend. Ein dreifacher
Busch wehte von seinem Helm, auf dessen Kuppel die glutatmende Chimära abgebildet
war; auf seinem Schilde war in getriebener Arbeit Io abgebildet, wie sie eben
zur Kuh wird, ihr Hüter Argus und ihr Vater Inachus, der den Strom aus der Urne
gießt. Hinter Turnus und seinen Helden drängten sich die Latiner und Rutuler,
Aurunker, Sikaner und eine Menge ausonischer Völkerschaften; beschildete Fußgänger,
vor allen Mezentius mit seinem Sohne Lausus, Aventinus, der Sohn des Herkules
und der Rhea, Katillus und Koras, die Brüder des Tiburtus aus Tibur, und viele
andere; dann kam die Reiterei der Volsker, schimmernd in Erzpanzern, geführt
von ihrer jungfräulichen Fürstin Kamilla. Diese hatte ihre weiblichen Hände
nie an Minervas Rocken und Webstuhl gewöhnt, im rauhen Männerkampfe war sie
aufgewachsen, auf ihrem flüchtigen Rosse hatte sie mit den Winden in die Wette
laufen gelernt; sie flog so luftig dahin, daß sie über die Saatflur gesprengt
wäre, ohne ein Hälmchen zu rühren, ohne eine Ähre zu knicken, und über die Meerflut,
ohne die Sohlen zu netzen. Alt und jung blickte ihr verwundert nach, wie sie
mit ihrer Schar durch Städte und Dörfer zog, den königlichen Purpur über die
runden Schultern geworfen, das reiche Haar mit einer goldnen Nadel aufgebunden,
Köcher und Bogen auf der Achsel und die scharfe Lanze in der Hand.
Diese gewaltigen Kriegsrüstungen erfüllten den Äneas und seine Trojaner mit
schweren Sorgen. Da erschien jenem im Traume der Flußgott Tiberinus und stieg
in meerblauem Kleide, die Haare mit einem Schilfkranze beschattet, zwischen
Pappelstauden in Greisengestalt aus dem Strom empor. »Göttlicher Held«, sprach
er, »verzage nicht! Der Groll der Himmlischen gegen dich ist verschwunden. Damit
du nicht wähnest, ein nichtiges Traumbild zu schauen, will ich dir ein Zeichen
sagen. Unter den Eichen des Ufers wirst du ein großes Mutterschwein liegend
finden, das dreißig Frischlinge geboren hat: dort ist die Stelle, wo nach dreißig
Jahren dein Sohn Askanius die verheißene Stadt Alba, Roms Mutterstadt, gründen
wird. Für jetzt aber merke, wie du dich gegen die Gefahr zu schützen hast, die
dich bedroht. Nicht weit von hier, im Tuskerlande, haben sich arkadische Pelasger,
vom alten Könige Pallas abstammend, unter ihrem Fürsten Euander angesiedelt
und auf einem hohen Hügel die Stadt Pallanteum nach dem Namen ihres Ahnherrn
gegründet. Ob es gleich Griechen sind, so darfst du sie doch nicht scheuen,
denn es sind unversöhnliche Feinde des Latinervolks. Mit diesen sollst du dich
verbünden, und sie werden deine Kampfgenossen werden. Opfere der Göttermutter
Juno, sobald du erwachst, und überwinde ihren Zorn durch Demut. Alsdann begib
sich auf den Weg zu Euander.«
Der Gott verschwand, und der erwachte Äneas befolgte seinen Rat. Zwei Schiffe
wurden aus der Flotte ausgewählt und mit auserlesenen Freunden bemannt. Noch
ehe der Held mit ihnen abging, erfüllte sich das verkündigte Zeichen. Am Saume
des Waldes, unter einer mächtigen Eiche, schneeweiß schimmernd, erblickte man
ein Schwein mit dreißig Jungen. Der Mahnung des Stromgottes eingedenk, opferte
Äneas die Mutter und ihre ganze Zucht der mächtigen Göttin Juno und versöhnte
durch ein so herrliches Opfer ihr grollendes Herz. Dann schiffte er sich auf
der Tiber ein, die, von dem Flußgotte gebändigt, glatt und eben dalag wie der
Spiegel eines Landsees. Die Wellen selbst staunten und der Uferwald wunderte
sich, als sie bunte Verdecke und Männer mit hellen Schilden den Strom fast ohne
Ruderschlag heraufziehen sahen. Jene aber fuhren Tag und Nacht durch lange Krümmungen
zwischen grünenden Hainen auf dem spiegelhellen Wasser dahin. Endlich am andern
Morgen sahen sie von ferne Mauern, Häuser und eine Burg auf hohem Berge schimmern.
Sogleich drehten sich ihre Schiffschnäbel dem Lande zu, wo der Berg, auf welchem
die Stadt Pallanteum gelegen war, sich mit seinem Fuße in den Fluß verlor.
Es war gerade der Tag, an welchem der Arkadierkönig Euander, seinen Sohn Pallas
an der Seite, mit dem Kleinen Rate seiner Stadt und den angesehensten Jünglingen
in einem benachbarten Haine dem Herkules ein feierliches Opfer darbrachte. Der
Weihrauch und das Blut dampfte auf den Altären, und das Opfermahl hatte schon
begonnen. Als nun die Arkadier die hohen Schiffe zwischen den dunkeln Uferwäldern
unter leisem Ruderschlage herbeischwimmen sahen, erschraken sie vor dem plötzlichen
Anblicke und wollten den Schmaus verlassen. Doch der mutige Jüngling Pallas
verbot ihnen, das Fest zu unterbrechen; er selbst ergriff seine Lanze, flog
den Fremden entgegen und rief noch vom Hügel hinab: »Was führte euch auf diese
ungewohnte Bahn, ihr Männer, woher seid ihr? Wohin trachtet ihr? Bringet ihr
uns Krieg oder Frieden?« Äneas antwortete von dem hohen Verdecke seines Schiffes,
indem er das Zeichen des Friedens, den Olivenzweig, hoch in der ausgestreckten
Rechten hielt: »Trojaner siehest du, Jüngling; Männer, zum Kampfe mit den Latinern
gerüstet, welche uns Flüchtlinge mit Waffengewalt aus ihrem Lande vertreiben
wollen. Wir kommen zum Könige Euander, um ihn um sein Bündnis und um Hilfe zu
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