Gustav Schwab - Äneas - Zweiter Teil
admin am Mrz 29th 2008
auch die Mutter des Euryalus nicht. Sie wurde von ihr am Webestuhl über der
Tagesarbeit getroffen. Da entrollte das Schifflein ihren Händen, sie zerraufte
sich das Haar, sie rannte nach dem Walle in die vordersten Reihen der Streiter,
keine Gefahr achtend, und brach in ein Klagegeheul aus, daß es die festesten
Krieger erschütterte. Unter vielen Tränen befahl endlich Julus und mit ihm der
weise Ilioneus zwei alten Helden, sie aus den Reihen der Männer hinwegzuziehen
und unter ihren Armen in die Wohnung zu geleiten.
Sturm des Turnus abgeschlagen
Schmetternd ertönten die Trompeten der Rutuler. Ein Schrei erhub sich in dem
ganzen Lager, und der Widerhall von den Bergen antwortete. Von allen Seiten
stürmten die Feinde heran, rückten unter den Schilddächern vor, mühten sich,
die Gräben auszufüllen und die Schanzen einzureißen, und schon legten sie an
den Stellen, wo die Vorfechter des Lagers dünner auf den Zinnen standen, die
Sturmleitern an die Mauern. Die Trojaner dagegen, durch die lange Verteidigung
ihrer Vaterstadt im Belagerungskampfe wohlgeübt, verstreuten Geschosse aller
Art, wälzten Steine und Felsblöcke auf die Schilddächer und stießen die Emporkletternden
mit Spießen darnieder. Schon setzten die angerückten Rutuler das blinde Gefecht
nicht mehr fort, sondern lenkten ihre Schritte rückwärts von den Mauern und
versuchten es nur mit Lanzenwürfen, die Teukrer vom Walle hinwegzutreiben. Endlich
richteten sie alle ihre Streitkräfte auf einen hoch emporragenden Turm, der
durch schwebende Brücken mit der Lagermauer verbunden war. Diesen zu erobern,
strengten sich die Rutuler in die Wette an: die Trojaner aber verteidigten ihn,
indem sie jetzt von der Zinne herab Steine wälzten, jetzt durch hohle Schießscharten
Pfeile hinunterschnellten. Endlich schleuderte Turnus eine Brandfackel, die,
an die Seite des Turmes sich anhängend, das Getäfel ergriff. Ehe die Verteidiger
sich flüchten konnten, stürzte das unterhöhlte Gebälk zusammen, und krachend
setzte sich der Turm zu Boden. Die einen fielen mit ihm, von den eigenen Waffen
durchbohrt, die andern spießten sich in die Trümmer des Holzes; und viele von
denen, die noch unversehrt waren, sahen sich bald von den Scharen des Turnus
umringt und wurden niedergehauen. Endlich erwehrten sich die Trojaner der Zudrängenden.
Der Knabe Askanius, der bisher nur fliehendes Wild mit seinen Pfeilen zu erlegen
gewohnt war, durchbohrte dem Remulus, der kürzlich des Turnus jüngere Schwester
gefreit hatte und auf diese Auszeichnung stolz prahlend auf die Teukrer eindrang
und sie feige Phrygier schalt, das Haupt mit einem sicheren Pfeilschuß. Die
Trojaner jubelten, und die erschreckten Feinde machten einen Schritt rückwärts.
Julus wollte sie verfolgen. Da stellte sich ihm Apollo selbst, dem alten Waffenträger
seines Großvaters, der ihm vom Vater beigegeben war, an Gestalt und Stimme gleich,
in den Weg und sprach: »Sohn des Äneas, dir genüge, daß du einen Helden ungestraft
erlegt hast; diesen Beginn deines Ruhmes hat Apollo dir vergönnt, für jetzt
aber meide den Krieg!« Die Fürsten Iliums erkannten die Gegenwart des Gottes
und hielten den Julus vom weitern Kampfe ab. Sie selbst aber erneuerten das
Gefecht; und der Schlachtruf tönte um die äußersten Bollwerke der Mauer fort.
Als die innerhalb der Tore aufgestellten trojanischen Wächter hörten und sahen,
wie ihre Freunde draußen so mutig und kraftvoll kämpften, faßten Pandarus und
Bitias, die Söhne Alcanors vom Berg Ida, stark und schlank wie ihre heimischen
Tannen, den trotzigen Entschluß, das ihnen vom Feldherrn anvertraute Tor zu
öffnen und im Übermute den Feind in die Mauern einzuladen. Sie selbst aber standen
inwendig mit blinkenden Schwertern rechts und links am Eingang, und von ihren
hohen Helmen nickten die Federbüsche. Als die Rutuler die Torflügel offen sahen,
stürmten sie, ohne sich zu besinnen, hinein. Aber vier oder fünf ihrer Helden,
mit einem ganzen Gefolge von Kriegern, fielen unter den Stößen und Streichen
der beiden Jünglinge oder wurden in schmählicher Flucht zum offenen Tore hinausgetrieben.
Jetzt wagten die Trojaner sich schon in dichtern Scharen zusammenzurotten;
ein regelmäßigeres Handgemenge entspann sich; und die Rutuler wurden rückwärtsgedrängt.
Als Turnus, der auf einer andern Seite stritt, die Nachricht von dieser neuen
Wendung des Kampfes erhielt, stürzte er, von gräßlichem Zorne gespornt, mit
einer auserlesenen Schar von Kriegern herbei und warf sich über eine Bahn von
trojanischen Leichen auf das geöffnete Lagertor. Seine mächtige Lanze, aus der
Ferne geschleudert, durchbohrte den Bitias, daß der Boden von seinen fallenden
Riesengliedern bebte und der Schild auf den Liegenden herniederrasselte. Die
Trojaner flohen zurück in das Tor, und nach drängten sich die siegenden Rutuler.
Da faßte Pandarus mit einem Blick auf die ausgestreckte Leiche seines Bruders
die Torflügel in ihren Angeln und warf sie, mit den Schultern angestemmt, in
die Wölbung zurück, daß das Tor verschlossen war und viele Trojaner im Gefechte
draußen, viele Rutuler in die Mauern eingezwängt, zurückblieben. Aber der Unbesonnene
hatte nicht bedacht, daß mitten unter den Eingeschlossenen Turnus selbst sich
befand wie ein Tiger, der in den Stall eingelassen ist. Voll Entsetzens erkannten
die Trojaner das schreckliche Gesicht und die riesigen Glieder. Nur Pandarus,
ein Riese wie er, erschrak nicht. Voll Erbitterung über die Ermordung seines
Bruders stellte er sich ihm entgegen und rief. »Hier bist du nicht im Palaste
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