Gustav Schwab - Äneas - Zweiter Teil
admin am Mrz 29th 2008
begleitet. Bald waren sie über die Gräben hinaus und kamen im Dunkel der Nacht
an die schlummernden Posten der Rutuler. Diese lagen voll Trunks und Schlafes
zerstreut auf dem Rasen, zwischen Wagenrädern, Riemen und umherliegenden Waffen.
»Die Gelegenheit ruft«, sprach Nisus leise zu seinem jungen Freund; »halte du
mir den Rücken frei; ich will dir aufräumen und uns eine Gasse machen.« Während
er so mit gedämpfter Stimme redete, hieb er den ersten Wächter, den Vogelschauer
des Königs Turnus, Rhamnes, der aus voller Kehle schnarchend dalag, samt drei
sorglosen Knechten nieder; dann den Waffenträger des Remus, den er mitten unter
seinen Rossen überraschte und ihm den gesenkten Hals abhieb, und dann den Herrn
selbst. Auch Euryalus war nicht müßig; beide tobten wie Löwen in den Hürden
und richteten ein furchtbares Gemetzel unter den Wächtern an. Ja, Euryalus drang
schon bis zu den Wachtfeuern des Rutulerfeldherrn Messapus vor, die im Verglimmen
waren und dessen angebundene Wagenrosse gemächlich das Gras abweideten. Aber
Nisus rief ihn zurück. »Siehst du nicht«, sprach er warnend, »daß das Morgenlicht
schon anzubrechen droht? Rache ist ja geübt und Bahn gebrochen.« So ließen sie
auch alle Beute liegen, und Euryalus nahm nur den Pferdeschmuck des Rhamnes
mit und schlang sich seinen Schwertgurt um die Schulter; auch setzte er sich
freudig den bebuschten Helm des Messapus aufs Haupt, den er bei den vordersten
Wachtfeuern aufgelesen und der ihm gerade paßte. Darauf verließen sie das feindliche
Lager und gewannen das Freie.
Aber um dieselbe Zeit zogen aus der Latinerstadt dreihundert Reiter mit Schilden
unter ihrem Führer Volscens, welche dem Fürsten Turnus Botschaft vom Könige
zu bringen hatten, dieser Straße. Sie waren schon ganz nahe am Lagerwall, als
sie von ferne die beiden eilenden Gestalten bemerkten und im dämmernden Frührote
den unbesorgten Euryalus der erbeutete Helm mit seinem tückischen Schimmer verriet.
»Halt! Ihr seid in Waffen!« schrie Volscens bei diesem Anblicke, »wo eilet ihr
hin?« Jene antworteten nicht, sondern flüchteten sich in den Wald und vertrauten
auf die Dämmerung. Aber die Reiter, der Nebenwege kundig, warfen sich in das
Gehölz und versperrten alle Ausgänge mit Wachen. Der Wald war mit dichten Eichen
und wilden Gesträuchen bewachsen, und kaum sichtbar schimmerte der Fußpfad durch
das Dickicht. Den Euryalus hemmte die Beute, und die Furcht täuschte ihn über
die Richtung des Weges. Nisus aber entkam glücklich aus dem Wald und eilte schon
sorglos auf den See zu, der später den Namen Albanersee erhielt. Jetzt erst
stand er stille und sah sich vergebens nach dem fehlenden Freunde um. »Euryalus«,
rief er wehklagend, »wo bist du, Armer, wo find ich dich?« Und nun warf er sich
aufs neue in den verworrenen Wald. Dort vernahm er bald Rossegestampf, Lärm
und die Trompeten der Nachhut; und es währte nicht lange, so ward er das ganze
Reitergeschwader ansichtig, das den übermannten Euryalus mit sich fortschleppte.
Was sollte er tun? Welche Hoffnung war, den armen Jüngling zu befreien? Sollte
er sie aufgeben und sich den Tod in den starrenden Schwertern suchen? Er hielt
inne, dann drehte er mit zurückgebogenem Arme plötzlich den Speer empor, und
zum Mond aufblickend, der blaß am morgendlichen Himmel stand, betete er: »Luna,
Beschützerin der Wälder, Latonas Tochter, wenn dir je mein Vater für mich geopfert,
wenn ich selbst je dir meine Jagdbeute geweiht, lenke meinen Speer und laß diese
Rotte mich zerstreuen!« So sprach er und schleuderte mit Leibeskraft seine Lanze.
Diese drang dem abgekehrten Rutuler Sulmo in den Rücken und zur Brust heraus,
daß er sich zuckend auf dem Boden wälzte. Erschrocken schauten sich die Reiter
in der Runde um. Da flog das zweite Geschoß des Nisus und durchbohrte einem
andern Rutuler, dem Tagus, knirschend beide Schläfen. Volscens, der Anführer
der Reiter, geriet in Wut, denn nirgends erblickte er den Speerschwinger; grimmig
rief er: »So bezahle denn du mir mit deinem Blute für beide!«und ging mit entblößtem
Schwerte auf den Euryalus los. Vor Entsetzen schreiend, brach Nisus jetzt aus
seinem Verstecke hervor. »Ich bin der Täter«, rief er, »auf mich nur richtet
eure Schwerter; der ganze Betrug rührt von mir her! Ich schwör es euch, dieser
ist unschuldig; nur Liebe zum unglücklichen Freund war sein Vergehen!« Sein
Rufen kam zu spät; Volscens hatte dem Knaben schon das Schwert durch die Brust
gestoßen, dieser wälzte sich im Tode, die schönen Glieder überströmte das Blut,
und sein Hals neigte sich auf die Schultern, wie eine purpurne Blume, vom Pfluge
durchschnitten, dahinsinkt, wie ein blühender Mohnstengel sein vom Regen belastetes
Haupt zur Erde neigt. Da warf sich Nisus in den Feind, stieß den Andrang der
Reiter rechts und links zurück, ging gerade auf den Führer Volscens los und
bohrte sein blitzendes Schwert in des schreienden Feindes Mund, daß er sterbend
vom Rosse fiel. Dann warf er sich über den Leib seines getöteten Freundes und
ruhte, ganz von den Geschossen der Reiter durchbohrt, über dem Leichnam im Frieden
des Todes.
Die Reiterschar zog den erschlagenen Feinden die Rüstung ab, trug ihre Leichname
mit dem ihres Anführers Volscens in das Lager des Turnus, und bald mußten die
Trojaner von den Türmen ihres Lagers herab mit Grausen die von schwarzem Blute
noch triefenden gespießten Köpfe der beiden Jünglinge schauen, die sie mit so
zuversichtlichen Hoffnungen entlassen hatten. Die Kunde des Unglücks verschonte
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