Gustav Schwab - Äneas - Dritter Teil

admin am Mrz 29th 2008

zum fortlaufenden Kampf über seinen Leichnam, und dieser blieb vergessen im
Staube liegen. Nach dem Tode der Führerin begann nun zuerst das Reitergeschwader
Kamillas zu fliehen, darauf auch die Rutuler. Alle flogen mit abgespannten Bogen,
die Rosse antreibend, über das Blachfeld hin. Eine schwarze Wirbelwolke von
Staub wälzte sich den Stadtmauern entgegen, von den Zinnen stieg ein Jammergeschrei
der Mütter in die Lüfte; und bald waren die Tore von den nachfolgenden Scharen
fast zugleich mit den Feinden erreicht, und unter Gemetzel drangen die Sieger
in die Stadt ein. An andern Stellen wurden von den verzweifelten Bürgern die
Stadtpforten vor den Flüchtenden geschlossen, und diese, zu den Feinden hinausgesperrt,
erlagen den Geschossen der siegreichen Gegner vor den Toren.

Unterdessen drang die Schreckenskunde auch zu Turnus in das dunkle Waldtal;
denn Akka suchte ihn in seinem Hinterhalte auf und brachte ihm von dem Tod ihrer
Herrin und der verlornen Schlacht unzweifelhafte Nachricht. Von Wut und Schmerz
im Innersten zerrissen, verließ er auf der Stelle das Gehölz und stürmte nach
der Ebene hinab. Kaum hatte er sein Versteck verlassen, als Äneas vom Gebirge
her in die Schluchten des Tales mit den Seinigen sorglos eingedrungen kam und
bald aus der finstern Waldung heraustretend auf der Ebene vor der Stadt sichtbar
wurde. Da sah er den Heerhaufen des Turnus vor sich her ziehen. Auch dieser
hörte Heerestritt und Roßgeschnaube hinter sich, erkannte umgewandt den grimmigen
Äneas und stellt sich in Schlachtordnung ihm gegenüber auf. Wäre nicht die Sonne
schon im Sinken gewesen, auf der Stelle hätten beide Heere den Kampf der letzten
Entscheidung ausgefochten.

Unterhandlung. Versuchter Zweikampf. Friedensbruch. Äneas meuchlerisch verwundet

Als Turnus sah, daß die Latiner, von den Feinden gedemütigt, ihre Blicke alle
auf ihn allein richteten und ihn an sein Versprechen zu erinnern schienen, überflog
eine Schamröte sein Gesicht, und sein Herz schlug ihm stolzer in der Brust.
Wie ein verwundeter Löwe sich aufs neue ernstlich zur Wehr setzt, die zottige
Mähne fröhlich schüttelt und den Speer des Jägers, der ihm im Leibe sitzt, zerbricht,
mit den blutigen Zähnen dazu knirschend, so entbrannte der Ungestüm des hohen
Jünglings wieder. Er trat vor seinen Schwiegervater Latinus und sprach: »An
mir soll der Verzug nicht liegen, wenn nur die feigen Trojaner ihr gegebenes
Wort nicht brechen! Laß Opfertiere herbeischaffen, Vater, und schließe den Bund!
Entweder schickt mein Arm heute noch den asiatischen Flüchtling zum Orkus hinunter
und rächt unsere Schande, oder ich erliege seinem Schwert, und er mag deine
Tochter Lavinia als Gattin heimführen!« Ihm antwortete Latinus mit ruhigem Herzen:
»Je mehr du an trotziger Tapferkeit alle besiegest, hochherziger Jüngling, desto
mehr ist es meine Pflicht, dich zu beraten und alle Glücksfälle des Schicksals
sorgfältig zu überlegen. Von Daunus, deinem Vater her ist ein großes Reich dein,
und du hast ihm manche Stadt durch Eroberung hinzugefügt. Gold und Gunst wird
dir durch Latinus zuteil. Latium hat noch genug andere Bräute, die auch nicht
unedlen Stammes sind. Laß mich dir die ganze Wahrheit sagen, so schmerzlich
sie dir auch sein mag: Einem von den vorigen Freiern meine Tochter zu geben,
verhinderte mich der Warnungsspruch von Göttern und Menschen; dir zulieb aber,
getrieben durch die Verwandtschaft, durch die Tränen meiner Gemahlin, überwand
ich alle Zweifel, nahm dich zum Eidam an und habe mich in diesen ungesegneten
Krieg eingelassen. Unser Schicksal siehest du. Du allein stehest dem Frieden
im Wege. Entsage meiner Tochter und verlange nicht von mir, das erst auf den
zweifelhaften Ausgang eines Zweikampfes ankommen zu lassen, was du mir sogleich
als Gewißheit zu gewähren vermagst! Denk an das ungetreue Kriegsglück! Erbarme
dich auch deines bejahrten Vaters, den der Gram um dich in deiner Vaterstadt
Ardea verzehrt.«

Aber keine Worte vermochten den Rutuler umzustimmen, ja er wurde durch diese
sanfte Rede nur noch wilder entflammt. Nicht einmal die Bitten, die Tränen und
Umarmungen der Königin wirkten auf sein Herz. Da kam endlich, von den Wehklagen
ihrer Mutter aufgeschreckt, auch seine Braut Lavinia herbeigeeilt. Tränen rannen
ihr über die heißen Wangen, und die große Verschämtheit jagte ihr die Glut über
das Angesicht. Wie Elfenbein von Purpur überlaufen, wie Lilienschnee von Rosen
angeschimmert, so spielten die Farben auf ihrem jungfräulichen Antlitz. Turnus
heftete einen Blick auf die Geliebte, und seine Gedanken verwirrten sich einen
Augenblick; aber die Hoffnung, den verhaßten Nebenbuhler zu besiegen, entflammte
ihn noch mehr zum Streit, und er sprach zu der Königin gewendet: »Mutter, ich
bitte dich, verfolge mich nicht mit deinen Tränen, mit deiner bangen Ahnung;
Turnus hat keine Wahl mehr!« Dann rief er einen seiner Streitgenossen und sagte
zu ihm: »Du, Idmon, eile zum trojanischen Führer und verkündige ihm ein Wort,
das ihn nicht freuen wird. Er soll am nächsten Morgen seine Trojaner nicht zum
Streite führen, wie ich meine Rutuler nicht: wir lassen die Heere von allem
Streite ruhen; aber wir beide, sobald die Sonne am Himmel aufgegangen ist, wollen
mit unserem Blute den Krieg entscheiden, nur auf diese Weise soll das Schlachtfeld
bestimmen, wem Lavinia als Gattin folgen wird.«

Nun ließ Turnus, ins Innere der Burg zurückgekehrt, seine schneeweißen, windschnellen

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