Gustav Schwab - Äneas - Dritter Teil

admin am Mrz 29th 2008

Latinus selbst floh mit den Götterbildern, durch den Bruch des Bündnisses vertrieben;
die einen schirrten ihre Wagen an, die andern schwangen sich aufs Roß, und andere
stürzten sich mit gezogenen Schwertern ins Handgemenge. Ein fürchterliches Morden
erhob sich.

Äneas aber streckte die unbewehrte Rechte gen Himmel, warf sich unverhüllten
Hauptes mitten unter die Seinigen und rief»Wo rennet ihr hin, Freunde, welche
plötzliche Zwietracht hat sich erhoben? Hemmt doch eure Wut; der Bund ist ja
geschlossen, die Bedingungen sind festgesetzt. Wer hindert uns Führer am Kampf?«
Aber indem er noch sprach, schwirrte von unbekannter Hand ein Pfeil daher, und
verwundet mußte der Held den Kampfplatz verlassen.

Sowie Turnus sah, daß Äneas den Platz räumte und die Führer der Trojaner in
Verwirrung gerieten, verlangte er Pferde und Waffen, schwang sich auf den Wagen,
lenkte die Zügel in die Schlacht und richtete mit seinen Speeren Verheerung
unter den Feinden an oder zermalmte sie unter seinen Rädern. Während er so auf
dem Schlachtfelde Leichen auf Leichen häufte, brachten Mnestheus und Achates
im Geleite des Askanius den verwundeten Äneas ins Lager zurück, blutend und
Schritt für Schritt auf seinen Speer gestützt. Vergebens strengte er sich an,
den im Leibe haftenden Pfeil am zerbrochenen Rohre herauszuziehen; er verlangte,
daß die Wunde ausgeschnitten werde: Japyx, der Arzt, erschien; auf die Waffe
geneigt, stand vor ihm der Held, unbewegt unter seinen weinenden Genossen. Der
Alte aber, in der Heilkunst wohlerfahren, brauchte kein gewaltsames Mittel,
sondern suchte mit wirksamen Heilkräutern den Pfeil in der Wunde locker zu machen,
faßte das Eisen mit packender Zange, rüttelte mit der Hand an dem Rohr; doch
alle seine Kunst war nicht vermögend, das Geschoß herauszuziehen. Und während
er sich vergebens abmühte, sah man schon die Staubwolke der feindlichen Reiter,
dichte Geschosse fielen bereits ins Lager, und das Geschrei der Kämpfenden näherte
sich.

Äneas geheilt. Neue Schlacht. Sturm auf die Stadt

Da erbarmte sich Venus ihres gefährdeten Sohnes. Sie pflückte auf dem Idagebirge
der Insel Kreta das herrliche Kraut Diktamnum mit seinen saftigen Blättern und
purpurnen Blumen, brachte es, in eine dichte Wolke gehüllt, ins Lager herbei
und träufelte von seinem Safte heimlich und allen ungesehen in den Kessel, in
welchem die Heilkräuter des Arztes brodelten; dazu mischte sie noch Tropfen
Ambrosias und das duftende Panazeenkraut. Japyx ahnete hiervon nichts; aber
als er noch einmal die Wunde mit seinem Kräutersafte wusch, siehe, da entfloh
plötzlich der Schmerz aus dem Leibe des Helden, zuinnerst in der Wunde versiegte
das Blut; der Pfeil folgte von selbst und zwanglos der berührenden Hand und
fiel aus dem Leibe heraus. Sichtlich waren dem geheilten Äneas die Kräfte zurückgekehrt.
»Was zögert ihr?« rief der Arzt ganz vergnügt; »schnell dem Helden die Waffen
gebracht! Das ist nicht aus menschlicher Macht, nicht nach den Gesetzen der
Heilkunst erfolgt, das hat ein Größerer getan denn ich, und zu größeren Taten
treibt er dich an, o König!« Äneas, nach Kampfe lechzend, legte schnell Schienen
und Panzer an, zürnte allem Verzug und war froh, als er endlich den Helm auf
dem Haupte sitzen hatte und den Speer in den Händen schwang. In voller Waffenrüstung
umarmte er seinen Sohn Askanius, küßte ihn streifend durch das Helmgitter und
sprach: »Lerne von mir die Tapferkeit, mein Kind, und die wahre Beharrlichkeit;
das Glück aber lerne von andern!« Dann schritt die gewaltige Heldengestalt aus
den Lagertoren; Antheus und Mnestheus mit dichter Reiterschar drängten sich
ihm nach; alles Volk strömte aus dem Lager, und ein wolkiger Staub verkündigte
dem Turnus die Nahenden. Ein Schauder lief ihm durch Mark und Bein. Auch seine
Schwester Juturna wandte sich mit ihm, bebend vor Furcht, zur Flucht, und bald
tobte der Trojanerheld in der Schlacht wie eine Windsbraut. Da fiel auch der
Seher Tolumnius, der zuerst das Geschoß in die Reihen der Feinde geschleudert
hatte.

Die Halbgöttin Juturna aber stieß auf ihrer Flucht den Metiskus, den Wagenlenker
ihres Bruders, vom Sitze, schwang sich in seiner Gestalt selbst zum Bruder empor,
ergriff die Zügel und schwirrte nun mit ihm wie eine Schwalbe mitten durch den
Feind, bald da, bald dort ihn zeigend, dann wieder abwegs ihn führend, so daß
niemand ihn zum Kampf einholen konnte. Auf allen Wendungen verfolgte Äneas den
Flüchtigen, blieb ihm unaufhörlich auf der Spur und rief ihn durch zersprengte
Geschwader von Feinden aus der Ferne zum Kampfe herbei. Sooft er aber nahe kam,
drehte Juturna den Wagen auf die Seite und ermüdete durch seine Beugungen den
vergebens nachfolgenden Helden. Nun rannte der Latiner Messapus, der eben zwei
Speere in der Linken wiegte, herbei und schleuderte einen davon mit sicherem
Schwunge dem Trojaner entgegen. Äneas stand stille, zog die Glieder ein und
bückte sich ins Knie. Der Speer fuhr über ihn hin, doch so, daß er ihm den Helmbusch
vom Scheitel stieß. Da rief Äneas die Götter zu Zeugen des gebrochenen Bundes
auf und stürzte sich zum schonungslosen Morde tief unter die Feinde.

Dann legte ihm seine Mutter Venus den Anschlag ins Herz, ohne Verzug seine
Streitmacht seitwärts zu wenden und die Latiner durch unerwartete Not in Verwirrung

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