Gustav Schwab - Äneas - Zweiter Teil

admin am Mrz 29th 2008

sei.

Am Tibergestade streckte sich der gelandete Äneas mit seinem Sohne Julus und
den übrigen Trojanerfürsten unter einem hohen, schattigen Baume nieder und bereitete
ein Mahl. In der Eile nahmen sie sich nicht einmal die Mühe, das Geräte aus
den Schiffen herbeizuholen, sondern sie buken breite Weizenkuchen, die ihnen
statt der Tische und Teller dienten und auf welchen sie die Speisen ausbreiteten.
Als der kleine Vorrat, den sie mit zu Lande gebracht, verzehrt und ihr Hunger
noch nicht gestillt war, ergriffen sie Teller und Tische von Weizenmehl und
bissen rüstig ein. Da sagte der kleine Julus lachend: »Wir verzehren ja unsere
eigenen Tische!« Dieser Scherz fiel allen mit schwerem, entscheidendem Gewicht
ins Ohr. Freudig sprang Äneas vom Boden auf und rief. »Heil dir, du fremdes
Land! Du bist’s, das mir vom Geschicke verheißene! Auf heitre Weise wird erfüllt,
was uns die Harpyie Celäno als etwas Entsetzliches prophezeit hatte. Der Hunger
werde uns an unbekannten Gestaden, so krächzte sie, nötigen, die eigenen Tische
zu verzehren. Wohlan denn, es ist geschehen, der Spruch hat sich erfüllt, von
dem auch mein Vater Anchises mir geweissagt hatte. ›Wenn dieses geschieht‹,
sprach er, ›dann ist das Ende der Mühseligkeiten da, dann bauet Häuser!‹«

Jetzt erkundigten sich die Fremdlinge, welche das fruchtbare Land durchstreifend
bald auf Wohnungen stießen, nach dem Volk und Könige des Landes, und schnell
ward eine Gesandtschaft an Latinus, den König der Laurenter, beschlossen.

Lavinia dem Äneas zugesagt

Der Sohn des Anchises wählte aus allen Schiffen des Geschwaders die ausgezeichnetsten
Männer, hundert an der Zahl, als Redner oder Gesandte, die an den Laurenterkönig
abgeschickt werden sollten. Diese traten, bebänderte Ölzweige, gleich Schutzflehenden,
in den Händen, die Reise an und gelangten bald in die Stadt der Latiner. Vor
der Stadt tummelte sich die Jugend Latiums zu Wagen und zu Roß, andere vergnügten
sich mit Wurfspießwerfen und Bogenschießen, mit Faustkampf und Wettrennen. Als
nun die fremden Gesandten kamen, eilte ein Bote zu Pferd in die Stadt voran
und brachte dem alten Könige die unerwartete Botschaft, daß eine Schar großer,
herrlicher Männer friedlich herannahe. Dieser befahl sogleich, sie in seine
Wohnung zu rufen und versammelte alle die Seinigen um den Thron seiner Ahnen.

Der Palast des Königs war groß und herrlich, in der obersten Burg der Stadt
gelegen. Hundert Säulen trugen ihn, und ein heiliger Hain umringte ihn mit hohen,
Ehrfurcht gebietenden Bäumen. Im Innern desselben saß auf einem erhöhten Throne
Latinus und beschied die Trojaner vor sich. Als sie eingetreten waren, sprach
er mit freundlichem Angesichte: »Euer Geschlecht ist mir nicht unbekannt, ihr
Dardaniden, und ihr waret mir verkündiget, noch als ihr lang auf dem Meere umherirrtet.
Möget ihr nun durch Stürme hieher verschlagen oder absichtlich gekommen sein:
wisset, daß ihr an keiner ungastlichen Küste gelandet seid. Verkennet in uns
Latinern nicht das harmlose Geschlecht des Saturnus, das ohne Zwang und Gesetz
Billigkeit übt und den alten frommen Gebräuchen des Gottes mit edler Freiheit
folgt! Auch erinnere ich mich wohl noch, obgleich die Sage durch viele Jahrhunderte
verdunkelt ist, daß euer Ahnherr Dardanus aus dieser unserer Gegend abstammen
solle.«

Ihm erwiderte Ilioneus, der von allen zum Sprecher ausersehen war: »Kein Orkan
hat uns an dein Gestade genötigt, erhabener Sohn des Faunus, kein Gestirn hat
uns in der Richtung des Weges getäuscht! Mit freiem Willen erreichten wir dein
Ufer, und bewußte Absicht hat uns an dasselbe geführt. Wir sind aus einem herrlichen
Reiche vertrieben worden, und der Erzvater unseres Geschlechtes ist Jupiter
selbst. Auch unser Fürst und Anführer Äneas, der Sohn der Göttin Venus, ist
Jupiters Enkel, und er selbst ist es, der uns in deinen Palast gesendet hat.
Den Sturm, der Troja niedergerissen, kennt alle Welt; auch dir ist er nicht
unbekannt geblieben. Dieser Verwüstung sind wir entflohen und flehen euch um
einen Fleck an, wo wir die Götter unserer Heimat aufstellen können, um ein sicheres
Ufer, um Wasser und Luft, die ein gemeinsames Gut aller Sterblichen sind! Es
wird Italien nie gereuen, Troja in seinen Schoß aufgenommen zu haben. Stammt
doch Dardanus von hier und ruft uns hierher zurück. Auch trieb uns ein besonderes
Gebot der Götter, dieses Land aufzusuchen. Damit du aber erkennest, o König,
daß wir in Wahrheit diejenigen sind, für welche wir uns ausgeben, so verehrt
dir unser Führer Äneas die Geschenke, die wir für dich mitgebracht haben und
die freilich nur kleinere Überbleibsel aus Trojas Brande sind: diesen goldenen
Pokal, aus welchem der Vater unseres Helden, Anchises, sein Trankopfer zu verrichten
pflegte; dies Gewand des hohen Königs Priamus, das er trug, wenn er dem zusammengerufenen
Volke Recht sprach, endlich seinen heiligen Kopfschmuck, seinen Zepter und andere
Gewande, kunstvolle Arbeit trojanischer Frauenhände.«

Während Ilioneus sprach, hatte der alte König Latinus die Augen unbeweglich
zu Boden gesenkt wie ein tief Nachdenkender: er gab wenig auf die herrlichen
Geschenke Achtung, welche die Gesandten vor den Stufen seines Thrones ausbreiteten;
tief bewegte er in seinem Herzen den Orakelspruch seines Vaters Faunus. Auf
einmal wurde ihm klar, Äneas und kein anderer sei der verheißene Bräutigam seiner

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