Gustav Schwab - Äneas - Dritter Teil
admin am Mrz 29th 2008
hatte und die in Krieg und Frieden ihre treuen Begleiterinnen waren. Eine Menge
Phrygier stürzten unter ihren Würfen und Streichen. Endlich begegnete ihr im
Kampfe auch einer der tapfersten Apenninenbewohner, als sie eben dem kühnen
Orsilochus durch den Helm das Haupt gespalten hatte, der streitbare Sohn des
Aunus, ein Ligurier. Der Anblick der furchtbaren Frau schreckte ihn, und als
er sah, daß es ihm nicht mehr möglich war, dem Kampfe zu entrinnen und die ihn
bedrängende Feindin abzulenken, sann er auf eine neue List und rief: »Was ist
es denn so ein Großes, wenn ein Weib sich einem tapfern Rosse anvertraut! Entsag
einmal dem flüchtigen Umherschweifen, steige von deinem Pferde und versuche
den Kampf mit mir auf ebenem Boden; dann wollen wir sehen, ob dein windiges
Prahlen standhält!« Diese Worte waren ein Stachel in das Herz der Jungfrau,
sie übergab ihrer nächsten Gefährtin das Pferd und stellte sich dem Jünglinge,
nur mit Schwert und Schild bewaffnet, zum gleichen Fußkampfe. Der Jüngling aber
glaubte seinen Betrug gelungen; ohne abzusteigen gab er seinem Pferde die Sporen
und ergriff mit umgewandtem Zügel die Flucht. »Betrüger!« rief die Heldin, als
sie ihn fliehen sah, »du sollst die Künste deiner Heimat umsonst versucht haben,
und deine List wird dich nicht zum verschlagenen Aunus zurückbringen!« Zugleich
eilte sie mit geflügelten Sohlen dem Rosse voran, fiel ihm in die Zügel und
stieß von vorn dem Reiter das Schwert in den Leib.
Aber auch auf der Gegenseite erhob sich ein gewaltiger Held, der Etruskerkönig
Tarchon. Dieser trieb weichende Scharen vor sich her, belobte die Seinigen mit
ermunterndem Zurufe, nannte jeden mit Namen, frischte die Zurückgedrängten zu
neuem Kampfe auf und trieb unbekümmert um den Tod sein Roß mitten in die Schlacht
hinein. Hier stieß er auf den Venulus, dem er sich stürmisch entgegenwarf, ihn
vom Pferde riß und mit der rechten Hand umschlingend auf seinem eigenen Rosse
im Fluge davontrug.
Mit Blicken und Geschrei folgten die staunenden Latiner dem Eilenden, der im
Laufe seinem Feinde mit dem abgebrochenen Schafte seiner eigenen Lanze zwischen
den Fugen der Rüstung eine Todeswunde zu versetzen strebte. Venulus aber erwehrte
sich des Streichs und hielt die Hand vor die Kehle. So war das Paar anzuschauen
wie ein Adler, der eine geraubte Schlange durch die Lüfte entführt: das blutende
Tier ringelt sich, bäumt sich immer höher und zischt mit dem Munde; der Vogel
aber läßt die Beute nicht aus dem krummen Schnabel fahren und peitscht die Lüfte
mit seinen Flügeln. Dem Glück und Beispiel ihres Führers folgten die Etrusker
und stürmten wieder mutiger voran.
Auch Kamilla fand einen kühnen Gegner in den Reihen der Etrusker. Der Held
Arruns schwärmte mit seinem Speer um die rasche Amazone her und wich ihr nicht
von der Seite, nach welcher Stelle des Treffens die Wut sie auch führen mochte.
Nun verfolgte Kamilla gerade den phrygischen Cybelepriester Chloreus, dessen
schuppiger Erzpanzer mit goldenem Geflecht wie ein gefiedertes Gewand sich um
seinen Leib legte und den ein Überwurf von dunklem Purpur bedeckte. Ein goldener
Helm strahlte auf seinem Haupte, ein Köcher aus Gold tönte um seine Schultern,
und vom Bogen schoß er die schärfsten Pfeile. Sein ausländisches Waffengeschmeide
machte die volskische Jungfrau lüstern, und sie verfolgte ihn, sei es, um die
trojanische Wehr als Siegesbeute in einem italischen Tempel aufzuhängen, sei
es, um selbst in dem erbeuteten Golde zu prangen. Als sie nun ganz mit Sinn
und Blick auf diesen Feind gerichtet war und den Arruns aus den Augen gelassen
hatte, schnellte dieser, zu Apollo flehend, daß er die Schmach der verbündeten
Waffen tilgen und auch ihn nicht einem Weib unterliegen lassen wolle, plötzlich
und unversehens den Speer. Phöbus nickte ihm den halben Wunsch zu. Die umringenden
Volsker hörten die Lanze daherrauschen und suchten mit den Augen ihre Königin.
Sie selbst aber dachte an keine Gefahr, bis ihr das Geschoß in der Brust haftete
und ihr jungfräuliches Blut aus der Wunde drang. Zitternd eilte die Schar ihrer
Gefährtinnen herbei, und sie faßten ihre Herrin in den Armen auf. Arruns aber,
über seine eigene Tat wie erschrocken, entfloh vor Freude und Furcht bebend,
so wie ein Wolf, nachdem er einen Farren oder einen Hasen erwürgt hat, noch
ehe die Pfeile ihn verfolgen, plötzlich vom Wege abweicht und mit eingezogenem
Schweif sich in die Waldungen flüchtet. Geradeso stahl sich Arruns hinweg und
mischte sich hastig fliehend unter die Reiter. Kamilla aber zog sterbend an
dem Eisen, dessen Spitze ihr eine tiefe Wunde in die Rippen gewühlt hatte, ihre
Augen brachen, der Purpur der Wangen wich von ihrem Angesichte. Mit schwachem
Atem sprach sie zu Akka, der liebsten ihrer Gespielinnen: »Fleuch, du Liebe,
und überbring dem Turnus meine letzten Befehle, denn um mich her wird alles
Nacht: Er soll hinfort den Kampf leiten und die Stadt vor den Trojanern beschützen!«
So sprach sie, ließ die Zügel fahren und glitt, noch immer widerstrebend, vom
Rosse auf den Boden herab, neigte dann Haupt und Hals und verschied.
Die Volsker erhoben ein Geschrei der Verzweiflung bei ihrem Tode, und nach
ihrem Fall entbrannte die Schlacht noch wilder. Da traf auch den Mörder Kamillas,
den Etrusker Arruns, ein Pfeil, von unsichtbarer Hand abgeschossen; es war Dianas
Schuß, die ihre geliebte Jägerin rächte. Die Freunde des Getöteten schritten
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