Gustav Schwab - Äneas - Dritter Teil

admin am Mrz 29th 2008

Trojaner und Latiner hatten ihre Toten unter Tränen und Opfern bestattet; die
lauteste Wehklage und längste Betrübnis aber war bei den letztern. Trauernde
Mütter, Witwen, Schwestern, Knaben, ihrer Väter beraubt, irrten durch die Stadt
umher, verfluchten den Krieg und das Eheverlöbnis des Turnus. Diese Stimmung
verstärkte noch der Abgesandte Drances, indem er versicherte, daß nur Turnus
von Äneas verlangt, nur er zur Entscheidung des Krieges durch einen Zweikampf
herausgefordert werde. Auf der andern Seite wurde auch Turnus von der entgegengesetzten
Meinung eifrig verteidigt, ihn deckte der mächtige Name der Königin Amata; sein
eigener Ruhm und die errungenen Siege verherrlichten ihn in den Augen des Volkes.

Die Niedergeschlagenheit der Latiner vermehrte indessen eine Botschaft, durch
welche eine langgehegte Hoffnung vereitelt wurde. Im untern Teile Italiens,
in Daunien, saß, auf der Rückkehr von Troja durch die Nachstellungen seiner
treulosen Gattin von seiner Heimat Ätolien zurückgehalten, der große Griechenheld
Diomedes, der Sohn des Tydeus, und hatte dort die Stadt Argyripa gegründet.
Gleich beim Ausbruch des Krieges hatte Turnus zu diesem alten Feinde der Trojaner
einen Rutulerhelden, namens Venulus, abgeschickt, welcher demselben meldete,
daß Trojaner, von Äneas, dem Schwiegersohne des Königs Priamus, angeführt, im
Latinerlande sich festgesetzt hätten und ein zweites Troja gründen wollten.
Gegen diese verhaßten Ankömmlinge hatte Turnus die Hilfe des Königs Diomedes
verlangt. Mitten in jener Aufregung nun kam Venulus, der Botschafter des Turnus,
aus der griechischen Pflanzstadt des Diomedes zurück und brachte keine günstige
Antwort mit. Damit war die letzte Hoffnung des alten Königs Latinus verschwunden.
Niedergebeugt von Kummer, berief er die Häupter des Volkes zu einer großen Versammlung
in seinem Königspalast, setzte sich mit düsterer Stirne auf seinen Herrscherthron
und hieß den zurückgekommenen Boten mit seinen Begleitern Bericht erstatten.

»Bürger«, begann hier Venulus, »wir sahen den Helden Diomedes und die Pflanzstadt
der Argiver, unter den Eichenwäldern des Berges Garganus auf der schönen Anhöhe
gelegen. Als wir ihm Namen und Heimat gesagt, unsere Geschenke vor ihm ausgebreitet
und ihm gemeldet hatten, wer uns mit Krieg heimsuche, erwiderte uns der große
Fürst mit freundlichem Angesichte: ›O ihr glücklichen Völker Ausoniens, ihr
unter der Obhut des guten Saturnus lebenden, welch ein Schicksal stört auch
euch aus der Ruhe auf? Wir Sieger Trojas sind die elendesten unter allen Sterblichen!
Selbst Priamus müßte uns bemitleiden, wenn er schaute, wie schwer wir unsern
Übermut büßen müssen. Der Lokrer Ajax hat im Meere sein Grab gefunden; Agamemnon
liegt im eigenen Haus erschlagen; Menelaus irrt in Ägypten umher; Odysseus zitterte
vor den Zyklopen. Auch mir haben die Götter die Wiederkehr in meine Heimat mißgönnt;
erlasset mir die Erzählung! Ich bin kein Mann des Glückes mehr, seit ich es
gewagt habe, die unsterbliche Venus im Kampfe zu verwunden! Darum reizet mich
nicht zu neuen Gefechten! Seit Troja gefallen ist, bin ich kein Feind der Trojaner
mehr, denke auch nicht mit Freuden an das Übel zurück, das ich ihnen zugefügt.
Die Geschenke, die ihr mir von Hause bringet, überreichet sie dem Äneas! Ich
habe mich im Kampfe mit ihm gemessen, glaubet mir’s: er ist ein gewaltiger Mann,
wenn er sich mit seinem Schild emporbäumt und im Wirbel die Lanze dreht! Wären
nach Hektors Tode noch zwei Männer wie er in Troja gewesen, so hätte die Welt
nichts von unserm Siege zu erzählen. Darum bietet die Hände zum Frieden, solange
es noch Zeit ist; seinen Waffen seid ihr nicht gewachsen.‹«

Als Venulus seinen Bericht geendigt hatte, entstand ein murrendes Tosen in
der Volksversammlung, wie ein Gießbach durch Felsen rauscht. Als die bewegten
Lippen endlich stille wurden, sprach der König Latinus von seinem hohen Throne
herab: »Wir führen einen unglückseligen Krieg, ihr Bürger, mit unbezwinglichen
Männern, mit einem Göttergeschlecht. Beherziget deswegen, was ich euch verkünden
will. Nicht ferne von der Tiber, gegen Abend, besitze ich ein altes Gebiet,
von Rutulern und Aurunkern bebaut und beweidet und von Fichtenbergen begrenzt.
Dieses will ich den Trojanern abtreten und sie zu Reichsgenossen aufnehmen;
dort mögen sie sich ansiedeln und die verheißene Stadt begründen. Ziehen sie
es aber vor, ein anderes Land aufzusuchen, so wollen wir ihnen Erz, Schiffsbauzeug
und Hände darreichen, um sich fünfzig Ruderschiffe zu bereiten und auszurüsten.
Außerdem sollen hundert Gesandte aus den edelsten Geschlechtern von Latium sich
aufmachen, mit Friedenszweigen in der Hand, und ihnen Gold, Elfenbein und Mantel
und Thron als Reichskleinodien darbringen.«

Da stand der alte Drances in der Versammlung auf, ein reicher, beredter Mann,
obwohl kein Held im Kampfe mehr, der seit langer Zeit den Ruhm des Turnus mit
Scheelsucht betrachtete, und rief. »Vortrefflicher König, es fehlt nur eines
noch! Du solltest zu den herrlichen Geschenken, die du den Trojanern zu senden
befiehlst, auch noch die Hand deiner Tochter Lavinia hinzufügen und so den Frieden
mit einem ewigen Bund versiegeln!« Jetzt entbrannte das Herz dem Turnus, der,
eben erst von seiner Vaterstadt zurückgekehrt, sich unter die Volksversammlung
gemischt hatte. Aus der tiefen Brust emporatmend, rief er: »O Drances, sooft
der Krieg Fäuste verlangt, bist du mit der Zunge da! Jetzt aber gilt es nicht,
den Ratsaal mit Worten anzufüllen: die Feinde umringen unsere Stadt, gefochten

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