Gustav Schwab - Äneas - Dritter Teil
admin am Mrz 29th 2008
will es sein! Was wird uns der Ätolier Diomedes und seine Pflanzstadt helfen,
wenn unser eigener Arm, wenn Latium, wenn ganz Volskerland, das sich für uns
erhoben hat, es nicht vermag? Wenn es sich aber nur um meine Seele handelt,
die ist euch längst geweiht; wenn es wahr ist, daß Äneas mich allein herausfordert:
ich bin Turnus; er soll mich finden!«
Während die Latiner so sich über die Lage ihres Reichs zankten, kam Äneas mit
seinem ganzen Gefolge heran, und plötzlich stürmte die Botschaft durch den Palast,
daß die Trojaner und Etrusker vom Tiberstrome hergezogen kommen.
Neue Schlacht. Kamilla fällt
Die Versammlung stäubte auseinander, aus der ganzen Stadt warf sich alles in
Hast auf die Mauern. Die Stadttore wurden mit Gräben verschanzt, Steine wurden
aufgehäuft, Palisaden in den Boden gerammelt, das Schlachthorn schmetterte;
Mütter und Männer stellten sich in bunten Reihen auf den Mauerkranz. Auf einem
hohen Wagen fuhr die Königin Amata und an ihrer Seite ihre Tochter Lavinia,
die Ursache so vielen Leides, ihre reizenden Augen auf den Boden gesenkt, durch
den Schwarm der Frauen nach der Burg der Stadt, um dort im Tempel der Minerva
Gebet und Opfer darzubringen.
Turnus selbst gürtete sich eilig zum Kampfe. Bald starrte er im schuppigen
Erzharnisch, legte sich die Goldschienen an die Beine und schnallte sich das
Schwert an die Seite. Dann setzte er sich den goldenen Helm aufs Haupt und eilte,
funkelnd vom Kopfe bis auf die Sohlen und frohlockend in Siegeshoffnung, von
der Königsburg hinab. Unter dem Tore begegnete ihm Kamilla, hinter sich den
Zug ihrer Volsker. Als sie den Helden erblickte, sprang die jungfräuliche Königin
vom Rosse, und ihr folgte das ganze Geschwader. Dann sprach sie zu dem Rutulerfürsten:
»Turnus, wenn anders ein Starker mit Recht auf sich selbst vertraut, so gelobe
ich heute, die Schar des Äneas zu bestehen und mich allein mit meinen volskischen
Reitern ihm entgegenzuwerfen.«
Solch Anerbieten war dem Helden willkommen. »Dieser Mut«, erwiderte er, »erhebt
dich, o Jungfrau, hoch über dein Geschlecht und in den Rat der Männer. Von nun
an sollst du die ganze Kriegsarbeit mit mir teilen. Meine Späher melden mir,
daß Äneas seine leichten Reitergeschwader vorausgesandt hat; er selbst mit dem
schweren Heerhaufen schreitet über den Bergrücken auf die Stadt zu. Dort will
ich ihm in einem waldumwachsenen Hohlweg einen Hinterhalt bereiten und beide
Schlünde des engen Pfades mit Kriegern besetzen. Du dagegen sollst die etruskischen
Reiter mit deiner Reiterei empfangen, und ich gebe dir den Helden Messapus mit
den latinischen Geschwadern bei. Die Oberfeldherrnschaft aber sei dir selbst
anvertraut, unvergleichliche Jungfrau!«
Nach diesen Anordnungen ging Turnus seinen eigenen Weg. Durch ein enges Tal
mit vielen Krümmungen, das von beiden Seiten eine schwarze Bergwand voll Waldes
begrenzte, führte ein schmaler Fußpfad. Drüberhin, zuoberst auf dem Bergesgipfel,
lag zwischen Wäldern verborgen ein ebenes Feld, wo sich ein sicherer Hinterhalt
aufstellen ließ und von wo aus man rechts oder links angreifen oder aber von
der Höhe herab Steine ins Tal herniederwälzen konnte. Dorthin zog Turnus mit
seinen Scharen und lagerte sich auf der Höhe und in den Wälderschluchten.
Während dieses geschah, rückten die Trojaner und ihre etruskischen Bundesgenossen
mit den Reitergeschwadern immer näher an die Mauern. Die Rosse brausten durch
die Ebene, eine eiserne Saat von Spießen starrte, und die Felder schienen von
den erhobenen Waffen zu brennen. Gegenüber erschienen die Latiner, Messapus
mit seinem Bruder Koras an der Spitze, und die Reiterei der Volsker, von Kamilla
angeführt. Als die Heere einander auf Speerwurfs Weite nahegekommen waren, standen
sie einen Augenblick still und brachen dann plötzlich mit Geschrei hervor, ermunterten
ihre Rosse, und von allen Seiten flogen Geschosse wie Schneeflocken, so daß
die Luft ganz verdunkelt wurde. Sobald die feindlichen Scharen Speer gegen Speer
miteinander kriegten, fing die Schlachtordnung der Latiner zu wanken an; sie
warfen bald die Schilde auf den Rücken und lenkten ihre Rosse nach der Stadt
hin. Aber ihre Flucht war nur verstellt; sowie sie bei den Mauern angekommen
waren, drehten sie sich wieder und warfen sich, wie die Ebbe, die in die Flut
umschlägt, mit erneutem Feldgeschrei auf die verfolgenden Etrusker, die nun
ihrerseits wieder zurückwichen. So ging es zweimal, und erst das drittemal wurde
das Treffen zur stehenden Schlacht, wo alle sich untereinandermengten und Mann
sich Mann zum Kampfe auswählte. Jetzt erscholl bald ein Geächze von Sterbenden;
Waffen und Leichen wälzten sich im Blutstrome, halblebende Rosse lagen unter
Leichnamen vermischt, und andere bäumten sich über ihren abgeworfenen Reitern.
Mitten im Morden frohlockte, einer Amazone gleich gekleidet und aufgeschürzt,
die Volskerin Kamilla, sandte bald Pfeile vom Bogen, bald schlanke Lanzen mit
der Hand, bald griff sie zur Streitaxt, und auf ihrer Schulter schallte klirrend
ihr goldener Köcher. Wenn sie auch einmal mit ihrem Rosse umlenkte und weichend
über den Plan hinflog, so wendete sie doch noch den Bogen rückwärts und schickte
im Fliehen einen Pfeil ab. Ein auserlesenes Gefolge von tapfern Jungfrauen umgab
sie, Larina, Tulla und Tarpeja, welche sie sich selbst zur Gesellschaft auserkoren
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