Gustav Schwab - Äneas - Zweiter Teil
admin am Mrz 29th 2008
mich die Lebenslust so betören, daß ich dich statt meiner in die Hand des Feindes
rennen ließ? Muß dein Tod mein Leben sein? Wehe mir, jetzt erst wird mir die
Verbannung aus dem Etruskerlande zur unerträglichen Qual! Jetzt erst fühle ich
meine Wunde! Ist’s möglich, daß ich noch lebe, daß ich das Tageslicht und die
Menschen nicht verlasse? Aber ich will sie verlassen!« Mit diesen Worten richtete
er sich auf bis zur kranken Hüfte, und so tief die Wunde saß, verlangte er doch
sein Roß. Dies war seine Lust, dies war sein Trost: noch aus allen Gefechten
hatte es ihn siegreich zurückgetragen. Auch das Streitroß schien über den Jammer
seines Herrn zu trauern, es stand mit gesenktem Haupte da, und die Mähne floß
regungslos über den Hals. »Wir haben lange gelebt, guter Rhöbus«, redete der
wunde Held sein Pferd an, »wenn irgend etwas auf der Erde lang ist; aber heute
noch wirst du als Sieger mit mir den Lausus rächen und Haupt und Rüstung des
Mörders blutig heimtragen, oder wir fallen miteinander; denn du wirst, hoff
ich, keinen Trojaner tragen wollen!« Schnell waffnete sich der Greis, so gut
es die Wunde erlaubte, wieder; das Erz des Helmes umleuchtete sein Haupt, der
Roßschweif flatterte in den Lüften, seine Hand hielt ein Bündel Speere; so trug
ihn Schmerz, Wahnsinn und Mut hoch zu Rosse wieder in die Schlacht.
»Das gebe Jupiter und Apollo«, rief Äneas erfreut, als er den Gegner wieder
auf sich zukommen sah, »daß du den Zweikampf mit mir erneurest!« Und nun eilte
er ihm mit gehobenem Speer entgegen. Mezentius rief dagegen: »Glaubst du mich
noch schrecken zu können, nachdem du mir den Sohn entrissen hast? Ich fürchte
den Tod nicht; ich frage nach keinem Gott; sterben will ich, aber dir sende
ich zuvor diese Gabe!« Sprach’s und sandte seinen ersten Speer nach seinem Feind,
und einen zweiten und einen dritten, indem er ihn dreimal dazu mit seinem Roß
umkreiste. Äneas drehte seinen Schild nach den Würfen und fing die Geschosse,
eins um das andere, mit der goldnen Schutzwaffe auf. Dann brach er hervor und
schleuderte seine eigene Lanze dem Streitrosse des Feindes in die Schläfe. Das
Tier bäumte sich, streckte seine Vorderhufe in die Lüfte, schüttelte den Reiter
ab und deckte ihn fallend mit dem Rücken. Ein Schrei stieg aus den beiden Heeren
gen Himmel. Äneas aber flog herbei, riß das Schwert aus der Scheide und rief
höhnend: »Wo ist nun der wilde Mezentius, wohin hat sich der Trotzende verkrochen?«
»Grausamer«, seufzte der Gefallene vom Boden empor, »Spottest du mein im Tode
noch? Sterb ich doch den edlen Tod in der Schlacht! Nur um eine Gunst bitte
ich dich: gönne meinem Leib die Decke des Bodens; du weißt, daß mich wilder
Haß alter Untertanen umringt; wehre ihre Wut von mir ab, gönne mir ein Grab
mit meinem Kind!« So sprach er und reichte den Hals dem Schwerte des Feindes
dar; sein Blut strömte auf die Rüstung, und sein Leben war dahin.
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