Gustav Schwab - Äneas - Zweiter Teil
admin am Mrz 29th 2008
aufhüpft. Sobald der Morgen angebrochen war, beschickte er die Häuptlinge seines
Volkes und hieß sie zu den Waffen gegen den treulosen König Latinus greifen
und sich zum Kampf gegen beide, Latiner und Trojaner, rüsten.
Während so Turnus den Mut seiner Landsleute stachelte, flog die Furie zuletzt
auch noch an den Tiberstrand, wo Julus mit seinen Begleitern in den dichten
Uferwäldern eben dem Wild auf die Jagd nachging. Hier beseelte Alekto die Spürhunde
mit plötzlicher Wut, berührte ihre Nasen mit dem bekannten Geruch und jagte
sie ganz hitzig einem Hirsche nach. Dieses Wild war besonders herrlich und von
Geweihen hoch; die Knaben des Tyrrhus, welcher der Oberhirte über die Herden
des Königs Latinus war, hüteten sein, denn es war vom Euter seiner Mutter weggenommen
und in den Wäldern des Königs aufgefüttert worden. Die Tochter des Tyrrhus,
Silvia, hatte das Tier ganz an ihre Befehle gewöhnt, sie kämmte es, wusch es
in lauterer Waldquelle und schmückte seine Hörner mit weichen Blumenkränzen;
es ließ sich willig von ihr streicheln, war an den Tisch seines Herrn gewöhnt,
irrte frei in den Wäldern umher und stellte sich jeden Abend freiwillig in der
Wohnung des königlichen Hüters.
Auf die Spur dieses schönen zahmen Hirsches führte die Furie des Askanius Rüden,
während das Tier eben den heißen Ufersand, nach Kühlung begehrend, verlassen
hatte und den Tiberstrom hinabschwamm. Askanius faßte das herrliche Wild ins
Auge, drückte den Pfeil vom Bogen ab und sandte ihn tief in das Gedärme des
Hirsches. Der Verwundete fuhr aus dem Wasser, kam blutig zum wohlbekannten Hause
seines Herrn, schleppte sich ächzend in den Stall und erfüllte wie ein um Mitleid
Flehender das ganze Haus mit Gewinsel an. Jammernd entdeckte zuerst Silvia ihren
Liebling und rief mit lautem Geschrei die Bauern der Umgegend zu Hilfe. Diese
kamen mit angebrannten Pfählen und Keulen bewaffnet, Tyrrhus selbst rief seinen
Gesellen herzu, der just eine stämmige Eiche mit dem Beil spaltete; und als
Alekto den rechten Zeitpunkt ersehen, stellte sie sich auf den Giebel des Hofgebäudes
und ließ durch das gewundene Horn den lauten Hirtenruf in die Gegend hinaustönen.
Von allen Seiten strömte jetzt tobendes Bauernvolk herbei, aber auch dem Askanius
kam die trojanische Mannschaft zu Hilfe. Bald waren es auf der andern Seite
auch nicht mehr bloß mit Prügeln bewaffnete Haufen. Es hatten sich zwei ordentliche
Schlachtreihen gebildet; Schwerter wurden gezogen, Bogen gespannt.
Der erste Pfeilschuß von seiten der jagenden Trojaner, die sich gegen die anstürmenden
Feinde zur Wehr setzten, traf den ältesten Sohn des Tyrrhus, Almo, in die Kehle,
daß ihm Stimme und Leben zugleich schwand. Nun begann ein allgemeines Gemetzel
unter den Hirten. Der ehrlichste und begütertste Bauer in ganz Latium, der alte
Galäsus, der fünf Rinder- und fünf Schafherden besaß und hundert Pflüge über
seine Äcker gehen hatte, war aus den Scharen des Bauernvolkes hervorgetreten,
um den Frieden zu vermitteln; aber er wurde nicht angehört, und ein Pfeilregen
bedeckte ihn, unter dem er sterbend erlag. Jetzt stürzten die überwältigten
Hirten aus dem Kampfe in die Stadt und trugen ihre Erschlagenen, den Almo, den
Galäsus und viele andere, wehklagend durch die Tore. Sie riefen die Götter laut
um Hilfe an, eilten auf den Königspalast zu und versammelten sich um Latinus,
ihren Herrn.
Auch Turnus fand sich schreiend und tobend ein, mit der lauten Anklage, daß
die Herrschaft des Landes an die Trojaner verraten werde. So umringten sie alle,
in Klagen und Lärm wetteifernd, die Königsburg des Alten. Dieser aber stand
unbeweglich wie ein Fels im Meere. Dennoch vermochte er dem blinden Toben in
die Länge nicht Widerstand zu leisten. »Wehe mir«, rief er endlich, »ich fühl
es wohl, uns reißt der Sturm fort! Armes Volk, du wirst, gegen den Willen der
Götter kämpfend, diesen Frevel mit deinem eigenen Blute büßen! Auch du, Turnus,
wirst dem Strafgerichte des Himmels nicht entgehen! Ich aber glaubte schon im
Hafen zu sein und hoffte in Ruhe zu enden, nun gönnt ihr mir nicht einmal einen
friedlichen Tod!«
Der Götterkönigin Juno, der Feindin Trojas, dauerte der Verzug zu lange. In
der Latinerstadt stand ein Tempel des Krieges mit zwiefachen Pfosten, von hundert
ehernen Riegeln verschlossen; sein Hüter ist Janus, der uralte Städtegott der
Latiner. Wenn die Häupter des Volkes blutigen Kampf auf Leben und Tod beschließen,
so öffnet der König selbst im feierlichen Kriegsgewande die knarrenden Pfosten.
Dieses zu tun ermahnte das Volk jetzt auch seinen König Latinus; er aber weigerte
sich dieses gräßlichen Dienstes und verbarg sich in die tiefste Einsamkeit seines
Palastes. Da schwang sich Juno selbst vom Himmel hernieder, stieß mit eigener
Götterhand an die widerstrebenden Pfosten, drehte die Angeln, und donnernd fuhren
die ehernen Pforten des Kriegstempels auseinander.
Ausbruch des Krieges. Äneas sucht bei Euander Hilfe
Ganz Italien, so ruhig und friedsam es vorher war, geriet in plötzlichen Brand.
In allen Häusern wurden die Schilde geglättet, die Speere gespitzt, die Äxte
am Schleifstein gewetzt; die Trompeten riefen zum Marsche, die Fahnen flatterten.
Alle Männer griffen zu den Waffen, die einen zogen zu Fuß ins Feld, die andern
wirbelten hoch zu Rosse den Staub des Weges auf, Streitwagen flogen hinter schnaubenden
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