Gustav Schwab - Äneas - Zweiter Teil

admin am Mrz 29th 2008

Turnus, der mit seinem Streitwagen das Heer durchflog, erblickte das Paar,
wie sie eben voll Kampflust aufeinander losgingen. »Halt«, rief er von seinem
Wagen herab, »ich allein will mit Pallas kämpfen, mir allein ist sein Leben
bestimmt: möchte sein Vater Euander doch zuschauen!« Verwundert richtete der
Jüngling den spähenden Blick nach der Stelle, von der herab der trotzige Ruf
erschollen war; dann maß er sich seinen neuen Gegner mit großen Augen und rief
endlich mutig zu ihm empor: »Entweder erbeute ich heute eine Feldherrnrüstung
oder einen rühmlichen Tod; beides wird mein Vater willkommen heißen, darum spare
dein Drohen!« So sprach er und schritt in die Mitte der Gasse hervor, die des
Turnus Zuruf eröffnet hatte. Auch Turnus sprang von seinem Doppelgespann, wie
ein Löwe herbeifliegt, wenn er ferne vom Berg herab einen kämpfenden Stier in
der Ebene erblickt hat. Als Pallas ihn auf Schußweite vor sich sah, schleuderte
er den Speer mit aller seiner Jugendkraft ab und riß sofort das Schwert aus
der Scheide. Der Lanzenwurf war gut gezielt, er durchbrach dem Turnus den Rand
des Schildes, seinen Riesenleib aber streifte er nur. Jetzt wiegte Turnus lange
seinen Wurfspieß mit der scharfen Eisenspitze und sprach dazu: »Nun merk auf,
ob mein Geschoß nicht besser durchdringt.« Dann flog sein Speer und fuhr dem
Jünglinge durch Schild, Panzer und Busen bis tief ins Herz. Vergebens zog dieser
den Speer noch warm aus der Wunde, die Seele entfloh mit dem strömenden Blute,
und er sank tot unter den rasselnden Waffen auf den Boden. Turnus setzte den
linken Fuß auf den Toten, löste ihm den schönen Gürtel vom Leibe, auf welchem
der Zentaurenkampf in getriebenem Golde abgebildet war. »Das Grab«, sprach er
dann, »verweigere ich dem Jüngling nicht: bringet ihn immerhin seinem Vater
Euander, ihr Arkadier!« So sprach Turnus und flog auf seinem Streitwagen zurück.
Wehklagend trugen die Arkadier ihren erschlagenen Königssohn aus der Schlacht,
und Etrusker und Trojaner, von den vordringenden Rutulern gemäht, zogen sich
ihnen in verworrener Flucht nach.

Zu Äneas, der auf einem andern Flügel des Heeres focht, kam die Botschaft vom
Weichen der Seinigen. Da raffte sich der Held mit den mutigsten Genossen auf,
brach sich mit dem Schwert eine breite Bahn durch den Feind und suchte den Turnus.
Vor seinen Augen schwebte ihm Euanders gastlicher Tisch und der holde Jüngling
Pallas, der ihm mit so vielen Vatertränen anvertraut war. Schmerz und Rachelust
erfüllten seine Heldenbrust. Vier Söhne des Sulmo, vier Söhne des Ufens griff
er lebendig aus den Feinden heraus und ließ sie aus der Schlacht führen: sie
sollten als Sühnopfer für Pallas bluten. Keinen Mann, keinen flehenden Jüngling
schonte er, der dem Rasenden in den Weg trat, welcher wie ein brausender Bergstrom
oder die nächtliche Windsbraut wütete. Zu gleicher Zeit brach der Jüngling Askanius
mit den eingeschlossenen Trojanern, den günstigen Zeitpunkt ersehend, aus dem
Lager hervor.

Turnus von Juno gerettet. Lausus und Mezentius von Äneas erschlagen

Die Rutuler wären verloren gewesen, wenn nicht Juno den Göttervater im Olymp
demütig um die Erlaubnis angefleht hätte, Turnus, ihren Führer, aus der Hand
des Äneas zu retten und der Schlacht zu entführen. »Verlangst du nur Verzug
seines Todes«, sprach Jupiter, »so mag es immerhin sein! Wenn du aber damit
das Schicksal des ganzen Krieges zu ändern vermeinst, so hegest du eine vergebliche
Hoffnung.« Weinend erwiderte Juno: »O daß dein Herz mir gewährte, was dein Mund
mir verweigert! Soll mein unschuldiger Schützling so traurig endigen? Doch ich
danke dir schon für den Aufschub; vielleicht lenket dich deine Milde doch noch
auf gnädigeren Beschluß!«

Juno, von Gewölken umgürtet, ließ sich vom Sturm durch die Lüfte tragen und
hatte bald das Lager der Laurenter erreicht. Hier schuf sie aus einer hohlen
Wolke ein wesenloses Schattenbild, das an Gestalt dem Helden Äneas täuschend
ähnlich war, bekleidete es mit einem Schatten von Panzer, Schild und Helm, der
herrlichen Rüstung des Göttersohnes nachgebildet, verlieh ihm den Schritt des
Wandelnden und, ohne seinen Geist, den Hall seiner Stimme. So flog die Gestalt
dahin wie ein Traumbild, das unsere Sinne trügt, mischte sich unter die vordersten
Reihen der Kämpfenden, reizte den Turnus mit Geschossen und forderte ihn zum
Kampfe heraus. Turnus eilte der Täuschenden entgegen und warf die Lanze nach
ihr, da wandte jene den Tritt und bot ihm den Rücken. Mit gezogenem Schwerte,
unter höhnischem Rufe, folgte Turnus und merkte nicht, daß er schon die Schlachtlinie
verlassen hatte. Zunächst am Strande lag eines der etrurischen Schiffe; dorthin
warf sich das fliehende Bild des Äneas und schien sich zagend in seine Schlupfwinkel
zu verbergen. Nicht langsamer folgte Turnus, sprang über die Brücke und faßte
Fuß auf dem Vorderverdeck. Jetzt hatte Juno ihren Zweck erreicht. Kaum hatte
Turnus den Bord berührt, so riß sie das Seil ab und ließ das Schiff von der
gerade zurückrollenden Ebbe hinaus in die See tragen.

Inzwischen tobte der rechte Äneas im Kampfe fort und begehrte umsonst nach
dem entfernten Feind. Sein Schattenbild aber verließ den Winkel, in dem es sich
geborgen, und flatterte, von Turnus ungesehen, in die Luft. Als dieser seinen
Feind nicht fand und vom Meereswirbel dahingerissen wurde, schaute er nach dem

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16

Gerne gelesen werden auch:

Allgemein Erzählungen, Sagen Märchen Romane

Geschrieben in Erzählungen, Sagen | Kein Kommentar bis jetzt

Trackback URI | Comments RSS

Schreiben Sie einen Kommentar