Gustav Schwab - Äneas - Zweiter Teil
admin am Mrz 29th 2008
verleihen!«
So sprach sie und gab im Hinuntertauchen dem Hinterverdecke des Schiffes einen
Stoß, daß es schneller als Lanzen und Pfeile durch die Wellen fuhr. Als hätten
sie Flügel, eilten dem Feldherrnschiff auch die andern Schiffe nach, und mit
dem ersten Morgenlichte hatte der Sohn des Anchises sein Lager im Angesicht.
Da gedachte er des Befehls der Nymphe; er ergriff seinen flammenden Schild,
stellte sich damit aufs Vorderverdeck, hielt ihn mit der Linken hoch in die
Lüfte und streckte ihn seinen Freunden entgegen. Wie eine Sonne, die aus den
Fluten taucht, schien er den Trojanern, die den Schiffszug vom Walle herab gewahr
wurden, entgegen. Sie erhoben ein Jubelgeschrei, und ihre Lanzenwürfe verdoppelten
sich. Die Rutuler und ihre Führer begriffen von dieser plötzlichen Begeisterung
der Feinde nichts, bis sie auf einmal hinter sich das Meer von Segeln angefüllt
und eine Flotte an den Strand laufen sahen. Da leuchtete ihnen wie ein blutroter
Komet oder wie der pestdrohende Sirius Äneas im Schmucke seiner Götterwaffen
entgegen: seine Helmkuppel strahlte wie ein Brand; Glut entströmte dem Federbusch;
die goldene Schildbuckel spie weit und breit Feuerstrahlen aus.
Dennoch verließ den tollkühnen Turnus das Selbstvertrauen nicht; er hoffte,
den landenden Feinden den Strand durch Schnelligkeit abzugewinnen und sie vom
Ufer zu verdrängen. »Die Stunde ist gekommen«, rief er den Seinen zu, »die ihr
so sehnlich herbeigewünscht habt. Jetzt könnt ihr eure Gegner zermalmen; der
Kriegsgott selbst hat sie euch in die Hand gelegt. Denkt eurer Weiber und Kinder,
setzt den Taten eurer Väter die Krone auf. Solange die Schritte der Ausgestiegenen
noch schwanken, solange sie noch straucheln, empfanget sie am Strande! Das Glück
begünstigt die Kühnen!«
Indessen wurden die landenden Trojaner und ihre Bundesgenossen aus dem Schiffe
des Äneas teils auf Brücken ans Land gesetzt, teils schwangen sie sich mit Hilfe
der Ruder an dasselbe oder ließen sich von den rückprallenden Wellen ans Ufer
tragen. Der König Tarchon aber, der mit der übrigen Flotte folgte, beschaute
sich das Ufer und ersah sich eine Stelle, wo das Meer in der Mündung des Flusses
nicht mit gebrochenen Wogen rauschte, nicht aus der Tiefe gärte, sondern sich
frei dem flachen Ufersande zuwälzte. Dorthin befahl er plötzlich die Schiffsschnäbel
zu drehen und rief seinen Genossen zu: »Jetzt, meine Freunde, rudert frisch
drauflos, bohrt euch mit den Kielen eine Furche ins Feindesland; mag das Schiff
auch scheitern, wenn es nur den Strand gewonnen hat!« Die Etrusker, wie sie
solches hörten, ruderten drauflos und trieben die beschäumten Schiffe vorwärts,
bis die Schnäbel das Trockene erreicht und alle Kiele unversehrt im Sande aufsaßen,
nur Tarchons eigenes Schiff nicht. Dieses blieb an einer schrägen Sandbank hängen,
die sich unter den Fluten hinzog; lange schwankte es und bot den Wellen Trotz.
Endlich brach das Getäfel auseinander und schüttete die ganze Ladung seiner
Männer mitten in die Flut aus, unter zerbrochene Ruder und umherwogende Balken
hinein. Nur mit Mühe rettete sich Tarchon mit den Seinigen ans Land.
Äneas und Turnus kämpfen. Turnus tötet den Pallas
Als Turnus die Feinde gelandet sah, stand er von der Belagerung ab, raffte
sein Heer in Eile zusammen, stellte es längs dem Gestade auf und ließ die Hörner
zum Angriff blasen. Auch Äneas hatte die Seinigen, Trojaner und Bundesgenossen,
geordnet, warf sich zuerst, um den Kampf spielend zu beginnen, auf die Scharen
des latinischen Hirtenvolkes und richtete unter ihnen eine große Niederlage
an. Dann wandte er sich gegen die Helden der Feinde selbst, und in erbittertem
Streite wurde bald von beiden Seiten gefochten. Heer stieß an Heer, Fuß hing
an Fuß, Mann drängte sich an Mann, und lange schwankte die Schlacht.
Seitwärts vom Hauptkampfe, wo ein Waldstrom Felsen in den Weg gewälzt und entwurzelte
Bäume am Ufer umher zerstreut hatte, kämpfte Pallas, der junge Sohn des Königs
Euander, mit seinen Arkadiern. Der unebene Boden erlaubte diesen nicht, sich
der Pferde zu bedienen, und weil sie des Fußkampfes nicht gewohnt waren, boten
sie endlich den eindringenden Latinern und Rutulern den Rücken. Nur allmählich
brachte der Zuruf ihres jungen Führers sie wieder zum Stehen. »Bei dem Ruhm
und bei den Siegen meines Vaters, bei meiner eigenen Hoffnung beschwöre ich
euch, ihr Männer«, schrie er, »haltet stand, vertraut euren Armen und nicht
euren Füßen! Wir haben keine Wahl, entweder vorwärts ins trojanische Lager oder
rückwärts in die See!« Mit diesen Worten führte er sie aufs neue gegen den Feind
und focht wie ein junger Löwe, indem er mit Lanze und Schwert bald diesen, bald
jenen niederstreckte. Nun sammelte sich die Streitkraft seiner Genossen wieder
gedrängt um ihn her, und Schritt für Schritt gewannen die Arkadier neuen Boden,
bis ihnen Lausus, der heldenmütige Sohn des Mezentius, Einhalt tat. Die Arkadier
zogen sich auf ihre Freunde, die Etrusker und Trojaner, zurück, aber unter allen
wütete der italische Held mit seinen tödlichen Streichen. Endlich sahen sich
Lausus und Pallas einander gegenüber, beide Jünglinge, an Alter wenig verschieden,
beide herrlich von Gestalt, beide frühem Tod in diesem Treffen vorbestimmt.
Doch sollte keiner von des andern Hand fallen, denn beide erwartete das Verhängnis
unter den Händen eines größeren Feindes.
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